Cover des Buches "Ein Bild von einer Frau" von Natascha Bub © List Verlag

"Ein Bild von einer Frau": Unwiderstehliche Hauptfigur von Natascha Bub

Stand: 09.08.2022 00:01 Uhr

Drehbuchautorin Natascha Bub hat sich entschieden für "Ein Bild von einer Frau" die Form des Romans zu wählen. Sie entwirft eine Frau, der man sich, wie alle, die ihr begegnen, kaum entziehen kann.

Cover des Buches "Ein Bild von einer Frau" von Natascha Bub © List Verlag
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von Annemarie Stoltenberg

In ihrer Geschichte geht es um eine junge Fotografin, die nach Kuba reist, um ein Fotoporträt von Ernest Hemingway aufzunehmen. Insa Schönberg findet die Autorenfotos des Rowohlt Verlages angestaubt und langweilig. Es ist ein höchst ehrgeiziges Projekt, das sie mit Frechheit, Verve und viel Reporterglück in die Tat umsetzt. Hinter dieser Figur verbirgt sich eine reale Vorlage. Der späteren Verlegerin Inge Feltrinelli ist 1953 ein Bild von Hemingway gelungen, das um die ganze Welt ging. Die Geschichte hinter diesem Foto ist turbulent und beeindruckend.

"Ein Bild von einer Frau" beruht auf wahren Begebenheiten

Die italienische Verlegerin Inge Feltrinelli, die 1930 in Deutschland geboren wurde, hatte in der internationalen Bücherwelt einen Ruf wie Donnerhall. Amos Oz nannte sie einen Vulkan voller Neugier, Freundlichkeit und Unternehmergeist. So erscheint sie uns auch als Figur in jungen Jahren in diesem Roman. Natascha Bub hatte Inge Feltrinelli, als sie zu schreiben begann, noch angerufen, um sie zu fragen, ob sie einverstanden sei mit dem Projekt, über ihre Zeit als junge Fotografin zu schreiben. Ihr gefiel die Idee, aber zu einem Treffen kam es nicht mehr, Inge Feltrinelli war damals offenbar schon sehr krank. Natascha Bub orientiert sich an den Ereignissen, soweit man sie kennt und steigt sehr stimmig ein in den Sound der 50er-Jahre, aber sie nimmt sich ebenso souverän künstlerische Freiheiten in der Gestaltung ihrer Figuren.

Die junge Insa Schönberg, wie sie im Roman heißt, kommt also nach Kuba und mit einer Mischung aus jugendlicher Schönheit, Dreistigkeit und Mut schafft sie es tatsächlich, in das Haus von Hemingway eingeladen zu werden. Misstrauisch beäugt von dessen amtierender Ehefrau Mary. Aber der Dichter ist in einer schweren Schaffenskrise. Er hat vernichtende Kritiken geerntet für einen Roman.

Sie haben ihn in der Luft zerfetzt … sie haben ihn als Schriftsteller förmlich begraben, und sein gesamtes Werk rückwirkend dazu. Und das einem Mann, der noch nie verrissen worden war. Sondern immer nur gefeiert.

Bis zum berühmten Schnappschuss ist es ein langer Weg

Viele Tage kreisen die Jung-Fotografin und der Schriftsteller umeinander herum. Dann hat Insa Schönberg eine geniale Idee. Sie wird ihr berühmtes Foto mit Hemingway bekommen. Ein Foto, das sie mit Selbstauslöser macht: Mit einem Fischer, einem großen Schwertfisch in der Mitte, sich selbst und einem etwas müde wirkenden Hemingway am linken Bildrand. Auf dem Bild sprüht und funkelt die Fotografin vor lauter umwerfender Lebensfreude.

Bis zu diesem Schnapsschuss ist es ein langer Weg, auf dem einem die Hauptfigur auch gewaltig auf die Nerven gehen könnte mit einer kindischen Art, sich selbst als Nabel der Welt zu sehen. In Rückblenden wird ihre Ausbildung zur Fotografin beschrieben und ihre Anfänge in Hamburg, wo der Chefredakteur der Frauenillustrierten "Constanze" durchaus im Zeitgeist gönnerhaft sagt: "Kurz, ich erkenne in Ihnen den Rohdiamanten und biete an, ihr Potential zu entwickeln."

Dass die Figuren dieses Romans gelegentlich so abgedroschene Plattitüden von sich geben, verzeiht man diesem Buch. Dafür gibt es eine zwar nicht durchgängig sympathische, aber immer irgendwie unwiderstehlich betörende Hauptfigur, der man sich, wie alle, die ihr begegnen, kaum entziehen kann.

 

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Ein Bild von einer Frau

von Natascha Bub
Seitenzahl:
282 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Verlag:
List
Bestellnummer:
978-3-471-46036-1
Preis:
20,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.08.2022 | 12:40 Uhr

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