Stand: 20.12.2017 17:35 Uhr

Von wegen "Lügenpresse"

Die Meinungsmaschine. Wie Informationen gemacht werden - und wem wir noch glauben können
von Petra Gerster/Christian Nürnberger
Vorgestellt von Nicole Ahles, NDR Info

"Lügenpresse!", "Alle Medien sind gleichgeschaltet, Merkel bestimmt was die Medien bringen!" "Und überhaupt: Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen weg!" So klingt sie, die Kritik, der sich die Medienbranche seit Jahren stellen muss. "Heute"-Moderatorin Petra Gerster vm ZDF und ihr Ehemann, der Journalist Christian Nürnberger, wollten diese Kritik nicht so stehen lassen. Ihre Antwort geben sie im gemeinsam geschriebenen Buch "Die Meinungsmaschine. Wie Informationen gemacht werden und wem wir noch glauben können".

Petra Gerster und Christian Nürnberger lieben ihren Job. Und sie lieben Information. Jeder Morgen im Haushalt des Journalisten-Ehepaares in Mainz beginnt mit dem Lesen der Zeitung - sie liest die Papierausgabe, er bevorzugt die E-Paper-Ausgabe auf dem Tablet. "Egal wie, Hauptsache, man liest die Zeitung", sagt Gerster.

Informativ und auf den Punkt

Die "heute"-Moderatorin und Nürnberger, der unter anderem für die "Zeit" und die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, sind Vollblutjournalisten - und das merkt man ihrem Buch auch an. Informativ und auf den Punkt wollen sie vor allem eines: erklären, wie Journalisten arbeiten und dass Nachrichten nach bestimmten Regeln ausgewählt und gewichtet werden.

"Diese Regeln lassen keinen Raum für Anrufe aus der Regierung. Weder die Bundeskanzlerin noch ihr Sprecher, ja nicht einmal der Papst kann die überall in der freien Welt geltenden Regeln des Nachrichtengeschäfts durch Anrufe oder sonstige Machenschaften außer Kraft setzen." Zitat aus dem Buch "Die Meinungsmaschine"

Warum der Vorwurf der "Lügenpresse" falsch ist

Der Vorwurf der Lügenpresse und der der gleichgeschalteten Medien, der vor allem 2015 im Zuge der Flüchtlingsströme in Deutschland immer lauter wurde, hat die beiden tief getroffen. Ihn wollen sie entkräften und zwar mit dem, was sie am besten können - mit Information.

Sie erklären, wie Nachrichten ausgewählt werden, warum es manche Nachrichten in die Medien schaffen und andere nicht, und warum an manchen Tagen Nachrichten verbreitet werden, die an anderen Tagen im Papierkorb gelandet wären. Und sie erklären auch, warum man Medien in funktionierenden Demokratien gar nicht gleichschalten kann.

"Der Tagesschau könnte nichts Besseres passieren, als dass "heute" an drei Tagen hintereinander je eine Falschmeldung bringt. Ein monatelanges Quotentief für "heute" bei gleichzeitigem Quotenhoch für die Tagesschau wäre die Folge." Zitat aus dem Buch "Die Meinungsmaschine"

Medien kontrollieren sich gegenseitig

Cover des Buches "Die Meinungsmaschine" von Petra Gerster und Christian Nürnberger. © Ludwig Verlag

Buch-Tipp: "Die Meinungsmaschine"

NDR Info -

Petra Gerster und Christian Nürnberger erklären in ihrem Buch "Die Meinungsmaschine", wie seriöse Redaktionen arbeiten und warum der Vorwurf "Lügenpresse" falsch ist.

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Der Konkurrenzdruck in den Medien sei immens hoch, misstrauisch beäuge man sich gegenseitig, sagt Nürnberger: "Es gibt Zehntausende von Journalisten, die gegeneinander konkurrieren und die sofort merken, wenn ein anderer einen Fehler macht oder ein Konkurrent, das fliegt ja sofort auf. Deswegen haben Lügen so gut wie keine Chance, dass sie sich durchsetzen in demokratischen Medien."

Die Folgen der Kölner Silvesternacht

Allerdings habe die harsche Medienkritik, die in der Berichterstattung der Kölner Silvesternacht ihren Höhepunkt fand, auch Positives bewirkt, sagt Gerster. Die Medien seien gezwungen worden, sich selbst unter die Lupe zu nehmen: "Durch diesen Vorgang eben auch der Selbstreflektion sind die Medien, glaube ich, auch ein ganzes Stück weit selbstkritischer geworden - und das ist auch gut so. Eine Folge davon ist, dass wir jetzt zum Beispiel unbedingt transparent sind, das heißt: Alle Fehler werden öffentlich gemacht. Alle machen Fehler, wir sind Menschen, aber man muss zu diesen Fehlern stehen. Und meistens sind's ja Fehler, die natürlich unabsichtlich passieren und nicht absichtlich."

Reaktion auf die größten Kritikpunkte

Gerster und Nürnberger greifen auch die drei größten Kritikpunkte der vergangenen Jahre auf. Die Berichterstattung über die Ukraine-Krise, den Flüchtlingsstrom und die Silvesternacht in Köln. An dieser Stelle räumt Gerster einen Fehler ihres Senders ein - "heute" hatte die Meldung am Montag der Pressekonferenz der Polizei in Köln nicht gebracht. Sie erklärt das so: "Die Vorwürfe, die auf der Pressekonferenz geäußert worden waren, waren so unvorstellbar und noch nie dagewesen, dass sie taten, was man in solchen Fällen professionellerweise tut: nämlich Vorsicht walten lassen und nicht vorschnell etwas hinausposaunen, ohne die Faktenlage selbst geprüft zu haben."

Lesenswert! Selbst für Insider

Das Buch "Die Meinungsmaschine" von Gerster und Nürnberger wird die Verfasser von Hass-Mails im Internet nicht dazu bringen, ihre Kritik angemessen vorzubringen - das wissen die beiden Autoren durchaus. Aber für diejenigen, die verunsichert sind und sich fragen, wie die Branche eigentlich arbeitet, bietet es viele Antworten mit konkreten Beispielen. Ein lesenswertes Buch, das an manchen Stellen vielleicht etwas sehr ausführlich ist, aber selbst Kennern der Branche noch interessante Einblicke verschafft.

Die Meinungsmaschine. Wie Informationen gemacht werden - und wem wir noch glauben können

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Verlag:
Ludwig Buchverlag
Veröffentlichungsdatum:
20. November 2017
Bestellnummer:
3453280474
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 21.12.2017 | 09:20 Uhr

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