Stand: 18.09.2020 07:19 Uhr  - NDR Info

Jan Böhmermanns Twitter-Chronik des Jahrzehnts

Gefolgt von niemandem, dem du folgst
von Jan Böhmermann
Vorgestellt von Susanne Birkner

Mit 2,2 Millionen Followern ist der Satiriker und Moderator Jan Böhmermann einer der einflussreichsten deutschen Twitterer. Allein in den ersten drei Monaten in diesem Jahr wurden Tweets seines Accounts knapp 118 Millionen Mal gesehen. Los ging es 2009, als Reaktion auf den Amtsantritt Barack Obamas. Über alles, was sich dazwischen in dem Kurzmitteilungsdienst abgespielt hat, hat Jan Böhmermann jetzt seine kommentierten Tweets als Buch herausgegeben: "gefolgt von niemandem, dem du folgst".

Das Cover des Buchs "Gefolgt von niemandem, den du kennst" von Jan Böhmermann. © Kiepenheuer & Witsch Foto: Kiepenheuer & Witsch
Über ein Jahrzehnt an Tweets auf 464 Seiten hat Satiriker Jan Böhmermann kommentiert herausgebracht.

Es erscheint auf den ersten Blick widersinnig: Twitter, das Medium, das von der Schnelligkeit und vom Dialog lebt, in Buchform. Das neue Medium im uralten. Aber es funktioniert. Warum, erklärt Autor Jan Böhmermann selbst: "Ich glaube, Twitter ist sehr eng verknüpft mit unserer Wirklichkeit. Bei Twitter wird Wirklichkeit gemacht, die wir im echten Leben spüren und das steht in einer Wechselwirkung. Und um sich da mal auf den Weg zu machen und zu fragen, wie das wirkt, was das alles bedeutet, und die große Frage, wie das alles soweit kommen konnte, wie das heute ist, dazu muss man dann, glaub ich, das Medium brechen." Als Beispiel nennt Böhmermann eine Corona-Demo Ende August in Berlin: "Was wir da gesehen haben, ist die Wirklichkeitwerdung einer digitalen Mechanik. Das ist quasi ein Facebookshitstorm, eine virtuelle Bewegung, die sich in der Realität manifestiert hat. Leute, die sich gegenseitig in ihrer Annahme von der Wirklichkeit bestätigen und jetzt denken, jetzt klappt das, den Reichstag zu stürmen."

Böhmermann twittert so, wie er empfindet

Das Buch ist eine Chronik eines Jahrzehnts geworden. Und das Interessante daran: Man hat nicht den Blick mit dem Wissen von heute, sondern ganz gegenwärtig, aus dem Gefühl der jeweiligen Zeit: "Oh Gott, oh Gott, oh Gott, warst Du damals nicht schlauer? Hätte man das damals machen müssen? Aber in dem Moment fühlt es sich richtig an. Und das ist auch das Spannende, im Nachhinein dieses Material zusammenzutragen. Das hat eine Art von Wahrhaftigkeit und in diesem Moment hab ich das als echt und als wichtig empfunden." Jan Böhmermann kommentiert Wahlen, Weltgeschehen, Weltmeisterschaften oder twittert heimlich aus der Redaktionskonferenz der Harald-Schmidt-Show, wo er 2009 noch Witze für den Late-Night-Moderator geschrieben hat.

Auf Twitter sind wenige, aber die haben etwas zu sagen

Der Satiriker und Moderator Jan Böhmermann.  Foto: Sven Hoppe

AUDIO: Jan Böhmermann im Gespräch (49 Min)

In der Zeit, nachdem der türkische Staatspräsident Erdogan den Satire-Moderator für sein "Proseminar Schmähkritik" wegen Majestätsbeleidigung angezeigt hatte und sogar Gefängnis drohte, kam jedoch nichts. Jan Böhmermann blieb auf Twitter stumm. Heute erklärt er: "Da waren andere Sachen wichtiger, die man nicht öffentlich ausbreiten sollte. Aber vielleicht waren das erste Vorboten der Cancel Culture, persönlich gecancelt vom Staatspräsidenten und Anführer der größten NATO-Armee." Neben viel Quatsch ist das Spannende: Böhmermann antworten Hiphopper, "Bild"-Chefredakteure, die Deutsche Bahn oder Politikerinnen und Politiker wie Peter Altmaier, Erika Steinbach oder Kevin Kühnert. Denn nicht viele Leute sind bei Twitter - aber die, die da sind, prägen den Diskurs.

Böhmermann beklagt eine "Erosion der Menschlichkeit"

"Ich sitze einfach sechs bis acht Stunden am Tag aus beruflichen Gründen vor irgendwelchen Monitoren und scanne diese soziale Netzwelt" - so gibt sich Jan Böhmermann seine persönliche Jobbeschreibung. Fast schon klar, dass er selbst sich in den vergangenen elf Jahren durch Twitter verändert hat: "Die Großkotzigkeit wurde immer schlimmer, ganz furchtbar." Durch seine enorme Reichweite von 2,2 Millionen Followern empfindet Böhmermann aber auch eine größere Verantwortung. Und er fügt hinzu: Die Wirklichkeit habe sich mittlerweile verändert: "Da hat sich wirklich seit der Migrationsbewegung 2015 etwas bahngebrochen, was ganz ungut ist. Das ist ein Verfall von politischer Kultur und Debattenkultur, eine Erosion der Menschlichkeit. Da ist etwas ins Rutschen geraten, was nicht weiter rutschen darf, und das sieht man auch ganz deutlich."

Buch fasst zusammen, wie soziale Netzwerke funktionieren

Extreme Positionen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wie eng das damit verknüpft ist, wie soziale Netzwerke funktionieren, kann man an Jan Böhmermanns Twitter-Tagebuch sehr gut nachvollziehen. Seine Tweets hat er aus dem Netz gelöscht - ab jetzt gibt es sie nur noch auf Papier.

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Gefolgt von niemandem, dem du folgst

von
Seitenzahl:
464 Seiten
Zusatzinfo:
Der Untertitel des Sachbuchs lautet: "Twitter-Tagebuch. 2009-2020. Tweets sind die Aphorismen der Gegenwart"
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Veröffentlichungsdatum:
10.09.2020
Bestellnummer:
978-3-462-00058-0
Preis:
22 € / E-Book: 18,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 10.09.2020 | 09:55 Uhr

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