Stand: 20.02.2018 14:55 Uhr

Bestseller - Von J.R.R. Tolkien bis E.L. James

Bestseller
von Jörg Magenau
Vorgestellt von Heide Soltau
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Lesen ist ein demokratischer Akt, meint "Bestseller"-Autor Jörg Magenau. Und er nimmt alle Bücher ernst, auch Trivialliteratur.

Erinnern Sie sich noch an den Roman "Das Parfum" oder das Sachbuch "Darm mit Charme"? Beide waren Bestseller. Mega-Beststeller sogar. Was hat die Leser ausgerechnet an diesen Büchern fasziniert? Dieser Frage geht der Literaturkritiker Jörg Magenau in seinem Sachbuch "Bestseller" nach, mit dem ihm ein kleines Wunder gelungen ist. Es enthält eine Fülle an Informationen - und überzeugt erzählerisch. Bestseller verdanken sich Stimmungen und Trends, sie lassen sich nicht isoliert betrachten, so der Literaturkritiker. Als "Das Parfum" von Patrick Süskind 1985 erschien, waren gerade fantastische Romane in.

Süskinds "Das Parfum" als Konterpart zur Angst

"Angefangen von Tolkien, der mit dem 'Herrn der Ringe' 1980 den erfolgreichsten Roman des Jahres veröffentlichte, über Michael Ende und Umberto Eco bis hin zu den Lateinamerikanern Isabel Allende und Garcia Márquez", sagt Magenau. "Da war 'Das Parfum' als fantastischer Roman über eine Figur, die übersinnliche Fähigkeiten hat, nämlich das Riechen, einer von mehreren, die den Konterpart bieten zur Angst, zur realen Bedrohung in der Welt."

Tausende von Bundesbürgern protestierten damals gegen Atomkraftwerke, Umweltzerstörung und die Bedrohung des Weltfriedens. Die 80er-Jahre gingen als das Jahrzehnt der Angst in die Geschichte ein - und Bücher wie "Das Parfum" lenkten davon ab.

Nach der Angst: Trend zur Naturverbundenheit

Drei Jahrzehnte später schaffte es der Ratgeber "Darm mit Charme" von Giulia Enders auf die Bestsellerliste. Der Zeitgeist hat sich geändert, im Zentrum des Interesses stehen nun Naturphänomene und die Sorge um die Natur. "Da gehört der Darm im weiteren Sinne dazu", meint Magenau. "Wir beschäftigen uns mit uns selbst auch als Naturwesen, so wie wir uns mit der Welt als Natur beschäftigen. Das ist ja ein großer Trend auf dem Buchmarkt, dass es um Bienen geht, dass es um die Bäume geht, aber nicht so sehr um die harten politischen, theoretischen Dinge. Das waren die 70er- und 80er-Jahre, die die Welt mit Theorie, mit Sozialtheorie erklärten. Heute erklären wir sie mit Naturwissenschaften."

Interview

Das Erfolgsrezept für einen Bestseller

Der Literaturkritiker Jörg Magenau hat sich die Mühe gemacht, zu ergründen, was Bestseller zu Bestsellern macht. Auf NDR Kultur verrät er es. mehr

"Was sagen die Bücher über uns aus?"

Der Buchmarkt unterscheidet normalerweise zwischen Belletristik und Sachbuch, Fiction und Non-Fiction, wie die Angelsachsen sagen. Magenau hat darauf verzichtet: "Weil das für die Fragestellung, die ich hatte - Was sagen die Bücher über uns aus? - nicht relevant ist. Die Sachbücher sagen natürlich genauso viel über uns aus, vielleicht sogar mehr, weil sie mit ihren Themen immer noch etwas dichter am aktuellen Geschehen sind als Literatur oder Kunst."

Eine subjektive Auswahl - über Genregrenzen hinweg

Deshalb beschäftigt er sich nur mit ausgewählten Bestsellern, die so wirkmächtig waren, dass über sie diskutiert wurde. Er bekennt sich zu seiner Subjektivität und konzentriert sich vorwiegend auf deutschsprachige Literatur. "Es geht ja um die deutsche Gesellschaft und ihre Entwicklung nach 1945, gespiegelt in den Bestsellern, in den Büchern, die wir liebten und was sie über uns verraten. Wenn es natürlich die Skandinavierwelle gibt, wenn man sich mal eine Zeit lang mit den Holländern beschäftigt hat oder mit dem lateinamerikanischen magischen Realismus, dann spielt das auch eine Rolle."

Schlinks "Vorleser" und der Irrtum der Oprah Winfrey

Und so kommen "Harry Potter" und "Fifty Shades of Grey" in seiner Darstellung natürlich auch vor. Klug strukturiert und glänzend formuliert, nimmt Magenau die Leser mit auf eine Entdeckungsreise voller Geschichten. Wer weiß schon, dass der Welterfolg von Bernhard Schlinks "Der Vorleser" zum Teil auf einer Fehlinterpretation der amerikanischen Talkmasterin Oprah Winfrey beruht. Sie hatte das Liebesverhältnis des Schülers Michael zu der sehr viel älteren ehemaligen KZ-Aufseherin Hanna als sexuellen Missbrauch gedeutet. Sonst hätte sie Schlink wohl nicht in ihre Sendung eingeladen.

"Ich will das entdecken, was die Bücher so faszinierend macht"

Magenau verzichtet auf Häme, er macht uns Lesern unsere Lieblingsbücher nicht madig. Niemand muss sich für seine Lektüre schämen, seien es die "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche oder der Psychothriller "Das Paket" von Sebastian Fitzek. "Ich will nicht von oben runterschauen, was andere Leute lesen, und ihnen erklären, dass es vielleicht falsch ist, was sie lesen", meint der Kritiker. "Ich will in dem, was viele lesen, das entdecken, was die Bücher so faszinierend macht. Und da nehme ich mich, weil ich es in der Wir-Form formuliert habe, auch nicht aus."

Lesen ist Demokratie, auch Trivialliteratur!

Im Übrigen wirbt Magenau im Buch "Bestseller" für das Lesen. Lesen sei eine fundamentale menschliche Fähigkeit. "Weil es uns ermöglicht, die Perspektive zu wechseln und auf die Welt mit den Augen eines anderen Menschen oder anderer Figuren zu schauen", findet er. "Diese Grundhaltung, die eine sehr demokratische Grundhaltung ist, ist mir wichtig. Ich glaube, dass in jeder noch so trivialen Lesebewegung genau das drin ist, dass man die eigene Position verlässt, um verwandelt zurückzukehren und auf das eigene Leben dann auch mit einem anderen Blick schauen zu können."

Man mag diesen Optimismus so nicht teilen, aber es stimmt schon: Lesen ist potenziell ein subversiver, zutiefst humaner Akt. Auch daran erinnert Magenau. Diktatoren hassen Bücher.

Bestseller

von
Seitenzahl:
512 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Hoffmann & Campe
Bestellnummer:
9783455503791
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Neue Bücher | 20.02.2018 | 10:55 Uhr

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