Buchcover Klaus Modick: "Fahrtwind" © Kiepenheuer & Witsch

"Fahrtwind": Klaus Modicks "Taugenichts"-Roman

Stand: 05.05.2021 11:25 Uhr

Klaus Modicks neuer Roman "Fahrtwind" hat einen populären Vorgänger: "Aus dem Leben eines Taugenichts" von Joseph von Eichendorff.

Buchcover Klaus Modick: "Fahrtwind" © Kiepenheuer & Witsch
Beitrag anhören 5 Min

von Katrin Krämer

Am 3. Mai feiert Klaus Modick seinen 70. Geburtstag. Seine letzten beiden Romane - "Konzert ohne Dichter" und "Keyserlings Geheimnis" - waren Künstlerromane. Und auch in "Fahrtwind", dem neuen Buch von Modick, geht es um eine Künstlerpersönlichkeit: einen jungen Mann, der vielleicht mal Musiker werden will. Der hat übrigens einen berühmten literarischen Vorgänger. Zu finden in der Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts" von Joseph von Eichendorff.

"Ich hab ja als junger Mann nicht Schriftsteller werden wollen, sondern wollte einer der Beatles sein oder Leonhard Cohen auf deutsch werden", gesteht Modick und fügt hinzu: "Dass da einer wie bei Eichendorff seine Gitarre nimmt und sagt - 'Ich gehe jetzt woanders hin, ihr könnt mich mal und da singe ich mir ein Liedchen drauf' - das war ein Lebensgefühl, was ich um 1970 auch hatte."

"Fahrtwind": Frappierende Nähe zu Eichendorffs "Taugenichts"

Klaus Modick verbindet also etwas mit seinem Helden ohne Vornamen, dem Ich-Erzähler Müller. Der soll, wenn es nach dem Willen der Eltern geht, in die Heizungsbau-Firma des Vaters "Johann Müller GmbH&Co KG" einsteigen. Aber der Sohn hat eigene Pläne:

Ich hatte herrlich lange geschlafen und ausgiebig gefrühstückt und setzte mich dann mit meiner Gitarre auf die Treppe, die vom Wintergarten in den Garten führte. Entspannt drehte ich mir eine Morgenzigarette, mischte zwecks Horizonterweiterung ein paar Krümel Gras dazu, sah den Rauchwölkchen nach, die im Blau verschwebten, genoss die Frühlingssonne und freute mich über das Vogelgezwitscher und das quirlige Eichhörnchenpaar, das sich im Walnussbaum tummelte. Zitat aus "Fahrtwind" - Klaus Modick

Auch in der Eichendorff-Novelle ist es ein Müllers Sohn, der - dann mit der Geige im Gepäck - vor den häuslichen Pflichten Reißaus nehmen wird.

Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und (…) sagte zu mir "Du Taugenichts! Da sonnst Du Dich schon wieder und lässt mich alle Arbeit allein tun." Zitat aus "Aus dem Leben eines Taugenichts" - Joseph von Eichendorff

Klaus Modicks Held geht auf einen Road-Trip

Müllersohn und Modicks Ich-Erzähler erscheint das Leben zu verheißungsvoll, um es mit schnöder Arbeit zu verbringen. Also zieht der Eichendorff’sche Taugenichts los ins romantische Blaue. Bei Modick geht es - auf der gleichen Route - ab auf einen Romantic Road-Trip, bei dem sich der Held den Fahrtwind ordentlich durchs lange Haar wehen lässt. Zum Beispiel, als zwei Frauen ihn einladen, in ihr Cabriolet zu steigen:

Die beiden Frauen banden sich Kopftücher um. Die Breite quetschte sich hinters Steuer, die schöne Schlanke räkelte sich auf dem Beifahrersitz, und schon fädelten wir uns auf die Autobahn ein. (…) Vor Glück laut zu schreien, schämte ich mich, tanzte und jubelte aber innerlich desto hemmungsloser. Zitat aus "Fahrtwind" - Klaus Modick

"Ich glaube, dass der Taugenichts lange falsch rezipiert wurde", sagt Modick und ergänzt: "Als so eine harmlose Idylle. Zwar witzig und ironisch, aber das war schon ein ziemlich scharfer Protest gegen den Frühkapitalismus."

1826 ist der "Taugenichts" - ein Schlüsseltext der Romantik - erschienen. Schon während seines Germanistikstudiums in Hamburg war Klaus Modick von ihm fasziniert: "Was mich damals schon angesprochen hat, ist auch dieser Widerstand gegen dieses kapitalistische Nützlichkeitsdenken, was die Gesellschaft schon zu Eichendorffs Zeiten überzog. Und dagegen steht bei Eichendorff Poesie, Malerei."

Viele Abenteuer und die große Liebe

Modick fiel dann beim erneuten Lesen auf, wie aktuell Eichendorff heute noch ist - und wie lustig er eigentlich immer schon war: "Die Raffinesse ist mir erst jetzt aufgegangen. Im Grunde ist der Taugenichts eine Parodie auf romantische Vorstellungen - eine Nummernrevue! So häufig, wie da das Posthorn erklingt, das steht in keinem romantischen Text so!"

Auch Modick spielt mit den Motiven und jongliert mit den verschiedenen Zeitebenen der Novelle. Wie der Eichendorff-Taugenichts, stößt auch Modicks Ich-Erzähler auf merkwürdige Zufallsbekanntschaften, die ihn bitten, unter anderem Namen weiter zu reisen. Und: Er trifft seine große Liebe. Aber bevor sich daraus was ergibt, müssen einige Abenteuer bestanden werden.

Inzwischen verstand ich gar nicht nichts mehr. Das Märchen, in dem ich schon so lange herumstolperte, wurde immer verworrener. Zitat aus "Fahrtwind" - Klaus Modick

"Fahrtwind": Ein Buch, das nach Gras und Wein riecht

Mit Kenntnis des "Taugenichts" macht das Lesen großen Spaß, weil sich die erzählerische Leistung von Klaus Modick erst dann so richtig erschließt. Ohne das Eichendorff-Wissen im Kopf ist "Fahrtwind" trotzdem ein süffiger Text in leicht psychedelischen Couleur, der den Duft von Sommerblumen, Gras und Rotwein in sich trägt. Und der das 19. ins 21. Jahrhundert holt und umgekehrt.

Weitere Informationen
Ein Bücherstapel vor einem gefüllten Bücherregal © picture alliance/dpa / Frank Rumpenhorst Foto: Frank Rumpenhorst

Die interessantesten literarischen Neuerscheinungen 2021

Neue Romane von Juli Zeh, Steffen Kopetzky sowie Lyrik von Amanda Gorman und Anja Kampmann. mehr

Fahrtwind

von Klaus Modick
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Veröffentlichungsdatum:
15. April 2021
Bestellnummer:
978-3462001303

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 03.05.2021 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

Das Cover von Leopold Fellingers "Ich ist der Andere" © Otto Müller Verlag/Leopold Fellinger

"Ich ist der Andere": Eine autobiografisches Reisetagebuch

Für seinen Bildband ist Leo Fellinger an so schöne Orte wie Venedig, San Francisco oder in die Provence gereist. mehr