Buchcover: Helene Bukowski - Die Kriegerin © Blumenbar Verlag

"Die Kriegerin": Sinnlicher Roman von Helene Bukowski

Stand: 15.09.2022 06:00 Uhr

Mit großer erzählerischer Eleganz und treffsicheren Formulierungen schildert Helene Bukowski eine berührende Freundschaftsgeschichte. Der Ton ist kristallklar und gleichzeitig bildstark.

Buchcover: Helene Bukowski - Die Kriegerin © Blumenbar Verlag
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von Juliane Bergmann

Wie kommen Menschen zurecht - verängstigt und auf sich selbst zurückgeworfen in einer postapokalyptischen Welt? Davon erzählt Helene Bukowski 2019 in ihrem Debüt-Roman "Milchzähne". Und auch in ihrem neuen Buch lässt die 1993 in Berlin geborene Autorin ihre Figuren einiges durchmachen - allerdings nicht in einer Dystopie, sondern im Hier und Heute.

Zwei Kriegerinnen beim Militär

Grundausbildung bei der Bundeswehr. Der raue Ton und das harte körperliche Training haben Lisbeth und Florentine angezogen. Beide wollen Soldatinnen werden. Inmitten der männlichen Rekruten finden die Zwei zueinander. Sie teilen eine Stube und ein Doppelstockbett. Auf die erste gemeinsame Zigarette folgen wahrhaftige Gespräche und durchtanzte Nächte.

Nur in diesen Momenten des ersten Lichts gab Lisbeth nach und erlaubte sich, den Kopf auf Florentines Schulter zu legen, ihr so nahe zu kommen, wie sie sich ihr fühlte. Sie tat dann, als wäre sie eingeschlafen. Leseprobe

Mit Menschen können die beiden jungen Frauen nicht sonderlich gut umgehen, dafür sind sie die Abräumerinnen am Schießstand und im Einsatztraining. Sie wollen ihre Körper stählen und sich unverletzbar machen. Als Lisbeth von einem Feldwebel vergewaltigt wird, bricht sie jedoch die Ausbildung ab und kehrt zurück in ihren Beruf als Floristin. Florentine hingegen bleibt eine Kriegerin. Sie geht auf Einsätze in Mali, Albanien, Afghanistan, dem Kosovo, der Türkei.

Die alten Wunden reißen auf

Zehn Jahre lang herrscht Funkstille, bis Lisbeth - inzwischen Mutter und in einer Beziehung - aus ihrem pseudo-heilen Leben ausbricht:

Sie hielt das Gesicht in den Blumenstrauß, brüllte, biss zu. Die Dunkelheit schlug hohe Wellen, füllte Lisbeths Lungen, zerdrückte ihre Brust, schmeckte nach Asche. Leseprobe

Lisbeth verlässt atemlos ihre kleine Familie und reist an den glücklichsten Ort ihrer Kindheit zurück: einen Bungalow an der Ostsee. Dort begegnet ihr am Strand die Kriegerin. Sie verbringen gemeinsame Zeit und beginnen, einander zaghaft ihre alten und tiefen Wunden zu zeigen.

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Helene Bukowski erzählt kristallklar und bildstark

Mit großer erzählerischer Eleganz und treffsicheren Formulierungen stellt uns Helene Bukowski ihre beiden Protagonistinnen vor. Der Ton ist kristallklar, gleichzeitig bildstark. Völlig egal, wie fern uns das Soldatinnenleben sein mag - wir fühlen mit. Während die eine mit der Gewalt klarzukommen versucht, die ihr angetan wurde, kämpft die andere mit den dunklen Bildern ihrer Einsätze und der Gewalt, die sie selbst ausübt.

Als die Kriegerin später aus der Dusche kam und rot und dampfend vor Lisbeth stand, sagte sie: "Mein Körper ist wund vom Hass. Ich habe das Gefühl, dass mir das Licht abhandengekommen ist." Leseprobe

Liebevolle Details

Eine diffuses Flirren liegt in der Luft: Immer wieder erleben die beiden Frauen Alpträume, Flashbacks und Halluzinationen. Nach und nach wird klar, woher diese Schatten kommen. Teilweise liegt ihr Ursprung schon Generationen zurück. Hervorragend gelingt es der Autorin, anzudeuten, Fragen aufzuwerfen und die Fäden wieder zusammenzuknüpfen. Auch mit Motiven spielt sie gut. Lisbeths schwere Neurodermitis zum Beispiel, die ihr das Gefühl gibt, sich aufzulösen. Ihre Aufmerksamkeit für alle Arten von Blumen: im Supermarkt, am Straßenrand, gebastelt in Papierform. Oder der Zwang der Kriegerin, Steine in der Hosentasche zu sammeln, um sich im Notfall verteidigen zu können. Liebevoll geht dieser Roman an den richtigen Stellen ins Detail.

In diesem Haus sah Lisbeth sich am Fenster stehend, ein Kind im Arm. Sie sah sich dort mit einer Haut, die so ebenmäßig war, dass das Wasser an ihr abperlte, und auch das Haar war nie verrutscht. Dieses Bild kam ihr vor wie eine Verheißung. Vielleicht, dachte sie, lässt sich eine Haut doch ablegen wie ein Kostüm, vielleicht braucht es dafür nur eine neue Rolle. Leseprobe

Berührende Freundschaftsgeschichte mit unnötigem Finale

Nur das Ende ist etwas 'too much': Die letzten Seiten hätte es nicht gebraucht, in denen uns alle Charaktere noch einmal begegnen und sie in all ihrer Logik auseinandergenommen werden. Ein bisschen mehr Nebel, ein bisschen mehr Geheimnis hätte die Autorin uns zutrauen können. Die Freundschaftsgeschichte, die sie erzählt, bleibt trotz dieses unnötigen Finales so oder so: berührend, sinnlich, melancholisch-warm.

Die Kriegerin

von Helene Bukowski
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Blumenbar
Bestellnummer:
978-3-351-05107-5
Preis:
23 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 15.09.2022 | 12:40 Uhr

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