Sendedatum: 24.07.2013 12:40 Uhr

Hoher Besuch in Düsseldorf

von Jan Ehlert
Hans Pleschinski - Königsallee (Cover) © C.H. Beck Verlag
Der Besuch Thomas Manns im Nachkriegsdeutschland sorgt für Unruhe.

"Er war nach menschlichem Ermessen meine letzte Leidenschaft" - das schrieb der Schriftsteller Thomas Mann in seinem Tagebuch über Klaus Heuser, einen 17-jährigen Jungen, den er auf Sylt kennengelernt hatte. Klaus Heuser wanderte aus, nach Indonesien und so verlor sich der Kontakt. Der Autor Hans Pleschinski - zuletzt gefeiert für sein Buch "Ludwigshöhe" - lässt die beiden am Ende des Lebens des Nobelpreisträgers wieder aufeinandertreffen. Und nicht nur sie. Königsallee heißt das Buch.

Große Erwartungen an den Ehrengast

Ganz Düsseldorf ist in Aufruhr. Es ist das Jahr 1954 und hoher Besuch hat sich angekündigt. Die Nervosität steigt stündlich, besonders im Breidenbacher Hof, dem Hotel, in dem der Ehrengast absteigen wird. Denn die Erwartungen an ihn sind hoch. Sehr hoch.

"Vor engerer Runde hatte Direktor Merck angekündigt: Dieser Mann nimmt einen Bann von Düsseldorf. Wo er erscheint, zerfließen die Schatten. Er ist Kultur, und zwar in Reinform. Wenn er zufrieden hier geweilt hat, kann nach ihm jeder kommen. Er segnet uns mit seinem Wort." Leseprobe

Versammelte Prominenz

Die Rede ist von Thomas Mann, Literaturnobelpreisträger, Weltbürger, Humanist. Und so versammelt sich die gesamte Prominenz der Stadt im Breidenbacher Hof, um ihn zu empfangen. Schließlich erscheint der lang ersehnte, gemeinsam mit Frau und Tochter. Doch es ist Katia Mann, die das Wort ergreift.

"Gerne hätten wir unseren Aufenthalt für sie vorteilhafter gestaltet, aber leider kann Thomas Mann nicht sprechen. Keine Silbe." Keine Ansprache, keine Lesung? Weshalb war er überhaupt angereist? Er hätte in Köln bleiben oder kehrtmachen können!" Leseprobe

Zusammentreffen ehemaliger Weggefährten

Doch es sind andere Gründe, die den greisen Thomas Mann nach Düsseldorf geführt haben. Erinnerungen an eine große Liebe. Und genau diese - nämlich Klaus Heuser - lässt Hans Pleschinski ebenfalls im Breidenbacher Hof ein Zimmer mieten. Zufällig. Aber er ist nicht der einzige, der gekommen ist. Auch andere Gestalten aus Thomas Manns Vergangenheit tauchen unerwartet in Düsseldorf auf. Ein Nazi-Feldmarschall, ein ehemaliger Schriftstellerkollege und ein Sohn, Golo Mann, der Klaus sein Herz ausschüttet.

"Ich rupfte ein Büschel Gänseblümchen aus für meine Mutter, die sie unfroh entgegennahm. Sie wollte mich eigentlich von sich forthaben. Ich beobachtete meinen Vater, der sich abwandte und den Hund streichelte. Ich beobachtete alle. Ich wollte ihre Tücken kennen und für ihre Angriffe parat sein. - Ursprung und Sinn des Feuerwerks, das vor ihnen abgebrannt wurde, erschloss sich dem asiatischen Paar nicht." Leseprobe

Spiel mit Zitaten

Und dem Leser leider auch nicht. Alle Aussagen seien historisch verbürgt, schreibt Hans Pleschinski im Nachwort. Aber im Spiel mit den Zitaten aus Tagebüchern und Briefen verliert er sich, die Lebensbeichten - von denen es gleich mehrere gibt - fallen zu lang und vor allem zu konstruiert aus. Und auch als Thomas Mann schließlich spricht, also Pleschinski Manns schweifende Gedanken zu Papier bringt, wünschte man sich, dass er doch lieber geschwiegen hätte.

Was dieses Buch dennoch reizvoll macht, ist Pleschinskis feiner unterschwelliger Humor - seine Art, die Nebenfiguren zu zeichnen und mit wenigen Sätzen Charaktere zu erschaffen, die wesentlich lebhafter sind als die prominenten Protagonisten. Und für Thomas Mann-Kenner sei noch verraten: Das Buch wimmelt von Anspielungen auf Figuren Thomas Manns, die ebenfalls den Breidenbacher Hof bevölkern - allerdings nur im Buch: denn in der Hörbuchfassung fielen sie größtenteils den Kürzungen zum Opfer.

Königsallee

von Hans Pleschinski
Seitenzahl:
393 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Beck Verlag
Bestellnummer:
978-3-406-653872
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 24.07.2013 | 12:40 Uhr

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