Stand: 13.06.2014 17:40 Uhr  | Archiv

Es muss nicht immer Pelé sein

Fußball Brasil
von Christopher Pillitz
Vorgestellt von Hans-Heinrich Raab

Brasilianischer Fußball steht für spielerische Schönheit und auch das Land Brasilien selbst hat ja einiges zu bieten, das sich zu fotografieren lohnt. Da ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass der Fotograf Christopher Pillitz die Idee hatte, einmal Fußball, Land und Leute zusammen in ein Buch zu packen. "Fußball Brasil" heißt sein Bildband. Er ist rechtzeitig vor dem Anpfiff zur Weltmeisterschaft in Brasilien erschienen.

Die Facetten des brasilianischen Fußballs

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"Fußball Brasil" ist ein fröhliches, buntes Buch über das WM-Land, das aber auch Menschen am Rande der Gesellschaft porträtiert.

Junge muskulöse Burschen laufen lachend einem Fußball hinterher, der Sand spritzt unter ihren nackten Füßen hoch. Daneben liegen Bikini-Schönheiten auf Handtüchern und sehen ihrem Spiel zu. Am Ende des Strandes ragt die charakteristische Berglandschaft Rio de Janeiros in den Himmel. Das Titelbild könnte ein Werbeplakat für diesen Fußball-Sommer sein - es zeigt aber nur eine der vielen Facetten, die Fußball in Brasilien hat. Auf seinen Streifzügen durch das Land hat Christopher Pillitz mit der Kamera noch mehr eingefangen: "Es geht hier nicht um Pelé, Garrincha, Tostão, Zico, Sócrates oder Ronaldinho ... ,“ stellt der brasilianische Autor und Fußballkenner Eduardo Bueno gleich im Vorwort klar:

... sondern um die Seele des Straßenfußballs, um ein Spiel ohne feste Regeln, ohne Zügel und Fesseln und ohne die Pfeife eines Schiedsrichters. Es geht um das, was man auf Portugiesisch eine pelada nennt (wörtlich 'die Nackte'). Obschon die etymologische Herkunft des Wortes umstritten ist, spricht einiges dafür, dass es sich auf die nackten Böden ohne Rasen bezieht, auf denen gespielt wird.

Ein Ball und ein Boden

Man braucht nicht viel mehr als einen Ball und eben diesen nackten Boden, um zu kicken. Und tatsächlich tun es die die Brasilianer überall: Mitten im Meer auf einem eingezäunten und mit einem Netz überspannten Spielfeld zwischen den Gittern und Rohren einer Öl-Bohrinsel, im Gefängnis-Flur oder -Hof, zwischen Müll und Pfützen der Armenviertel, vor Graffiti-Wänden in Sao Paolos Gassen, auf dem rauen Teer einer gesperrten Stadtautobahn oder auf dem regennassen Dach eines Wolkenkatzers. Überall sieht man Junge und Alte in kurzen Hosen oder in Alltagskleidung mit dem Fuß eine Kugel hin und her bewegen.

Eduardo Bueno fragt sich da: "Wo dringt Fußball tiefer ins Alltagsleben, tiefer in das Innerste und die Träume eines Volkes ein als in Brasilien? Wo sonst hätte Christopher Pillitz das epische Tableau einfangen können, das sich auf den Seiten dieses Buches offenbart? Wo sonst auf der Welt ist das Spiel bunter und vielfältiger?"

Nirgendwo, heißt natürlich die Antwort: Nirgendwo sonst. Und der Bildband beweist es. Allein schon die vielen Tattoo- und Graffiti-Motive: Übermenschlich, erhaben blickt das Konterfei Pelés von einer besprühten Wand. Daneben ist in krakeligen Linien Neymar mitten im Schuss zu sehen. Mit karikaturhaft vergrößertem Kopf und seltsam verrenkt grinst Garrincha uns dagegen aus einem anderen Graffito an. "Gooooooal!"

Fußball - in Brasilien mehr als nur ein Spiel

Fußball ist in Brasilien mehr als Sport, mehr als nur ein Spiel. Zumindest für den Fan, der auf einem Bild im National-Trikot vor einer weißgewandeten Candomblé-Priesterin kniet. Er ist gekommen, um für den WM-Sieg zu beten. Im Hintergrund quillt ein Fantasie-Altar fast über, auf dem alle möglichen Heiligen drapiert sind. Darunter steht das Gemälde eine Meerjungfrau. Und wenn die Priester des Seminars Santo Tomás de Vilanova gegen Studenten spielen, fliegen die Rosenkränze, blitzen behaarte Männerwaden unter der Soutane hervor. Den kickenden Priestern hat Pillitz eine ganze Bilder-Serie gewidmet. Laut Anmerkung gehört das Team zu den besten in der Region.

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Im Stadion laufen die Fans zu Hochform auf, tauchen die Tribüne in das gelb-grün-blau der brasilianischen Flagge oder in die jeweiligen Farben ihres Vereins. Wenn ein Tor fällt, entledigen sie sich ihrer Trikots aber auch schnell. Dann sieht man nur noch unscharf braune Oberkörper im Freudentaumel. Wie überall fackeln auch in Brasilien einige Fans gerne Bengalos ab, doch zünden sie hier gleichzeitig ein rhythmisches Feuerwerk auf ihren Samba-Trommeln.

"Fussball Brasil" ist Party und soziologische Studie zugleich. Es ist ein fröhliches, buntes Buch, das aber auch Menschen am Rande der Gesellschaft porträtiert. Ein Buch, dass die Einwohner eines Landes im Fußballfieber zeigt.

Fußball Brasil

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
h.f.ullmann publishing GmbH
Bestellnummer:
978-3-7913-4895-7
Preis:
29,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 15.06.2014 | 17:40 Uhr

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