Cover von Jean-Philippe Toussaints "Die Gefühle". © Frankfurter Verlags Anstalt

Jean-Philippe Toussaint: Ein Meister der Momentaufnahme

Stand: 12.08.2021 13:33 Uhr

In seinem neuen Werk "Die Gefühle" zeichnet Jean-Philippe Toussaint ein Porträt des Zukunftsforschers Jean Detrez - nach "USB-Stick" bereits sein zweiter Roman über den Antihelden.

Cover von Jean-Philippe Toussaints "Die Gefühle". © Frankfurter Verlags Anstalt
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von Katja Lückert

Jean-Philippe Toussaint, geboren 1957, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Regisseur und Fotograf. Er lebt in Brüssel und auf Korsika. Sein Gesamtwerk erscheint auf Deutsch in der Frankfurter Verlagsanstalt, zumeist in der Übersetzung des Verlegers Joachim Unseld. Zuletzt erschien der "USB-Stick", sein nach dem Marie-Zyklus nächster großer Roman, dessen zweiter Teil "Die Gefühle" nun vorliegt.

"Die Gefühle" steuern ihn: Zukunftsforscher Jean Detrez

Der Zukunftsforscher Jean Detrez ist im zweiten Teil dieses neuen Romanzyklus getrieben von Gefühlsregungen, die er sich selbst selten erklären kann. Auch stolpert er von einer Liebesbegegnung in die nächste. Den Unterschied zwischen der öffentlichen Zukunft, für die er von Berufs wegen gewissermaßen zuständig ist, und der privaten Zukunft, glaubt er dabei genau zu kennen.

Nach allen Regeln der Kunst angewandt, erlaubt die Zukunftsforschung, die wesentlichen, noch unerkannt in der Gesellschaft schlummernden Veränderungen zu erkennen, bevor sie ans Tageslicht treten, was uns ermöglicht, die großen Hauptlinien der Entwicklungen vorwegzunehmen. Während der Wille oder der Wunsch, die eigene Zukunft vorauszusehen, eher eine Sache des Spiritismus und des Hellsehens ist. Hier zieht man also besser eine Kristallkugel oder Tarotkarten zu Rate, um in diese Zukunft zu sehen.

Zukunft nicht vorhersehbar

Dabei hat Detrez natürlich nicht ganz recht. Die alles verändernden gesellschaftlichen Ereignisse, von denen man in der jüngeren Geschichte etwa den 11. September und schließlich auch die Corona-Pandemie nennen könnte, geschehen so jäh und unerwartet, dass kein Zukunftsforscher sie hätte voraussagen können. Zu Beginn des Romans erinnert sich Jean Detrez an eine Tagung im Sommer des Jahres 2016, während der er Enid, eine junge Frau aus Estland, kennenlernte. Sie gefiel ihm wirklich gut, doch am Ende der gemeinsam in London verbrachten Tage, kam es nicht zu dem erhofften Stelldichein, so dass sich Detrez abends an der Bar mit einer anderen Frau zu trösten versuchte.

So passiert es gelegentlich im Leben, wenn die Haltung zu einer Frau, die man gerade erst kennengelernt hat, die Gespräche, die man mit ihr führt, und später, wer weiß, die zärtlichen Aufmerksamkeiten und Liebkosungen und sogar Streitereien und späteren Auseinandersetzungen, im Grunde das fortsetzen oder vervollständigen, korrigieren oder verfeinern, was wir mit einer ganz anderen Frau erlebt hatten, als ob wir uns in unserer unausrottbaren Ichbezogenheit immer an ein und dieselbe Frau wenden würden, die alle Frauen in unserem Leben in sich vereint.

Toussaint über historische Ereignisse und ihre Auswirkungen

Jean-Philippe Toussaint liefert im zweiten Teil seines neuen Romanzyklus ein Porträt seiner Hauptfigur. Er zeigt Detrez in seiner zerrütteten Ehe mit Diane, am Totenbett seines Vaters und in der Beziehung zu seinem Bruder, einem Architekten. Während die beiden ersten Kapitel im Jahr 2016 zur Zeit des Brexit-Referendums in England spielen, fällt im letzten Teil ein anderes großes öffentliches Ereignis, nämlich der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull auf Island am 14. April 2010 und die daraufhin folgende Einstellung des europäischen Flugverkehrs mit einem privaten Ereignis zusammen. Detrez lernt seine neue Liebe, die Spanierin Pilar Alcantara kennen.

Diese unauslöschlichen Daten unseres Lebens, diese Daten, die sich für immer in unser Gedächtnis eingeschrieben haben, erhalten dann einen noch stärkeren Nachhall und eine noch außergewöhnlichere Resonanz, wenn sie mit einem großen Ereignis der Geschichte zusammenfallen, wenn, ob zufällig oder zwangsläufig, zwei Ereignisse der Tagesaktualität und unseres Lebens zusammentreffen.

Jean-Philippe Toussaint begeistert mit seinen fein ziselierten, nachfassenden Formulierungen, die er zuweilen fast ein wenig übertreibt. Wer in diesem, mit 240 Seiten eher schmalen Roman, einen Plot, eine stringente Geschichte, einen Anfang und ein Ende sucht, ist hier falsch. Toussaint ist ein Meister der Momentaufnahme - wie sein Antiheld Jean Detrez.

Die Gefühle

von Jean-Philippe Toussaint
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Französischen von Joachim Unseld
Verlag:
Frankfurter Verlagsanstalt
Veröffentlichungsdatum:
29. Juli 2021
Bestellnummer:
978-3-62700-287-9
Preis:
22,00 €

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