Sendedatum: 01.11.2013 12:40 Uhr

Ein Leben in Rückblicken

von Stefan Maelck
Stephen King/Stewart O’Nan - Ein Gesicht in der Menge (Buchcover) © Rowohlt Taschenbuch Verlag
Dies Buch entstand in Zusammenarbeit der beiden Autoren Stephen King und Stewart O'Nan.

Gerade ist der neueste Roman von Stephen King "Doctor Sleep" in deutscher Übersetzung erschienen, da kommt schon wieder ein Buch des fleißigen Meisters des Horrors.

King hat es zusammen mit Stewart O’Nan geschrieben und darauf, dass diese beiden Schriftsteller sich zusammentun könnten, wäre man nicht ohne weiteres gekommen. "Ein Gesicht in der Menge" ist eine kleine Geschichte, nur 60 Seiten, aber diese Geschichte hat es in sich.

Der Buchtitel verweist auf Klassiker in Film und Literatur und Musik

"Ein Gesicht in der Menge" - "A Face in the Crowd" - das ist mehr als nur ein Titel für eine Geschichte. "Ein Gesicht in der Menge", der Klassikerfilm von Eliah Kazan, ist eine frühe Satire auf die Gefahr der Massenmanipulation durch das Fernsehen. Erfunden hat sie Budd Schulberg, der bereits das Buch zum Kazan-Film "Die Faust im Nacken" mit Marlon Brando, Rod Steiger und Karl Malden geschrieben hatte.

Schulberg, dessen Meisterwerk "Was treibt Sammy an" erst 67 Jahre nach seinem Erscheinen ins Deutsche übersetzt wurde, bekam mehrere Oskars für seine Drehbücher. "A Face in the Crowd" - verfilmt übrigens auch mit Marlon Brando - der Titel ist quasi umgangssprachlich geworden. Tom Petty hatte einen großen Hit mit einem Lied gleichen Titels auf seinem Album "Full Moon Fever". Auch Ray Bradbury hat eine Geschichte mit diesem Titel verfasst.

Lieblingsthema Baseball

Ist so ein Titel dann nicht schon verbrannt oder abgenutzt, mag man fragen. Nicht wenn man ihn als Verweis verwendet wie die amerikanischen Autoren Stephen King und Stewart O’Nan. Die beiden haben schon einmal ein gemeinsames Buch geschrieben - über Baseball.

Um Baseball geht es jetzt auch wieder. Der Rentner Dean Evers ist 68 und schaut quasi täglich irgendwelche Spiele. Nicht, weil er so ein großer Fan, sondern weil er einsam ist.

Leseprobe:

Im Sommer nach dem Tod seiner Frau begann Dean Evers, sich öfters Baseball anzusehen. Wie viele der Winterflüchtlinge aus New England, die der Nordostwind an die Golfküste Floridas geweht hatte, war er Red-Sox-Fan, und hatte doch großherzig die Devil Rays, die ewigen Prügelknaben, zu seinem zweiten Team erkoren.

Dean ist 68, sein Sohn Pat wohnt weit weg und sein letzter verbliebener und ältester Freund Kaz auch. Dean kann den Tod seiner Frau Ellie nicht verwinden, er vermisst sie und ihre gute Küche.

Eine seltsame Entdeckung

So versucht sich Dean allabendlich an einem TV-Dinner und bringt sich mit ein paar Drinks in Stimmung. Bis er eines Abends ein ihm bekanntes Gesicht im Publikum des Baseballspiels entdeckt. Und das gehört seinem ehemaligen Zahnarzt aus Shrewsbury.

Leseprobe:

Evers hörte auf zu kauen und beugte sich vor um sicherzugehen. Das fettige, angeklatschte Haar und die Mount-Rushmore-Stirn, die Bifokalbrille mit den Aschenbechergläsern und die schmalen Lippen, die weiß wurden, wenn er einem mit dem Bohrer auf den Pelz rückte - ja er war es und keinen Tag älter als Evers ihn vor über fünfzig Jahren zum letzten Mal gesehen hatte.

Und diese Episode - Evers sieht bekannte Gesichter in der Menge - wiederholt sich allabendlich. Immer sieht er eine andere Figur aus seinem Leben. Figuren, mit denen Dean noch eine Rechnung offen hat oder die mit ihm.

Leonard Wheeler, Deans ehemaliger Geschäftspartner, ist dabei, von dem er sich im Unfrieden getrennt hat. Eines Abends sieht er auch seinen besten Kumpel Kaz und seine Frau Ellie.

Stationen eines Lebens

Stephen King und Stewart O’Nan erzählen anhand dieser Flashbacks das Leben von Dean Evers, zumindest die wichtigsten Stationen. Und Ellie? Die zeigt ein Handy in die Kamera und fordert ihn auf, sie anzurufen, denn sie hat einiges mit ihm zu klären. Wegen eines Seitensprungs vor vielen Jahren.

Was dann passiert, das soll hier nicht verraten werden. Eine kleine feine Geschichte von zwei großen amerikanischen Autoren, die mit Grusel und Horror spielen und den Leser am Ende wirklich überraschen. Denn irgendwann sieht sich Dean Evers selbst im Fernsehen.

Im Gegensatz zu den mitunter ausufernden Romanen der Altmeister ist die Sprache hier knapp, ökonomisch, genau. Die Geschichte könnte man sich auch sehr gut als Graphic Novel vorstellen.

Ein Gesicht in der Menge

von Stephen King/Stewart  O'Nan, aus dem Englischen von Thomas Gunkel
Seitenzahl:
64 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt Taschenbuch
Bestellnummer:
978-3-499-227943
Preis:
9,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 01.11.2013 | 12:40 Uhr

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