Stand: 18.07.2018 15:27 Uhr

Neuübersetzt: Die Werke eines Vorreiters

Beale Street Blues
von James Baldwin, aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow
Vorgestellt von Stefan Maelck
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Noch vor der gesetzlichen Gleichstellung behandelt Baldwin Themen wie Rassismus und Homosexualität.

James Baldwin, der schwarze homosexuelle Schriftsteller, der in den Vereinigten Staaten Mitte des vorigen Jahrhunderts mutig mit einigen Tabus aufräumte, erlebt gerade mit Neuübersetzungen eine erstaunliche Wiederentdeckung. 1973 erschien sein fünfter Roman "If Beale Street Could Talk". 45 Jahre später ist der Roman in einer neuen Übersetzung wieder erschienen. Was macht die Zeit mit so einem Text und ist er noch genauso gültig wie zu Zeiten seiner Entstehung?

Vom Blues Standard zur Metapher

Schon die Vorbemerkung weist deutlich auf das Parabelhafte hin. Die Musik, der Beale Street Blues, stammt aus dem Jahr 1916 und aus der Feder des legendären W.C. Handy. Es gibt etliche Versionen des Songs, die bekannteste kam von Louis Armstrong. Der Beale Street Blues formt den Ton und den Rhythmus des Romans.

"Die Beale Street ist eine Straße in New Orleans, wo mein Vater, wo Louis Armstrong und der Jazz geboren wurden. Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street, ist im Schwarzenviertel irgendeiner amerikanischen Stadt geboren, ob in Jackson, Mississippi oder in Harlem in New York: Alle "Nigger" stammen aus der Beale Street. Die Beale Street ist unser Erbe." Leseprobe

Die Ich-Erzählerin Tish heißt eigentlich Clementine, ist 19 und schwanger von ihrem Freund Alonzo, genannt Fonny, 22. Und Fonny sitzt im Gefängnis. Er soll eine Puerto-Ricanerin vergewaltigt haben. Tish ist von Fonnys Unschuld ebenso überzeugt wie von ihrer Schwangerschaft.

"Ich kann ja nicht einfach zu irgendwem in diesem Bus sagen, Mensch, Fonny steckt in Schwierigkeiten, er sitzt im Knast - könnt ihr euch vorstellen, was die Leute in diesem Bus zu mir sagen würden, wenn sie von mir hören, dass ich jemanden liebe, der im Knast sitzt? -, und ich weiß, dass er kein Verbrechen begangen hat, und er ist so ein wunderbarer Mensch, helfen Sie mir bitte, ihn rauszuholen." Leseprobe

Zeitlose Liebesgeschichte

Tish ist klug für ihr Alter und mitunter etwas naiv zugleich. Was sie dem Leser erzählt, könnte im Amerika der 1950er spielen genau wie in der Gegenwart. Denn vor allem ist Beale Street Blues eine Liebesgeschichte. Deshalb ist der Text so zeitlos, auch wenn es vermessen wäre zu sagen, dass die Zeit ihm überhaupt nicht zugesetzt hätte. Schwarze Autoren heute, wie die zuletzt gefeierten Jesmyn Ward oder Paul Beatty, haben ein anderes Selbstbewusstsein, aber wahrscheinlich würden alle modernen schwarzen Autoren James Baldwin als Einfluss nennen.

Neustart in Neuübersetzung?

Plötzlich ist er zurück - bei dtv hat man sich zum Ziel gesetzt, seine wichtigsten Werke sukzessive neu zu verlegen und schon die Neuübersetzung von "Go tell it on the Mountain" als "Von dieser Welt" hat eine ungeahnte Resonanz ausgelöst. Jetzt also der Roman, der schon damals den einen zu schwarz und den anderen zu wenig schwarz war - und genau dieser Konflikt wird durch die Handlung thematisiert. Fonnys Familie liebt ihn nicht, den Bildhauer, der mit Holz arbeitet, und nie auch nur irgendetwas Illegales getan hat.

"Bei ihm zu Hause gab es immer Streit. Mrs Hunt kann Fonny nicht ertragen oder kann seine Art nicht ertragen, und die beiden Schwestern sind auf ihrer Seite - vor allem, seit sie echt Probleme haben. Sie sind so erzogen, dass sie unbedingt heiraten wollen, aber weit und breit ist keiner gut genug für sie. Eigentlich sind sie beide bloß gewöhnliche Mädchen aus Harlem, auch wenn sie es bis zum City College geschafft haben, aber auf dem College hat sich einfach nichts für sie getan, gar nichts: Die Brüder mit den Abschlüssen wollten sie nicht; wer seine Frau schwarz will, will sie schwarz, wer seine Frau weiß will, will sie weiß. Da stecken sie fest, und für alles geben sie Fonny die Schuld." Leseprobe

So geraten auch die Familien von Tish und Fonny aneinander, obwohl sie doch eigentlich einen Weg suchen, um Fonny aus dem Gefängnis zu holen.

James Baldwin hat seine Vision von Menschlichkeit entworfen und verzichtet, wie Joyce Carol Oates 1974 in der New York Times schrieb, auf den "modischen apokalyptischen Exzess". Genau das macht den Text auch heute so besonders.

Infos zum Hörbuch

Beale Street Blues
Ungekürzte Lesung mit Constanze Becker
Verlag: Der Audio Verlag
ISBN: 978-3-7424-0637-8
Preis: 22,00 €

Beale Street Blues

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv Verlag
Bestellnummer:
978-3-423-28987-0
Preis:
20,00 €

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