Buchcover: Jens Liljestrand - Der Anfang von morgen © S. Fischer Verlag

"Der Anfang von morgen": Katastrophenroman von Jens Liljestrand

Stand: 19.08.2022 06:00 Uhr

Jens Liljestrands Roman "Der Anfang von morgen" ist bedrückend gegenwärtig: Es geht um den Klimawandel und wie sich die daraus resultierenden Katastrophen auf die Menschen auswirken.

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von Katja Engelhard

Diesen Roman zu lesen, das hat etwas von Doomscrooling - dem exzessiven Konsum negativer Nachrichten: In der drückenden Hitze des Sommers breitet sich in der schwedischen Provinz Dalarnas ein Feuer aus. Didrik und seine Familie sind Nachrichten über Waldbrände gewohnt, aber diesmal ist es anders: Sie müssen den Urlaub abbrechen, die Gegend wird evakuiert. Während der Rauch immer dichter wird, irrt die Familie Waldwege entlang, dem erhofften Evakuierungstreffpunkt entgegen.

Jens Liljestrand: "Kultur lässt Menschen sich selbst und andere erkennen"

Die aus Didriks Perspektive erzählten Vorkommnisse bilden einen von vier Teilen des Romans. Jeder Teil wird von einer anderen Figur erzählt - die folgende immer jünger als die vorhergehende, chronologisch fortführend. Auf den letzten Seiten des Buchs werden um die tausend Menschen nach den Bränden vermisst oder verstorben sein. Und doch handelt der Roman "Der Anfang von morgen" im Kern nicht von der Naturkatastrophe:

"Ich habe den Roman nicht geschrieben, damit Leute jetzt feststellen, dass es den Klimawandel gibt - das ist bekannt", betont Liljestrand. "Was mein Roman kann: helfen, die eigene Gefühlswelt auszudrücken - Verzweiflung oder Wut oder Trauer oder Resilienz. Das kann Kultur. Wir werden den Klimawandel nicht mit Kultur stoppen. Dafür brauchen wir Wissenschaft und Technologie. Aber Kultur lässt Menschen sich selbst und andere erkennen."

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Jede Figur geht anders mit der Situation um

Die Waldbrände werden zum Hintergrundrauschen, vor dem die vier Hauptfiguren ihre Leben weiterführen. Didrik versagt als Beschützer der Kernfamilie und wird panisch. Influencerin Melissa ist das eine Leben, das sie hat, wichtiger als der eine Planet, auf dem sie wohnt. Der junge Mann André ist so nostalgisch wie wütend. Die Jugendliche Vilja reagiert mit Empathie und fordert Zusammenhalt - wobei Didrik mit Abstand die interessanteste Figur ist: Er scheitert an Selbstbild und Fremdbild - er träumt sich hin zu dem Zeitpunkt, an dem seine Konflikte gelöst sein werden, statt sie tatsächlich zu lösen. Als Didrik längst zum Klimaflüchtling geworden ist, hat er immer noch Muße, einen Social-Media-Post abzusetzen:

Ich habe mein Handy kurz aufladen können - eine Stunde warten für zehn Minuten an einer Steckdose - und ein Bild von den alten Heimwehrkämpfern im Gegenlicht vor dem Siljan hochgeladen. "Nach einem chaotischen Tag - wer dabei war, weiß Bescheid - kümmern sich diese Helden jetzt liebevoll um uns." Mit ein paar Herzen und der schwedischen Flagge und angespanntem Bizeps und Hashtag "Climate Change". Leseprobe

"Der Anfang von morgen": Eingeholt von der Realität

Die Ironie und der schwarze Humor sind ein wenig Balsam in diesem Roman, der bedrückend gegenwärtig ist: Wälder brennen. Die Handlung spielt im Anschluss an eine Pandemie. Die Figuren haben Angst vor Krieg und Anschlägen. Jens Liljestrand wollte keinen zeitlosen Roman schreiben. Dass die Dystopie dermaßen naherückt, war allerdings nicht geplant:

"Ich habe 2019 angefangen den Roman zu schreiben. Ich wollte, dass er zehn Jahre in der Zukunft spielt. Weil es damals hieß: Wir hätten noch zehn Jahre Zeit, den Planeten zu retten. Aber seitdem rückte dieses Szenario immer näher. Mein Roman begann also als Dystopie und wurde sehr aktuell. Eines der letzten Dinge, die ich verändert habe, war, nachdem sich in Deutschland die Flut ereignet hat. Daraufhin habe ich etwas ähnliches in meinen Roman hineingeschrieben. Diese völlig apokalyptischen Dinge geschehen schon."

Da klingt der Ausspruch "The future is now" auf einmal sehr trostlos.

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Kein plötzliches Ende, keine Erlösung

Jens Liljestrand bricht mit der Erzählung vom Ende der Welt durch Klimakatastrophen. Der Romantitel "Der Anfang von morgen" weist darauf hin, dass es kein plötzliches Ende geben wird. Also auch keine Erlösung. Kein Schiedsrichter wird das Spielfeld betreten und abpfeifen: So, vorbei, ab in die Kabine. Die Figuren in seinem Roman werden durch den Klimawandel leiden müssen. So wie wir und Generationen nach uns. Und doch: Der Mensch ist resilient - auf die verschiedensten Arten. Vilja, die jüngste der vier erzählenden Figuren, lebt als Klimaflüchtling in einem Zeltlager. Aber als sie ihrem Schwarm näherkommt, scheint alles wieder möglich, wie es heißt:

"(...) süße Katzenbabys und New York-Reisen, es gibt Studentenpartys und Katerpizzen, es gibt Geld, Job, erste Wohnung (…)". Leseprobe

Seinen Figuren - und auch uns - gesteht Jens Liljestrand Zuversicht zu - im Privaten jedenfalls. Was das Politische um das Private herum angeht, hat er aber auch einen Rat: "Wenn Sie diesen Roman gelesen haben und mehr über den Klimawandel wissen wollen: Lesen Sie keine Romane. Informieren Sie sich lieber darüber, was Ihre Regierungen und Wissenschaftler dazu sagen."

Der Anfang von morgen

von Jens Liljestrand
Seitenzahl:
530 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Schwedischen von Thorsten Alm, Karoline Hippe, Franziska Hüther, Stefanie Werner
Verlag:
S, Fischer
Bestellnummer:
978-3103971903
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.08.2022 | 12:40 Uhr

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Romane

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