Buchcover: Muriel Barbery - Eine Rose allein © List Verlag

"Eine Rose allein": Roman über Trauer und Hoffnung

Stand: 08.06.2022 06:00 Uhr

Mit "Die Eleganz des Igels" ist Muriel Barbery auch in Deutschland bekannt geworden. Etliche Jahre hat die Autorin danach in Japan gelebt. Davon erzählt ihr jetzt auf Deutsch erschienener Roman "Eine Rose allein".

Buchcover: Muriel Barbery - Eine Rose allein © List Verlag
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von Katja Weise

Blumen und Gärten spielen eine wichtige Rolle in dieser Geschichte, und da ist es ebenso konsequent wie - fast schon - plakativ, dass die Heldin Rose heißt. Rose ist Botanikerin und hat reichlich "Dornen", nicht zuletzt, weil sie in den ersten 40 Jahren ihres Lebens viel Leid erfahren hat:

"Leben tut weh", sagte Rose. "Etwas Gutes ist dem Schmerz nicht abzugewinnen."

Aufbruch in eine neue Welt

Rose ist ein einsamer Mensch. Die Mutter litt unter Depressionen und floh irgendwann in den Tod, den Vater, einen Japaner, hat sie nie kennengelernt. Jetzt ist auch er gestorben. Der unbekannten Tochter hat er offensichtlich etwas vermacht, denn sie wird zur Testamentseröffnung nach Kyoto gebeten. Ein Aufbruch in eine neue Welt, den so auch Barbery erlebt hat: "In diesem Land gibt es eine Art Unschuld, Arglosigkeit, Reinheit, auf viele Orte verstreut, die auch die Menschen vermitteln. Ich habe nie ganz verstanden, woher das kommt. Denn gleichzeitig erlebe ich eine ästhetische Kraft von großer Raffinesse und Natürlichkeit. Jedes Mal, wenn ich nach Japan reise, habe ich das Gefühl, in das Land meiner Kindheit zu reisen."

Auch Rose ist überwältigt, vor allem von den vielen Gärten und Tempeln in Kyoto. Ihr Vater hat ein detailliertes Programm ausgearbeitet: Jeden Tag besucht sie eine andere Kultstätte, meistens begleitet von Paul, Assistent und Freund des Verstorbenen:

Sie sah nichts als Kreise. Ringsumher die grüne Kulisse, eine Brise in den Bäumen, rund getrimmte Sträucher, aber ihr Leben, ihre Jahre und Stunden waren in den gekrümmten Linien enthalten, von einer Harke um einen großen Stein, eine Azalee und eine Funkienstaude herum gezogen, die im Sand wuchsen, der so fein war, dass er sich wie Puder über den Blick legte. Dieser perfekten Ellipse entsprang das Universum.

Charmante Geschichte mit kitschigem Ende

Muriel Barbery erzählt nicht ohne Pathos, manchmal fast salbungsvoll, doch fließt die Geschichte leicht dahin. Trotz der schweren Themen, denn im Zentrum steht die Frage nach dem Über-Leben, nach dem Leben mit dem Tod eines geliebten Menschen. Erst in Kyoto wird der von ständiger Aggressivität getriebenen Rose klar, wie tief sie selbst verletzt ist. In Paul findet sie - wenig überraschend - endlich den Menschen, dem sie sich öffnen kann:

Sie kamen zum Haus, und Paul verabschiedete sich vor der Schiebetür. Sie hätte ihn gerne zurückgehalten, er machte einen Schritt nach hinten, lächelte sie an. Der Mond verschwand hinter einer Wolke, sie sah ihn nicht mehr, hörte, wie er das kleine Tor schloss und sich in seinem ruhigen und zugleich brüchigen Schritt entfernte.

Rose ist enttäuscht, aber an einem anderen Tag wird er bleiben. Muriel Barbery leitet jedes Kapitel mit einer kurzen, japanischen Legende ein, in der Blumen und Pflanzen eine Rolle spielen. Das Motiv spinnt sie dann jeweils in ihrer Geschichte weiter. Das hat Charme, öffnet kleine Fenster, die neugierig machen auf mehr - auf Japan. In seinem philosophischen Anspruch wirkt der Roman hingegen überstrapaziert, und das Ende überschreitet deutlich die Kitschgrenze. Doch "in das Land ihrer Kindheit" folgt man der Autorin gern: Die spitzdornige Rose gewinnt nicht nur Pauls Sympathie.

Eine Rose allein

von Muriel Barbery
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Französischen von Norma Cassau
Verlag:
List
Bestellnummer:
9783471360460
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.06.2022 | 12:40 Uhr

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Romane

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