Cover von Ulrich Woelks "Für ein Leben" © C.H. Beck

"Für ein Leben": Ulrich Woelks Weddinger Wimmelbild

Stand: 23.08.2021 14:51 Uhr

Ulrich Woelk gehört unbestritten zu den Vielschreibern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Vielleicht kommt sein großer Durchbruch jetzt mit seinem 632-seitigen Opus magnum "Für ein Leben".

von Jürgen Deppe

Alles beginnt - höchst ungewöhnlich! - mit einer Hodentorsion, die Niki in der Ambulanz eines Berliner Krankenhauses fälschlicherweise für eine infektiöse Hodenentzündung hält. Kann ja mal passieren. War ja auch ganz schön trubelig.

Als Nikisha Lamont ihrem späteren Ehemann, Clemens Rubener, erstmals begegnete, hätte sie ihm um ein Haar die Fruchtbarkeit geraubt.
Das war im Winter 1989/90, kurz nachdem die Mauer zwischen Ost- und Westberlin gefallen war, politisch aber noch zwei deutsche Staaten existierten.     Leseprobe

Von Süddeutschland über Paris nach Pakistan

Bis Nikisha, kurz "Niki", was auf Hindi die Schöne, aber auch die Kluge, die Intelligente bedeutet, Mitte 20, Ärztin aus Guadalajara, Mexiko, und Clemens dann tatsächlich ein Paar werden, vergehen noch über 200 Seiten: Prall gefüllte Seiten mit schier unzähligen weiteren Figuren und deren je wundersamen Biographien. Denn nicht nur wird erst einmal geklärt, wie die Ärztin aus Guadalajara nach Berlin kam, nein, es wird auch geklärt, wie es überhaupt zu der Deutschen in Guadalajara kommen konnte: Wie also deren Mutter Susanne aus Ilshofen und Vater Michael aus München in den 1960ern mit einem Bully durch die Welt kachelten, in Paris bei Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre zu Existentialisten wurden und auf dem Weg nach Pakistan zufällig im Walfahrtsort Lourdes eine Tochter zeugten.

Wären Susanne und Michael in Deutschland geblieben, wäre Niki vielleicht in Ilshofen oder auch München zur Welt gekommen. So aber kam sie irgendwo zwischen Kabul und Kathmandu auf dem später sogenannten Hippietrail zur Welt. Leseprobe

Ulrich Woelk: Urkomisch und herrlich abgedreht

Hippies im Bully - die fahren auch in Thomas Pynchons "Versteigerung von Nr. 49" durch die Welt. Und genauso urkomisch - ähnlich wie in ihren besten Zeiten auch John Irving oder T.C. Boyle - kommt nicht durchgängig, aber in den besten Momenten Ulrich Woelk daher: verstiegen und herrlich abgedreht.

Wenn er zum Beispiel parallel zu Nikis turbulenter Geschichte die von Lu erzählt: eingeborene Berliner Göre aus dem Wedding - umgeben von lauter schräge Typen, wie sie im West-Berlin der späten 80er und frühen 90er hinter jeder Wohnungstür lauerten.

"Für ein Leben": Berliner Identitätsfragen der 80er- und 90er-Jahre

Klar, dass sich Niki und Lu früher oder später über den Weg laufen. Wäre ja auch ein komischer Roman, wenn nicht! Dass sie es aber ausgerechnet in der Nacht nach Nikis Hochzeit mit Clemens tun und dass die beiden Frauen dann auch gleich Sex miteinander haben, tja, so ist das Leben. Zumindest in diesem Roman. Aber nicht das ganze. Sie treffen und sie trennen sich:

Niki quälte sich in den folgenden Wochen oft mit der Frage, warum Lu gegangen war, warum sie keine Nachricht hinterlassen hatte, keinen Zettel mit einer Erklärung, keine Abschiedssätze auf dem Anrufbeantworter in Berlin, keinen irgendwann eintreffenden Brief - nichts. Leseprobe

Woelk nutzt sein wunderbares Weddinger Wimmelbild, um Identitätsfragen aufzuwerfen, als die sich noch nicht um Hafer- oder Sojamilch drehten. Dieses Ost/West-, Mann/Frau-Schneegestöber hätte zwar bei den über 600 Seiten gut und gerne um 200 bis 300 weniger starke entschlackt werden dürfen. Insgesamt ist es aber äußerst leselustig.

Für ein Leben

von Ulrich Woelk
Seitenzahl:
632 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C. H. Beck
Veröffentlichungsdatum:
15. Juli 2021
Bestellnummer:
978-3-406-77451-5
Preis:
26,00 €

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