Stand: 04.06.2018 15:36 Uhr

Die Welt des Mittelalters

Die Erben der Erde
von Ildefonso Falcones, aus dem Spanischen von Michaela Meßner, Laura Haber und Carsten Regling
Vorgestellt von Christiane Irrgang
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Mit "Die Erben der Erde" taucht Ildefonso Falcones tief ein in die Welt des Mittelalters.

Mit seinem Debütroman "Die Kathedrale des Meeres" gelang Ildefonso Falcones 2007 auf Anhieb ein riesiger Erfolg. Weltweit wurden mehr als sieben Millionen Bücher verkauft. Die aufwendige Verfilmung sahen in Spanien 4,5 Millionen Menschen im Fernsehen und Online. Bei uns wird "Die Kathedrale des Meeres" im Herbst als Serie auf Netflix ausgestrahlt. Unterdessen hat der Jurist aus Barcelona die Fortsetzung des Bestsellers herausgebracht: "Die Erben der Erde".

Vom Hafen Barcelonas in die Weinberge

In dem Roman hat Falcones den "Bastaixos" ein Denkmal gesetzt, den stolzen Hafenarbeitern von Barcelona, die im 14. Jahrhundert durch kostenlose Arbeitseinsätze maßgeblich zum Bau "ihrer" Kirche Santa María del Mar beitrugen. Der Protagonist von "Die Erben der Erde" ist Hugo Llor, Sohn eines Seemanns, den das Schicksal vom Hafen in den Weinberg versetzt.

"Barcelona ist auch diesmal Hauptperson des Romans. Man muss bedenken, dass im Mittelalter und noch bis ins 19. Jahrhundert niemand ohne Grund eine Reise unternahm", so Ildefonso Falcones. "Ich wollte aber eine Figur an verschiedene Orte im Penedès schicken, wo erfolgreich Wein angebaut wurde. Also dachte ich mir, es müsste ein Weinbauer oder ein Weinhändler sein, denn der würde reisen, anders als die Leute sonst."

Sein Handwerk lernt Hugo von einem Juden, und damit betritt er eine Welt, die gute Christen im Mittelalter nach Möglichkeit meiden. Eine Jüdin ist es auch, die Hugo zur Ehe verführt, indem sie konvertiert und mit ein bisschen Erpressung nachhilft. Später wird sie zu seiner erbittertsten Feindin und wendet sich auch gegen die gemeinsame Ziehtochter.

Starke Frauen, Familienrivalitäten und Gewalteskalationen

Überhaupt die Frauen: Hugos Schwester arbeitet sich von der Magd in einem Kloster zur Äbtissin hoch, und seine maurische Sklavin versetzt mit ihrem herrischen Auftreten den ganzen Haushalt in Angst und Schrecken. "Sie sind mächtig! Mir gefällt dieser Frauentyp. Natürlich leiden diese Frauen auch, einige von ihnen sind schließlich Sklavinnen oder Jüdinnen. Und in jener Zeit wurden Frauen wirklich schlecht behandelt. Aber ich mag sie in starken Rollen."

Selbstbewusst und ohne Scham fordern die Frauen auch ihre sexuelle Erfüllung ein. Glücklich dürfen bei Falcones trotzdem nur wenige von ihnen werden. Alte Familienrivalitäten führen zu immer neuen Intrigen und Gewalteskalationen, und die großen Ereignisse der Politik werfen ihre langen Schatten auch auf die kleinen Leute.

Unruhige Zeiten in faszinierenden Details

In dieser Epoche passiere sehr viel, erklärt der Autor: das große abendländische Schisma, der Kompromiss von Caspe zur Regelung der Thronfolge in Katalonien und Aragón, die Ghettoisierung der Juden in Spanien. "Aber ich wollte auch die Alltagsgeschichte erzählen. Es waren sehr unruhige Zeiten in Barcelona." Bei den vielen Wirrnissen der eigentlichen Handlung darf man ruhig zeitweilig den Faden verlieren. Es sind die gründlich recherchierten Details aus der Alltags-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, die das Buch faszinierend machen.

Nur selten erlaubt Falcones sich dichterische Freiheiten, etwa wenn es um die Wein- und Schnapsherstellung geht. "Mich begeistert der Wein. Ich trinke ihn mittags und abends, und ich glaube, er ist wirklich ein Göttergeschenk, das wir ausnutzen müssen." Da wird er dann auch mal sehr ausführlich, anders als bei den politischen Ereignissen. "Es ist ein historischer Roman, kein Geschichtsbuch. Also muss man sich stark einschränken, damit der Leser nicht sagt: Das interessiert mich alles nicht. Die geschichtlichen Hintergründe können sehr interessant sein, wenn man sie in das fiktive Geschehen einbindet und wenn sie relevant für die Handlung sind." Aber er versuche, sie auf ein Minimum zu reduzieren.

Erfolgsrezept für Romane: Bösewichte, Sex, Geld und Leidenschaft

Von der Literaturkritik hält Ildefonso Falcones wenig. Eine Berufskrankheit: Als Anwalt stellt er angeblich objektive Aussagen grundsätzlich infrage. Aber zumindest im Fall der Kritiker kann er sich das leisten - er braucht sie nicht. "Historische Romane gefallen mir, sie gefallen dem Leser, und sie gefallen den Verlagen" verdeutlicht Falcones. Und an einem Erfolgsrezept sollte man nicht rühren." Die Zutaten für dieses Erfolgsrezept kennt er inzwischen im Schlaf: "Ich glaube, alle Romane brauchen das Gute und das Böse, wenn wir als Leser nicht zu kurz kommen sollen." Es müsse Bösewichte geben, Sex, Geld und Leidenschaft. Wenn ein Roman attraktiv sein soll, müsse er all diese Themen umfassen.

Ob man tatsächlich so viel Sex, Macht und vor allem Gewalt braucht, mag Geschmackssache bleiben. Sicher ist: Falcones lässt seinen Figuren kaum einen Moment Ruhe. "Interessant ist ein Leben in Bewegung. Eine monotone Lebensgeschichte ist wenig attraktiv - für mich jedenfalls." Ihm gefallen wechselnde Lebensbedingungen und die Schicksalsschläge, die ein Mensch überwinden müsse. Und genau das passiere seinem Protagonisten. Die ideale Lektüre für den Sommerabend ist dieses Buch wohl nicht. Aber wer viel Zeit hat und Lust, tief in die Welt des Mittelalters einzutauchen, der wird seine Freude daran haben.

Die Erben der Erde

von
Seitenzahl:
928 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C. Bertelsmann Verlag
Bestellnummer:
978-3-5701-0360-9
Preis:
25,00 €

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