Stand: 07.11.2017 14:05 Uhr

Einblicke in die "Reichsbürger"-Szene

Reichsbürger. Die unterschätzte Gefahr
von Andreas Speit
Vorgestellt von Charlotte Voß
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Der Sammelband "Reichsbürger. Die unterschätzte Gefahr" ist im Ch. Links Verlag erschienen.

Seit im Oktober 2016 ein sogenannter Reichsbürger bei einer Razzia in Bayern auf mehrere SEK-Beamte geschossen und einen von ihnen tödlich getroffen hat, steht die Bewegung verstärkt in der Öffentlichkeit. Aber was wollen die "Reichsbürger"? Und warum hatten wir vorher nichts von ihnen gehört? Antworten darauf gibt es im Sammelband "Reichsbürger. Die unterschätze Gefahr", den Andreas Speit herausgegeben hat.

Skurrile Zeremonie mit pseudoreligiösen Elementen

Es ist ein Buch, das von Extremen handelt. Manches davon erscheint skurril - so wie eine "Krönungszeremonie" vor Hunderten zahlenden Gästen in Wittenberg: 

"In einer Industriehalle ist auf einer Bühne ein Altar mit Kerzenständern und Engelsfigur aufgebaut.  Fitzek schreitet zur Musik von 'Also sprach Zarathustra' von Richard Strauss zur Bühne, hinter ihm sieben seiner Jünger. Ein Zeremonienmeister ist verkleidet mit einem Umhang, der an Harry-Potter-Filme erinnert, klopft hin und wieder mit einem Stab bedeutungsvoll drei Mal auf den Boden und sagt mit Predigerstimme Sätze wie: 'Anbetung des Höchsten.' Fitzek kniet vor dem Altar nieder und bittet um 'Führung des Herren'. Später wird ihm sein Königsmantel in Hermelin-Optik umgehängt, dann Reichsapfel, Zepter, Krone und Schwert übergeben - alles mit ernster Miene." Leseprobe

Was für viele nach totaler Spinnerei klingt, ist für "Reichsbürger" Peter Fitzek totaler Ernst. Er hat das Reichsbürgertum am weitesten getrieben. 2012 rief er ein Königreich aus, schuf mit dem Engelgeld später eine Alternativwährung, gründete eine Bank und eine Gesundheitskasse. Inzwischen sitzt Fitzek wegen schwerer Untreue und Urkundenfälschung im Gefängnis - und es laufen weitere Prozesse gegen ihn.

Zehn Aspekte der "Reichsbürger"-Szene

Buchcover:Reichsbürger. Die unterschätzte Gefahr von Andreas Speit. © C.H. Links Verlag

Buch-Tipp: "Reichsbürger. Die unterschätze Gefahr"

NDR Info - Buchtipp -

Die Bewegung der Reichsbürger steht momentan verstärkt im Fokus. Wer sind sie? Was wollen sie? Der Sammelband "Reichsbürger. Die unterschätze Gefahr" gibt Antworten.

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Fitzek ist einer der Protagonisten aus der Szene, die der Sammelband "Reichsbürger. Die unterschätze Gefahr" in zehn Aufsätzen beschreibt.

Mal geht es um eine einzelne Person, mal um die Genese der Bewegung: ihre Militanz; den Umgang unserer Verwaltung und unserer Verfassungsschutzorgane mit den "Reichsbürgern". Es geht um geschlechtsspezifische und regionale Auf- und Anfälligkeiten sowie die Nähe der Anhänger zur rechtsextremen Szene und zu Gruppierungen im Ausland.

Verschwörungstheorien machen Gespräche fast unmöglich

Für Herausgeber Andreas Speit - Journalist und Experte für Rechtsextremismus - schwingt in allen Kapiteln des Buches mit:

"Ein Dialog auf Augenhöhe ist bei den Anhängern der fundamentalistischen Reichsideologie schwierig. Die Konstruktion einer vermeintlich gegen Deutschland und die Deutschen gerichteten Verschwörung führt zu der Selbstüberhöhung, einer besonderen Gruppe anzugehören, die Einsichten in Zusammenhänge hat, welche anderen verborgen bleiben, weshalb es gleichwertige Gespräche kaum geben kann." Leseprobe

Die "Reichsbürger"-Szene, schreibt Speit, habe sehr unterschiedliche Akteure, expandiere und radikalisiere sich. Ihre mehr als 12.000 Anhänger haben viele Differenzen - politische und persönliche. 

Hat der Verfassungsschutz "nichts gesehen, nichts geahnt"?

Erst im Dezember vergangenen Jahres, also zwei Monate nach den tödlichen Schüssen in Bayern, stufte das Bundesamt für Verfassungsschutz die "Reichsbürger" in ihrer Gesamtheit als staatsfeindliche Bewegung ein. Warum so spät?

"Kein Frühwarnsystem", heißt dazu passend ein Beitrag. Der Autor hat sich die Verfassungsschutzberichte der vergangenen Jahre angeschaut und festgestellt, dass eine Bewegung, die seit mehr als drei Jahrzehnten den Staat in seiner heutigen Form hinterfragt, unter dem Radar geblieben ist.

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Waren sie lästig? Hat man sie einfach nicht ernst genommen? Die Reichsbürger mit ihren langen schriftlichen Abhandlungen, mit denen sie Amtsstuben, Polizeireviere und Behörden beschäftigt haben? Hier heißt es:

"Die Reichsbürger können nach dem nationalsozialistischen Untergrund als das nächste große Versagen des Verfassungsschutzes gelten. Nichts gesehen, nichts geahnt - und das, obwohl Teile der Reichsbürger regelmäßig im Blick der Dienste waren." Leseprobe

Die einzelnen Aufsätze des Sammelbandes haben einige wenige inhaltliche Überschneidungen, die in Summe aber nicht weiter auffallen. Unterm Strich bekommt der Leser gute Einblicke in die "Reichsbürger"-Szene.

Plakat einer Gruppierung, die anzweifeln, dass die Bundesrepublik ein souveräner Staat ist © NDR

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Reichsbürger. Die unterschätzte Gefahr

von
Seitenzahl:
216 Seiten
Verlag:
Ch. Links
Veröffentlichungsdatum:
1. September 2017
Bestellnummer:
9783861539582
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 04.11.2017 | 10:50 Uhr

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