Stand: 26.03.2018 12:01 Uhr

Kirchen-Skandale: Lütz' Aufklärung ist zu dünn

Der Skandal der Skandale
von Manfred Lütz
Vorgestellt von Jan Ehlert

Kreuzzüge, Indianermission, Verbrennungen von Ketzern: Die Geschichte der katholischen Kirche ist voll von dunklen Kapiteln. Die meisten dieser grausamen Geschichten seien aber falsch, meint der Theologe Manfred Lütz. In seinem Buch "Der Skandal der Skandale" will er mit Gerüchten und Verleumdungen aufräumen.

"Rom, eine Stadt mit Schatten, die nicht die Gebäude werfen. Nicht nur die Menschen. Haltet Eure Waffen bereit, auch während der Messe." Trailer aus der TV-Serie "Borgia"

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Das Buch "Der Skandal der Skandale" von Manfred Lütz ist im Herder Verlag erschienen.

Mord, Inzest, Verschwörungen: Um kaum einen Papst ranken sich so düstere Gerüchte und Geschichten wie um Alexander VI. aus der Familie der Borgia. Anschaulich zu sehen ist das in einer sechsteiligen Fernsehserie, die im Jahr 2011 ausgestrahlt wurde. Die Quoten waren gut. Doch die Sache hatte einen Schönheitsfehler, so Manfred Lütz. Dass nämlich ...

"... fast alles falsch und unhistorisch, aber alles schön lüstern, grausam und blutig zuging. Eine Skandalgeschichte vom Feinsten, wie es der Kommentator der 'Welt' plastisch ausdrückte: 'Ungehemmt fließen darin Blut, Gift und Sperma.' Ein gefundenes Fressen also für den Unterhaltungschef des ZDF. Allerdings mutmaßlich nur unter einer Bedingung: dass er den Leiter der Wissenschaftsredaktion verlässlich aus dem Weg räumt - nach Borgia-Art am besten." Zitat aus dem Buch "Der Skandal der Skandale"

So war Papst Alexander VI. wirklich

Denn die gesicherten Fakten über das Leben Alexanders VI. zeichnen laut Lütz ein ganz anderes Bild. Der Papst war demnach ein hochgescheiter Mann, der Kriege verhinderte und Spanien einte, seine Tochter Lukrezia Borgia eine wohltätige Herzogin, die ganz sicher nicht mit ihrem Vater schlief - und das berühmte Gift der Borgias, das noch Tage nach seinem Einnehmen seine Opfer tötete, eine reine Erfindung, verfasst von einem bezahlten Rufmörder: Johannes Burckard, im 15. Jahrhundert Zeremonienmeister der Kurie.

"Das Tagebuch des Johannes Burckard entspricht in etwa der YellowPress unserer Tage. Denn genau das wollte man ja hören. Ein Monster musste dieser Spanier gewesen sein, ein Unhold, mit dem Teufel im Bunde, ein allzeit bereiter gieriger Lüstling. Normalerweise kämen jedem sofort Zweifel, wenn er eine solche Horrorstory hörte." Zitat aus dem Buch "Der Skandal der Skandale"

Verblüffende Ergebnisse

Nicht aber, wenn es um die katholische Kirche gehe, so Lütz. Über kaum eine andere Institution seien so viele Skandale im Umlauf: gruselige Geschichten über die mörderische Inquisition, die blutigen Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen.

All diesen vermeintlichen Wahrheiten will Lütz "vorurteilsfrei und mit dem Skalpell der Wissenschaft" zu Leibe rücken - und kommt dabei zu verblüffenden Ergebnissen.

"Wenn von den Schreckenstaten der Inquisition die Rede ist, dann ist damit zumeist die Spanische Inquisition gemeint. Hunderttausende, ja Millionen Opfer soll diese grausame Behörde in den Weiten des spanischen Weltreichs auf dem Gewissen gehabt haben. [...] Der dänische Sozialwissenschaftler Gustav Henningsen kommt für die 160 Jahre von 1540 bis 1700 bei fast komplett vorliegenden Quellen für das gesamte spanische Weltreich auf insgesamt 826 Todesurteile." Zitat aus dem Buch "Der Skandal der Skandale"

Auch bei der Hexenverfolgung und bei den Kreuzzügen seien die wissenschaftlich erwiesenen Opferzahlen laut Lütz deutlich geringer. Mehr noch: Es sei die Kirche gewesen, die sich für die Verfolgten eingesetzt habe.

Lütz blendet auch Theorien aus

Der Autor stützt sich für sein Buch auf die aufwendigen Recherchen des Theologen und Kirchenhistorikers Arnold Angenendt. Fakten also statt Fake News - allerdings auch hier nur ausgewählte Fakten. Theorien, die seinem Weltbild nicht entsprechen, werden von Lütz ausgeblendet, Schwächen und tatsächliche Skandale der Kirchengeschichte ignoriert oder weg argumentiert. Im Zweifel sei es die Politik, nicht die Kirche gewesen, so Lütz.

Wie eng Könige und Klerus jahrhundertelang verbunden waren, das blendet er dabei aus. Damit schwächt Lütz aber seine eigene Glaubwürdigkeit. Denn Aussagen wie, dass das Christentum "immer eine Friedensreligion gewesen sei, die keinen Heiligen Krieg kenne", sind wissenschaftlich gesehen so nah an der Wahrheit wie die blutrünstigen Gerüchte über die Borgias.

Der Skandal der Skandale

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Verlag:
Verlag Herder
Veröffentlichungsdatum:
27. Februar 2018
Bestellnummer:
P379156 | ISBN: 978-3-451-37915-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 26.03.2018 | 12:50 Uhr

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