Sendedatum: 04.07.2020 18:00 Uhr

"Entweder du liest ein Steak, oder du umarmst ein Buch"

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Ein tiefer Seufzer am Ende eines viel zu kurzen Schriftstellerlebens: "Ich habe Erfolg, aber keinerlei Wirkung." Kurt Tucholsky, der Verächter von Nationalismus und Obrigkeitshörigkeit, meinte, er werde nun langsam größenwahnsinnig, wenn er zu lesen bekomme, wie er Deutschland ruiniert habe: "Seit zwanzig Jahren aber hat mich immer dasselbe geschmerzt", schrieb er: "Dass ich auch nicht einen Schutzmann von seinem Posten habe wegbekommen können."

Was wäre denn, wenn Kurt Tucholsky tatsächlich so etwas wie Wirkung gehabt hätte? Dann gäb es keinen Krieg, die Deutschen beherrschten den Konjunktiv, und schlechte Texte blieben ungedruckt, statt mit dem überzitierten und unverstandenen Tucholsky-Satz, Satire dürfe alles, noch hilflos geadelt zu werden. Das wäre ja eine schöne Welt. Aber sie ist so nicht, sie ist ganz anders. Wenn sie die Wahl hat zwischen Tucholsky und Tönnies, entscheidet sie sich immer für die Wurst.

Das Elend ist geblieben

Womit wir bei der amerikanischen Literatur wären. Zu ihren längst kanonisierten Meisterwerken zählt ein Roman, der vor 115 Jahren erschienen ist: "Der Dschungel", eines der ersten Bücher von Upton Sinclair. Es erzählt ungebremst drastisch - wie auch sonst? - von den katastrophalen Zuständen in einem industrialisierten Schlachtbetrieb, von der Ausbeutung der Arbeiter und den Qualen der Tiere. Die Leser waren pflichtgemäß erregt und erschüttert, der Präsident schickte ein paar Experten ins Schlachtgebiet, damit sie sich Hygieneregeln ausdächten. Trotzdem ist "Der Dschungel" kein historischer Roman. "Es war wie ein entsetzliches Verbrechen, das in einem Verlies begangen wurde, unbemerkt und unbeachtet, dem Blick verborgen und aus der Erinnerung gelöscht…" - wer dächte bei einem Satz wie diesem nicht an die unzähligen Mastbetriebe in Niedersachsen, in die viel zu selten jemand seinen kritischen Blick werfen kann? 115 Jahre sind vergangen, das Elend ist geblieben.

Was bleibt von der großen Literatur?

Nichts bewirkt die Literatur, allenfalls einen wohligen Schauer. Das kathartische Erlebnis hat der Leser ja schon, wenn er im Ohrensessel ein paar Tränchen über das Leid seiner Mitgeschöpfe verdrücken kann. Da braucht er nicht noch den Aufstand zu proben.

2010 hat es Jonathan Safran Foer nochmal versucht, mit großem Erfolg und kaum nennenswerter Wirkung: "Tiere essen" war ein internationaler Bestseller, Foer kann sich seitdem täglich zwei Sojaschnitzel leisten, und manche seiner Leser, die nach der Lektüre beschlossen, jetzt mindestens Vegetarier zu werden, sind es wohl auch länger als eine Woche geblieben. Am Massentierhaltungswahnsinn hat sich nichts geändert, wird sich nichts ändern. 

Die Literatur hat keine Wirkung, die Politik keine Schuld. Ministerpräsident Laschet betont, das "Infektionsgeschehen" im Schlachtbetrieb von Tönnies sei keinesfalls auf die "Lockerung" der Corona-Einschränkungen zurückzuführen: "Schlachtbetriebe mussten nicht geöffnet werden - sie waren die ganze Zeit offen", erklärt Laschet, und wir blicken dankbar zurück auf dieses huldreich hochwohlweise Walten.

Schließung von Massenbuchhaltungsbetrieben

Wie gut, dass das glückliche Schwein uns auch und gerade in größter Corona-Not für die schmackhaften Teile seines Körpers begeistern durfte, während das skandalöse Drängeln dicht an dicht beieinander stehender Leser in den Massenbuchhaltungsbetrieben durch die Schließung einschlägiger Läden zumindest mal zeitweise unterbunden werden konnte - frei nach Tucholsky: "Entweder du liest ein Steak, oder du umarmst ein Buch. Beides zugleich geht nicht."

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