Buchcover: Emma Cline - Daddy © Hanser Verlag

"Daddy" - Emma Clines wunderbar ambivalente Erzählungen

Stand: 02.08.2021 13:48 Uhr

Nach ihrem Erfolgs-Debütroman gibt Emma Cline auch mit ihrem Erzählband "Daddy" allen Grund dazu, sich ihren Namen zu merken. Der Band steckt voller wunderbarer ambivalenter Momente.

Buchcover: Emma Cline - Daddy © Hanser Verlag
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von Marie Schoeß

Der Name der US-Autorin Emma Cline kann Ihnen aus vielen Gründen etwas sagen: 2016 hat Cline zum Beispiel ihren Debütroman herausgebracht, "The Girls" ist eine stimmungsvolle und ziemlich kluge Coming-of-Age Geschichte, die von der Sehnsucht nach Gemeinschaft und Resonanz erzählt.

Emma Cline: Nicht nur literarisch in den Schlagzeilen

In die Medien schaffte es Cline aber auch mit ganz anderen Meldungen: Random House hatte der Autorin nämlich einen Vertrag über gleich drei Bücher und einen üppigen Vorschuss gewährt. Das wurde vor dem Debütroman debattiert und nach der Veröffentlichung von "The Girls" meldete sich der Exfreund der Autorin zu Wort und beschuldigte sie, sich heimlich an seinen unveröffentlichten Manuskripten bedient zu haben - zu Unrecht, wie ein Gericht bald feststellte.

Jetzt kommt endlich ein weiterer literarischer Grund hinzu, sich den Namen Emma Cline zu merken: ihr Erzählband "Daddy"

Seine Hand schob sich auf das geschwollene Auge zu, dann hielt sie in der Luft inne. Aus dem Roman "Daddy"

Zugegeben, kein besonders aufregender Moment: den Partner im Bett dabei zu beobachten, wie er sich dem entzündeten Auge nähert und dann zurückschreckt. Wenn aber Emma Cline diesen Moment beobachtet, zeigt sich im ganz Kleinen, wie ein Mensch grundsätzlich mit sich und seinem Leben umgeht:

Thora sah sein Verlangen, etwas zu tun, an dem entzündeten Augenlid zu kratzen, dann sah sie ihn verstehen, dass er das lassen sollte, sah ihn sich erinnern, dass man ihm ausdrücklich gesagt hatte, er solle das Auge nicht berühren. Und für James reichte das - er tat nicht, was er tun wollte, seine kräftige Hand sank zurück auf die Decke.

Nicht viele Figuren handeln in diesem Erzählband so umsichtig wie James, aber immer beobachtet Emma Cline so aufmerksam wie hier, wann ihre Charaktere Impulsen widerstehen und wann sie ihnen folgen:

Sie ging in die Küche und öffnete einen Beutel tiefgefrorene Beeren, den sie mit stetiger Überwindung aß, bis ihre Finger taub waren, bis eine Kälte tief in ihren Magen vorgedrungen war und sie aufstehen und ihren Wintermantel anziehen musste.

Daddys, Väter und Vaterfiguren in "Daddy"

Emma Cline seziert gern auch ethisch heikle Szenen, gerade wenn es um die titelgebenden "Daddys" geht, um Männer also, die tatsächlich Väter sind, oder um solche, die Väter sein könnten, aber aus ganz anderen Gründen mit jungen Frauen zusammenleben.

Das Besondere ist nun: Auch in solchen Geschichten fällt Emma Cline kein Urteil. Sie überlässt das Urteilen aber auch nicht einfach den Lesern - dafür verrät sie viel zu wenig über ihre Figuren. Emma Cline konzentriert sich auf das Hier und Jetzt, beschreibt, wie eine Figur in diesem Moment handelt, holt aber nicht die ganze Lebensgeschichte nach, die ihr Verhalten begründen würde.

Wer sich auf diese Rolle des flüchtigen Zaungasts einlässt, wer kein ausgearbeitetes Psychogramm in Literatur erwartet, der erlebt in diesem Erzählband wunderbar ambivalente Momente:

Als John die Augen öffnete, sah er Sasha an ihrem Handy. Der Drang, sich das Ding zu schnappen, es zu zerschmettern. Aber am besten nicht wütend werden, sonst würde Linda auf ihn wütend werden, sie würden alle wütend werden. Wie leicht man alles verderben konnte. Er füllte sein Weinglas nach, nahm sich etwas Pasta.

Unbekannter Ursprung beim Hang zur Gewalt im Buch

Auch das Leben dieses Vaters fächert Emma Cline nicht in all seinen Höhen und Tiefen auf: Woher der Drang zur Gewalt stammt, verrät die Schriftstellerin nicht. Aber es wird sofort spürbar, was alles in der Figur steckt: Welche Unbeholfenheit, aber auch welche Aggression diesen Vater überfällt, wenn er seine mittlerweile erwachsenen Kinder trifft. Und: Wie bewusst er sich seiner Gefühle ist:

Wie leicht sich ein Schleier zwischen ihm und dieser Gruppe von Menschen herabsenkte, die seine Familie waren. Sie wurden auf angenehme Weise unscharf, so vage, dass er sie lieben konnte.

Auch das gehört zu den Stärken von Emma Cline: Immer wieder schickt sie ihre Leser unvermittelt in die Gedankenwelten der Figuren. Gerade sind wir noch der unbeteiligte Beobachter, da lässt uns Emma Cline schon in den Kopf der Handelnden schauen. Der Wechsel von Außenansicht und Innenschau vollzieht sich oft ungemein schnell, er überrascht mit der plötzlichen Intimität und Klarheit und macht nur einen großen Reiz dieser Erzählungen aus.

Daddy

von Emma Cline
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Verlag:
Hanser
Veröffentlichungsdatum:
27. Juli 2021
Bestellnummer:
978-3-446-27087-9
Preis:
22 Euro €

Dieses Thema im Programm:

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