Buchcover: Jan Böttcher - Das Rosen-Experiment © Aufbau Verlag

"Das Rosen-Experiment": Roman über kämpferische Frauenfiguren

Stand: 22.08.2022 06:00 Uhr

Jan Böttchers "Das Rosen-Experiment" ist ein gut komponierter historischer Roman: anregend, dicht, mit zwei beeindruckend kämpferischen Frauenfiguren.

Buchcover: Jan Böttcher - Das Rosen-Experiment © Aufbau Verlag
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von Juliane Bergmann

Berlin in den brodelnden, bunten 1920er Jahren - das popkulturelle Interesse ist groß an diesem Kapitel deutscher Geschichte. Auch der Schriftsteller und Musiker Jan Böttcher macht in seinem neuen Roman eine Zeitreise ins Berlin der 1920er-Jahre - in die Welt der Wissenschaft.

Eine Doktorandin und eine Kellnerin forschen gemeinsam

Die Goldenen Zwanziger. Berlin erwacht. Auf der Straße, bei Partys oder an der Uni - überall sind junge Männer bereit zum luftig-leichten Flirt.

Schlimm war das, eine Inflation von Wimmern und Himmeln und Stammeln. Leseprobe

Die zahlreichen Angebote interessieren die beiden Protagonistinnen in Jan Böttchers neuem Roman allerdings herzlich wenig. Sie haben andere Dinge im Kopf. Zenia ist Psychologie-Doktorandin an der Universität zu Berlin. Helene schuftet als Kellnerin. Eines Abends lernen sie einander kennen. Als Zenia mit ihrem Professor und Kommilitonen beim wöchentlichen Kolloquium im Café fachsimpelt, bedient Helene die Gruppe - charmant und keck. Helenes brillantes Gedächtnis imponiert allen. Nachdem die Rechnungen bezahlt sind, hat sie die Bestellungen jedoch schnell wieder vergessen. Zenias Forschungsinteresse ist geweckt:

Was passiert in uns, wenn wir etwas erledigen und zu den Akten legen? Welche Dinge halten wir für erinnerungswürdig, und für wie lange? Wodurch verlieren wir die Lust, uns etwas zu merken? Leseprobe

Herrlich unterhaltsame Situationen

Überzeugend erzählt Jan Böttcher, wie die so unterschiedlichen Frauen sich anfreunden. Am Anfang steht die Faszination: Die intellektuelle Überfliegerin findet in dem zupackenden Arbeiterklasse-Mädchen eine Muse und Gehilfin. Ein schwieriges Machtgefälle. Trotzdem wird Helene die offizielle Assistentin von Zenia - und ihr mehr und mehr ebenbürtig. Der Auftrag des Professors: Gemeinsam sollen die beiden Frauen dem Affekt Ärger wissenschaftlich auf den Grund gehen. Sie entwerfen das sogenannte Rosen-Experiment: Sie bitten Versuchspersonen, in einem arrangierten Setting eine entfernt stehende Blume zu greifen. Exakt zwei Möglichkeiten dafür gibt es, eine dritte existiert nicht.

Indem die Versuchsleiterin behauptete, es gäbe eine dritte Lösung, indem die Versuchsperson Zeit, Zeit und noch mehr Zeit darauf verwendete, diese zu finden, nur um immer wieder auf Barrieren zu stoßen, die eine solche Lösung verhinderten, lief das Experiment auf jene Hochspannung hinaus, die es provozieren sollte. Gestatten, Ärger. Leseprobe

Frust, Selbstzweifel, Gefluche, absurde Lösungsideen - jeder kennt solche Reaktionen von sich selbst. Herrlich unterhaltsam sind die vielen Situationen, in denen Zenia - auch privat - Menschen absichtlich zur Weißglut treibt. Begonnen beim versteckten Schlüsselbund des Freundes, bis hin zum groß angelegten Rosen-Experiment, das die Probanden stundenlang vergeblich knobeln lässt.

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Angelehnt an historischen Figuren

Und dann wird es ernster. Deutschland brodelt. Nun zieht die jüdische Versuchsleiterin Zenia selbst Ärger auf sich. Probanden beschimpfen sie antisemitisch und wollen ihr Projekt torpedieren.

Orientiert hat sich Jan Böttcher an hochspannenden, historischen Figuren: Den Professor und die Forscherinnen gab es tatsächlich. Die im Buch erwähnten Experimente gelten als Pionierarbeiten der Affektpsychologie. Gerade die meist so wenig beachteten weiblichen Köpfe hinter solchen Leistungen kann man gar nicht oft genug herausheben. Anschaulich illustriert der Autor die Entwicklung einer Forschungsfrage und lässt dabei auch in seine Figuren, in deren Abwägungen und Motive schauen.

"Das Rosen-Experiment": Ein gut komponiertes Buch

Schade ist, dass die Welt außerhalb der Fakultät etwas fleischlos und unsinnlich bleibt. Während die historische Atmosphäre nicht so recht entstehen will, gelingt Jan Böttcher das Emotionale wiederum sehr gut. So beschreibt er eindringlich Zenias Gedanken, nachdem der Professor sie ungefragt geküsst hat.

Was kann sie tun, jetzt, wo sie gehäutet ist und alles brennt? Ein Tuch über den Abend legen. Zur Sicherheit. Gegen die Überforderung. Sie, die so viel über unerledigte Handlungen nachgedacht hat, wird doch angesichts dieser Küsse behaupten dürfen, sie seien nur angedacht gewesen. Leseprobe

Und gerade das Unerledigte, das Ungesagte, das Ungelebte wird in diesem historischen Roman zum Wichtigsten. Ein gut komponiertes Buch, anregend, dicht, mit zwei beeindruckend kämpferischen Frauenfiguren.

Das Rosen-Experiment

von Jan Böttcher
Seitenzahl:
367 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-351-03924-0
Preis:
23 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.08.2022 | 12:40 Uhr

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Romane

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