Stand: 02.05.2018 18:00 Uhr

Erkundungen "ganz oben"

Der Elitenreport
von Georg Meck und Bettina Weiguny
Vorgestellt von Claas Christophersen

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass die Journalistin Julia Friedrich mit ihrem Elitenreport "Gestatten: Elite" für Aufsehen gesorgt hat. Sie war in den Kaderschmieden der Republik unterwegs gewesen, hatte über junge Leute berichtet, die man in Internaten und privaten Elite-Hochschulen auf ein Leben an der Spitze der Gesellschaft vorbereitet, auf ein Leben mit Macht und Geld, in den Führungsetagen der Unternehmen, als einflussreiche Strippenzieher. Wie es dann weitergeht, wie "Strippen gezogen" werden und die berühmten "Zirkel der Macht" funktionieren, darum geht es im Buch "Der Elitenreport".

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Das Buch "Der Elitenreport" ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Die Elite hat keinen guten Ruf. Schon der Begriff ist, zumindest in Deutschland, anrüchig. Deshalb beginnen Bettina Weiguny und Georg Meck ihren Bericht aus den oberen sozialen Luftschichten auch mit den zumeist rechtspopulistischen Ressentiments gegen "die da oben".

Die kommen, wie die Autoren einleuchtend darlegen, nicht von denen "ganz unten", sondern vor allem aus der Mittelschicht, die sich vor dem Abstieg fürchtet. Oft wird da die kleine Minderheit von Entscheidern mit großer Macht und oft auch großem Geldvermögen aus Politik und Wirtschaft als rücksichtslos und selbstherrlich empfunden. Sicherlich ein Pauschalurteil, aber Koautorin Bettina Weiguny findet nach ihren Recherchen auch, dass Angehörige der Elite keine Kinder von Traurigkeit seien: "Es sind extrem ehrgeizige Menschen, oft auch sehr schlaue Menschen, sehr machtbewusste Menschen, und man sollte sie nicht moralisch messen. Man kommt nur mit Ellenbogen dorthin. Es sind aber auch nicht nur Versammlungen von Bösewichten. Die Bösewichte, die tauchen nur gerne in der Presse auf, und dann wirkt es so, als sei die Elite eine Anhäufung böser, moralisch verkommener Menschen."

Das Buchcover zu "Der Elitenreport". © Rowohlt Verlag

Buch-Tipp: "Der Elitenreport"

NDR Info - Buchtipp -

"Der Elitenreport" von Bettina Weiguny und Georg Meck gewährt Einblicke in die Netzwerke der Mächtigen und Einflussreichen. Das politische Buch wird auf NDR Info vorgestellt.

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Was vor und hinter den Kulissen passiert

Weiguny und ihr Kollege Georg Meck, beide Wirtschaftskorrespondenten bei der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", waren für ihr Buch viel unterwegs. Sie sind durchs Silicon Valley gereist, haben mit ausgebrannten Managern in Deutschland gesprochen und porträtieren die Orte, an denen sich die globale Elite so trifft. Allen voran das Weltwirtschaftsforum in Davos, das es, wie die Autoren schreiben, in doppelter Ausführung gebe.

"Das offizielle Forum, wo viel von Ethik und Moral die Rede ist, und daneben das schöne Geschäft. Nur durch einen braunen Vorhang abgetrennt, beginnt direkt im Konferenzzentrum die Networking-Zone, in den besseren Hotels sind ganze Flure für solche "private meetings" gebucht. Von morgens um sieben bis Mitternacht läuft die Maschinerie. Davos ist eine einzige Jagdgesellschaft." Zitat aus dem Buch "Der Elitenreport"

Und dort findet man dann Leute wie den deutschen Internet-Milliardär Oliver Samwer, berichtet Weiguny: "Der sitzt in so einer kleinen Café-Ecke, wo die Leute ständig, wenn eine Session vorbei ist, rausströmen und kurz einen Kaffee trinken. Und dann empfängt er von morgens bis abends in einem durch, im Rhythmus von zehn Minuten alle Multimilliardäre, alle Scheichs, alle Oligarchen dieser Welt und stellt denen sein neuestes interessantes Start-up vor. Und es geht in einem fort."

Der richtige Ton in Reportage und Analyse

So investigativ-kritisch wie Julia Friedrichs in ihrem Buch "Gestatten: Elite" sind die beiden Wirtschaftsjournalisten nicht vorgegangen. Sie liefern aber sehr wohl eine facettenreiche Reportage, immer wieder unterbrochen von analytischen Passagen.

Mit leichter Ironie und wohlgesetzten Spitzen - etwa gegen das VW-Management - treffen die Autoren meist den richtigen Ton.

Wenn es um die Frage geht, ob sich die Elite vom Rest der Gesellschaft abkoppelt, zeigen sich Weiguny und Meck allerdings sehr vorsichtig. So zählen sie einige Top-Manager aus DAX-Konzernen auf, die es aus kleinen Verhältnissen ganz nach oben geschafft haben. Nur: Könnten diese Aufstiegsgeschichten nicht einfach die strahlenden Ausnahmen sein?

"Dann hat Deutschland ein Problem"

Bettina Weiguny glaubt das nicht. Zugleich sieht sie aber durchaus die Gefahr, die von zunehmender Ungleichheit ausgeht: "Es ist möglich, aber was es dazu braucht, ist der Glaube daran, dass man es schaffen kann. Und wenn der Glaube irgendwann in Deutschland stirbt und sich das verfestigt in der Unterschicht, dass es keinen Aufstiegswillen mehr gibt und keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr, dann hat Deutschland, glaube ich, wirklich ein Problem."

Der Elitenreport

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Verlag:
Rowohlt Berlin
Veröffentlichungsdatum:
24.04.2018
Bestellnummer:
978-3737100342
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 03.05.2018 | 08:20 Uhr

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