Stand: 06.06.2018 11:56 Uhr

Gabriele Münter: Abrisse der Welt

Malen ohne Umschweife
von Gabriele Münter
Vorgestellt von Katja Weise

Die Malerin Gabriele Münter ist in der kunstinteressierten Öffentlichkeit vor allem bekannt als Mitglied der Künstlergruppe "Die Brücke". Über 2.000 Gemälde hat die Künstlerin innerhalb von 60 Jahren geschaffen - und damit ein facettenreiches und vielfältiges Werk.

In der Ausstellung "Malen ohne Umschweife" konnte das Lebenswerk Münters bis April im Münchener Lenbachhaus bewundert werden. Zu der Ausstellung ist ein opulenter gleichnamiger Katalog erschienen. Derzeit werden ihre Werke in Kopenhagen ausgestellt, ab dem 15. September sind sie noch einmal im Museum Ludwig in Köln zu sehen.

Bilder aus der Ausstellung "Malen ohne Umschweife"

Was für Farben!

Fast immer ist ein Gemälde von Gabriele Münter an dem erdigen, dabei stets leuchtenden, satten Farbton zu erkennen. Trotz der stilistischen Vielfalt ihrer Werke bleibt er immer erhalten. Lustvoll hat die Expressionistin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts experimentiert. Einige ihrer frühen Bilder wirken noch impressionistisch, mit groben Pinselstrichen wie bei van Gogh. Weitere Bilder fassen das Dargestellte in klare Konturen und sind flächig ausgemalt.

Wirklichkeit "ohne Drum und Dran"

Doch irgendwann lösen sich diese dann ganz auf, um in späten Arbeiten als Dreieck, Kreis oder Quadrat abstrakt wieder aufzutauchen. Münter dazu: "Was an der Wirklichkeit ausdrucksvoll ist, hole ich heraus, stelle ich einfach dar, ohne Umschweife, ohne Drum und Dran. So bleibt die Vollständigkeit der Naturerscheinung außer Acht, die Formen sammeln sich in Umrissen, die Farben zu Flächen, es entstehen Abrisse der Welt, Bilder."

"Malen ohne Umschweife" ist also nicht nur der Titel der Ausstellung, sondern auch ihr künstlerisches Credo. Dass damit keineswegs ein ungeplantes, rein intuitives Malen gemeint ist, zeigt der Blick auf das eindrucksvolle Gesamtwerk.

Über die Fotografie zur Kunst

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Bis zum 19. August ist die Ausstellung "Malen ohne Umschweife", im Louisiana Museum of Modern Art bei Kopenhagen zu sehen. Ab dem 15. September dann im Museum Ludwig in Köln.

Nur wenige wissen, dass es die Fotografie war, die Gabriele Münter maßgeblich geprägt hat. Nach dem frühen Tod der Eltern reiste sie um 1900 zusammen mit ihrer jüngeren Schwester insgesamt zwei Jahre durch die USA und besuchte Verwandte in Texas, Arkansas und Missouri. Die Schwarz-Weiß-Fotos zeigen vor allem Menschen in den unterschiedlichsten Situationen. Wie sie auf dem Weg zum Ausflugsdampfer sind, bei der Heuernte auf den Feldern arbeiten oder wie Kinder spielen.

Die Farbe "selbstverständlich und unangestrengt beherrschen"

Immer wieder sind aber auch sich weit öffnende Panoramen wie Blicke über den Mississippi oder auf Felder zu sehen. Der Gestaltungswille ist klar zu erkennen: So wirkt das Foto "Blick über einen Zaun in die Landschaft", aufgenommen in Arkansas, wie eine Blaupause für das erste von Münter bekannt gewordene Gemälde "Bayrische Landschaft". Es entstand 1902 in der Münchener Malklasse von Wassily Kandinsky. Im Vordergrund ist angeschnitten ein Baum zu sehen, dahinter sind leuchtende Wiesen abgebildet und im Hintergrund dunkler abgesetzte Wälder. Rückblickend schrieb Gabriele Münter, sie sei in dieser Zeit dazu herangewachsen, "die Farbe auch so selbstverständlich und unangestrengt zu beherrschen wie die Linie".

Leben und Lieben: Reisen mit Kandinsky

Kandinsky und Münter kamen sich näher und da er bereits verheiratet war, reiste das Paar viel. Erst 1908 ließen sie sich in Murnau am Staffelsee nieder. Ein Jahr später kaufte die Malerin das Haus: "Die Jahre vorher hatte ich in Holland, Tunesien, Sachsen, Belgien, an der französischen Riviera, in Paris, der Schweiz, Berlin und in der Gegend von Meran verbracht. Aber nirgends hatte ich eine solche Fülle von Ansichten vereint gesehen wie hier in Murnau, zwischen See und Hochgebirge, zwischen Hügelland und Moos."

Um 1908 verändert sich auch der Malstil Münters, der impressionistische Pinselstrich wird flächiger, die Farbe Blau, die die Künstlerin schon während ihres Aufenthaltes in Paris für sich entdeckt hat, präsenter. Nicht nur in den Landschaftsbildern, sondern auch in Porträts und Stillleben ist dies zu beobachten: Da fällt ein blaues Halstuch auf, dort eine blaue Blume auf dem Hut.

Umfassender Eindruck vom Leben und Wirken Münters

Die Autoren haben den Katalog nicht chronologisch zusammengestellt, sondern setzen klug Schwerpunkte. Die Entwicklung der Landschafts- und Porträtmalerei Münters und ihre Auseinandersetzung mit der Volkskunst und der neuen Gegenständlichkeit der 20er-Jahre werden thematisiert.

Jedes Kapitel bietet neben großformatigen Bildbeispielen informative Texte zur Einordnung. Auf diese Weise entsteht ein umfassender Eindruck von Leben und Werk einer bis ins hohe Alter experimentierfreudigen Künstlerin, die ihre eigene Bedeutung sehr wohl kannte: "Wenn es ein Kunstverstehen gibt, dann werden meine Arbeiten in allen großen Museen der Welt hängen."

Malen ohne Umschweife

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Prestel
Bestellnummer:
978-3-7913-5704-1
Preis:
39,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 10.06.2018 | 17:40 Uhr

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