Stand: 06.10.2014 12:40 Uhr

Eine Atemkette bis zum Friedhof

Mein Vater war ein Apfelkern
von Herta Müller & Angelika Klammer
Vorgestellt von Lenore Lötsch
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Sprachmächtig erzählt die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller aus ihrer Kindheit in Rumänien.

2009 wurde Herta Müller der Literaturnobelpreis verliehen. Eine sprachmächtige Autorin, die - will man ein Etikett bemühen - eine Dichterin der Heimatlosigkeit, des Außenseitertums ist. "Mein Vaterland war ein Apfelkern" heißt ein Gesprächsbuch, das Angelika Klammer jetzt herausgegeben hat. Herta Müller erzählt darin noch einmal von ihrer Kindheit.  

Kindheit in Rumänien

Da wächst ein Mädchen auf in einem kleinen Dorf im deutschsprachigen Banat in Rumänien in den 50er-Jahren. Inmitten von Dorftrauer, Sprachlosigkeit, täglichen Schlägen. Und erfindet dieses Bild:

Leseprobe

Ich dachte auch, dass alle Atemzüge, die man tut, gezählt werden. Dass sie sich wie Glaskügelchen auf einer Schnur auffädeln und eine Kette bilden. Und wenn die Atemkette eine Länge hat, die vom Mund bis zum Friedhof reicht, dann stirbt man. Weil der Atem unsichtbar ist, kennt kein Mensch die Länge seiner Atemkette.

Herta Müllers Leben scheint ein Erfinden von poetischen Bildern im lebensfeindlichen Umfeld zu sein. Und in dem Buch "Mein Vaterland war ein Apfelkern" erzählt sie in Form eines Gesprächs mit der Lektorin Angelika Klammer von dem sprachsensiblen Kind, das sie war. Als ihre Großmutter zu ihr sagte: "Denk nicht dorthin, wo du nicht sollst", ist Herta, das Kind, erfüllt von der Vorstellung, dass das Denken Füße hat und wandern kann.

Die Nobelpreisträgerin für Literatur Herta Müller.

Herta Müller zu Gast im NDR

NDR Kultur -

Zwanzig Jahre nach ihrem Auftritt in der renommierten Reihe "Autoren lesen" kommt Herta Müller als frischgebackene Literaturnobelpreisträgerin wieder zum NDR und liest aus ihrem Roman "Atemschaukel".

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Herta Müller: "Ich glaube, im ganzen Dorf gab es wenig Leute, die Bücher hatten, und wenn, dann war es keine Literatur. Meine Großmutter hat aus Angst, als die Russen 1945 kamen, die ganze Bibliothek verbrannt. Da ist nur dieser Brockhaus übrig geblieben und irgendein Gesundheitsbuch. Das habe ich als Kind zum Spielen gehabt, darin waren Organe, die waren nummeriert, bunt, die konnte man rausnehmen und reintun. Mit 15 in der Stadt, als ich dann aufs Gymnasium kam, lernte ich Leute kennen, hatte ich Freunde und dann fing ich an zu lesen."

Die Bedeutung von Taschentüchern

Herta Müllers Fans kennen viele dieser Geschichten, die im neuen Buch noch einmal erzählt werden. Die Bedeutung, die Taschentücher haben: Beispielsweise, als Herta Müller bereits in den Fängen des Geheimdienstes, der Securitate war, aus der Fabrik gedrängt werden sollte, aber einfach nicht ging. Auf der Treppe breitete sie ihr Taschentuch aus, saß in ihrem Taschentuchbüro. Wer kam, sah das Rückgrat einer jungen Frau - die doch, so bekennt Herta Müller nun, heimlich den Suizid plante. Den richtigen Ort suchte, die richtige Stelle im Fluss.

Doch so beeindruckt der Leser vom Widerstand ist, vom Aushalten einer nicht vorstellbaren Maschinerie von Überwachung und sogenannter Zersetzung, mischt sich doch mitunter ein Unbehagen in die Lektüre. Die Zustände in Rumänien sind für sie der Sozialismus allgemein. Und noch heute meint sie, die Funktionäre von einst schon äußerlich zu erkennen:

Leseprobe

Die Genossen haben sich eine gewisse Verschlagenheit angeeignet, den schrägen Blick, die breiten Gesten, das schmierige Lächeln, das impertinente Reden und vulgäre Prahlen der Ganoven. [...] Schauen wir uns doch Putin an, vom Scheitel bis zur Schuhsohle ist das alles zu erkennen.

Versöhnung

Und doch gibt es auch andere, versöhnliche Töne in diesem Buch, über Oskar Pastior, der ihr der wichtigste Zeitzeuge für ihren Roman "Atemschaukel" war und von dem sie nach seinem Tod erfuhr, dass auch er sich mit der Securitate eingelassen hatte. "Die Zeit der Unschuld ist vorbei", sagte Herta Müller damals und ihre Enttäuschung schien grenzenlos.

Leseprobe

Ich hab mich dauernd gefragt, wie geht das Schweigen, wenn man so eng befreundet ist? Er hielt dieses Geheimnis für unzumutbar und er hatte recht. Ich hätte ihm nach so einem Geständnis ganz bestimmt die Freundschaft gekündigt. Und ich würde mir heute Vorwürfe machen, aber es wäre zu spät, denn er ist tot.

Mittlerweile hat Herta Müller die Akten gelesen, nennt die Berichte Pastiors belanglos und sein Leben eines auf Zehenspitzen.

"Mein Vaterland war ein Apfelkern" ist ein Einführungsbuch in die poetische Sprachmacht der Autorin Herta Müller, aber auch in ihre aberwitzige Biographie. 

Mein Vater war ein Apfelkern

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3-446-24663-8
Preis:
18,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.10.2014 | 12:40 Uhr

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