Stand: 10.07.2018 16:20 Uhr

Falladas Briefwechsel mit den Geschwistern

Ohne Euch wäre ich aufgesessen. Geschwisterbriefe
von Hans Fallada, Hrsg. von Achim Ditzen
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Hans Falladas Sohn Achim Ditzen hat einen Band mit Briefen seines Vaters an dessen Geschwister herausgegeben.

An den Schriftsteller Hans Fallada, der eigentlich Rudolf Ditzen hieß, wird in diesem Jahr mit etlichen Büchern erinnert. Der 21. Juli ist sein 125. Geburtstag. Berühmt wurde er mit Romanen wie "Kleiner Mann, was nun" oder "Jeder stirbt für sich allein". Sein jüngster Sohn Achim Ditzen hat, pünktlich zum Gedenktag, einen Band mit Briefen seines Vaters an dessen Geschwister herausgegeben. Der Titel: "Ohne Euch wäre ich aufgesessen".

Hans Falladas, also Rudolf Ditzens Lebenslauf war sicherlich schwierig: immer wieder gab es Phasen schwerer Drogensucht, Klinikaufenthalte oder gar Gefängnis. Im Mai 1928 wurde er aus dem Zentralgefängnis in Neumünster entlassen, wo er wegen Beschaffungskriminalität fast zwei Jahre inhaftiert war. In diesem Jahr bittet er seine Schwestern, gelegentlich von seinem Ergehen berichten zu dürfen, und wünscht sich, auch etwas aus ihrem Leben zu erfahren. Ein intensiver Briefwechsel beginnt, der bis zu seinem Tod 1947 fortgesetzt wird.

Falladas Freude am kleinen Sohn

Sein Sohn Achim taucht natürlich auf, von seiner bejubelten Geburt im April 1940 an, und wird immer wieder vom Vater beschrieben. "Ja, ich komme gelegentlich vor mit einer für mich sehr schönen Charakterisierung, das ist ja klar, als Energiebündel und immer zu Schandtaten aufgelegt und so weiter, das ist alles sehr schön", erzählt Achim Ditzen. Für ihn ist es etwas Besonderes, in den Briefen des Vaters an seine Geschwister zu erfahren, wie sein Vater sich über ihn gefreut, ihn geliebt hat: "Ich kenne meinen Vater ja persönlich nicht, und das, was ich kenne, weiß ich aus Büchern über ihn. Ich hab keine Erinnerung. Ich war sechs, als er starb und drei, als er aus dem Haus ging, also vier. Das ist kein Alter, in dem man große Erinnerungen hat."

Fallada erzählt von den "Schelmlichtern" in den Augen seines kleinen Sohnes, von seiner unendlichen Lebenskraft, davon, wie dieses Kind sprüht vor lauter Lebensfreude und Humor.

"'Der Achim', ist ein wüstes Geschöpf mit einem Lockenkopf und Dickkopf und Brüllkopf und Lachkopf ... Er spricht nicht, er läuft nicht, aber er kann großartig die anderen sprechen und laufen machen ..." Leseprobe

Falladas Wunsch: Kontakt mit der Familie

Der Tonfall in den Briefen ist innig, vertraut im Gespräch mit den Schwestern, und ebenso klingen deren Antworten. Es macht fast ein bisschen wehmütig, hier auch an die Kultur des Briefeschreibens von früher erinnert zu werden, mit all den üblichen Floskeln, Entschuldigungen für späte Antwort und Ähnliches. Es geht hier natürlich durch schlimme Zeiten, Krieg und Ängste, die man zusammen besser bewältigt. Die Familie rückt offenbar zusammen, Schwestern und Schwager vermitteln auch zwischen dem Sohn und den Eltern.

Das war offenbar auch von Anfang an Falladas tiefer Wunsch: Kontakt mit der Familie und das Versprechen, sich zu bessern, niemanden zu enttäuschen: "Das ist eine ganz tiefe, devote Verneigung vor den Schwestern: 'Ich möchte gern wieder mit Euch in Kontakt treten und ich werde Euch auch nicht lästig fallen'", zitiert Achim Ditzen.

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Es hat dann doch Rückfälle und immer wieder Krisen in Falladas Leben gegeben, aber die Vertrautheit und Liebe der Schwestern hat gehalten, auch in finsteren Zeiten: "Das haben sie eigentlich immer entschuldigt, wenn er denn Probleme hatte mit seiner Gesundheit, das spielte dann eigentlich nicht die Rolle, dass er ihnen lästig gefallen ist, sondern da hat er ihnen leid getan", meint Ditzen.

Man erzählt sich von Alltagssorgen. Etwa von der Ehekrise zwischen Fallada und seiner Suse, der Mutter von Achim Ditzen: "Sie haben weitestgehend zu ihm gehalten, ja, das ist richtig. Und sie haben ihm sehr zugeredet, als sich 1944 die Ehe auflöste, das doch noch mal zu versuchen, weil sie eben auch meine Mutter, seine Frau, sehr geschätzt haben, und als das dann nicht möglich schien, das hat ihnen sehr leid getan, aber sie haben zu ihm gehalten, auch danach", erklärt Achim Ditzen.

Die Briefe, hintereinander gelesen, sind auch ein Roman, in der authentischen Sprache familiärer Briefe, wie sie heute wohl kaum geschrieben werden. Irgendwann werden Sprachwissenschaftler erforschen, warum und in welcher Weise sich ein Brief auf Papier von E-Mails und Nachrichten unterscheidet. Für Fallada-Leser sind diese Briefe Wege in sein Werk, lassen Hintergründe aufleuchten.

Ohne Euch wäre ich aufgesessen. Geschwisterbriefe

von
Seitenzahl:
473 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau Verlag
Bestellnummer:
978-3-351-03714-7
Preis:
26,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.07.2018 | 12:40 Uhr

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