Stand: 14.05.2018 11:38 Uhr

Krieg auf dem Schachbrett

Die Schachspieler von Buenos Aires
von Ariel Magnus
Vorgestellt von Annkathrin Bornholdt

Der argentinische Schriftsteller Ariel Magnus ist für seinen unkonventionellen Erzählstil bekannt. In "Zwei lange Unterhosen der Marke Hering" verarbeitete Magnus die Geschichte seiner deutschen Großmutter - einer Jüdin, die den Holocaust überlebte. In seinem neuesten Buch "Die Schachspieler von Buenos Aires" spielt diesmal sein Großvater eine wichtige Rolle.

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"Die Schachspieler von Buenos Aires" ist eine Mischung aus Fiktion und Realität.

Mal grüblerisch, mal euphorisch und voller Fragen: Er muss ein sehr zwiespältiger Charakter gewesen sein, dieser Heinz Magnus, der 1937 auf einem Schiff von Hamburg nach Buenos Aires reiste. Als Jude war er auf der Flucht vor den Nazis, auf dem Weg in ein neues Leben. Er notierte in sein Tagebuch:

"Seltsam ist es: Obgleich ich, außer kleinem und unbedeutendem Zeug, nie etwas geschrieben habe, sehne ich mich nach dem Schreiben, sehne mich danach, meine Gedanken auszudrücken. Wie oft sinniere ich über alles nur Denkbare, und glaube doch auch häufig, etwas Wichtiges zu sagen zu haben!" Leseprobe

Fließende Übergänge zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Das Spannende ist: Diese Tagebucheinträge gibt es wirklich. Sie bilden das Gerüst des Romans. Drumherum spinnt Ariel Magnus, der Enkel des Protagonisten, Ich-Erzähler und Autor eine Geschichte aus historischen und fiktiven Elementen.

Zentrum des Geschehens ist die reale Schach-WM 1939 in Buenos Aires, bei der Polen und Deutschland im Finale stehen, während in Europa mit Hitlers Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg beginnt.

Heinz Magnus ist schachinteressiert. Ihn zieht es immer wieder ins Teatro Politeama - den Austragungsort der WM - um die Partien zu beobachten. Dort trifft er auf Schachlegenden wie José Capablanca, Alexander Aljechin und Sonja Graf.

Vermischung mit anderen Romanen

Als Autor tritt Ariel Magnus immer wieder einen Schritt zurück und kommentiert die von ihm erfundenen Geschehnisse und Figuren. Das ist oft witzig und unterhaltsam. Er führt fiktive Dialoge mit seinem Großvater, den er übrigens nie kennengelernt hat, und er lässt ihn auf andere Romanfiguren treffen, wie etwa den berühmten Mirko Czentovic aus Stefan Zweigs "Schachnovelle", die damals jedoch noch gar nicht geschrieben war.

"'Woher kommen Sie, wenn ich fragen darf?', formulierte mein Großvater in seinem besten Oxford-English. 'Ich komme aus den USA, bin aber an der Donau zur Welt gekommen', radebrechte der andere in einem Englisch, das diese Übersetzung verbessert, ja stilisiert. 'Ich bin ein Schachmeister, aber fiktiv. Aus einem Roman von Stefan Zweig, falls Sie den kennen.' 'Stefan Zweig? Aber natürlich kenne ich den, das ist mein Lieblingsschriftsteller!', räumte Magnus diesen fast beleidigenden Zweifel schnell aus der Welt, um dann sofort und schon ruhiger zu rekapitulieren, was er gerade gehört hatte. 'Ein fiktiver Meister, sagten Sie?'" Leseprobe

Der fiktive Heinz Magnus verliebt sich in die Schachspielerin Sonja Graf und schließt sich einer Verschwörung gegen das deutsche WM-Team an. Der Wettkampf entwickelt sich immer mehr zu einem Spiegel der Ereignisse in Europa.

Geistreiches Essay für Insider

Ariel Magnus offenbart in seinem Roman seine umfangreichen literarischen und historischen Kenntnisse und zitiert neben dem Großvater-Tagebuch Anekdoten und Zeitungsartikel. Er muss intensiv für dieses Buch recherchiert haben.

Leider fühlt man sich als Nicht-Schachexperte beim Lesen immer wieder abgehängt. Das liegt auch an den unfassbar langen Schachtelsätzen mit ihren vielfachen Einschüben, Kommentaren und Fußnoten. Aber auch am Fachjargon und dem Hintergrundwissen, das für das Verständnis des Textes und des ganz speziellen Humors unerlässlich ist. So zitiert der Ich-Erzähler-Enkel-Autor etwa einen anonymen Brief, in dem genau diese Art des Schreibens kritisiert wird:

"Früher einmal stopfte man Bücher mit Worten voll, heutzutage mit sogenannten dokumentarischen Tatsachen - was ich nirgends sehe, das sind Gedanken." Leseprobe

Trotz aller charmanten Szenen und Einfälle bleiben die vielen Charaktere überwiegend blass, und ein Spannungsbogen will sich auch nicht so richtig entwickeln. Die Geschichte wirkt überfrachtet, und das ständige Name-Dropping ist ermüdend. Was der Verlag als "grandioses Spiel mit historischen und fiktiven Ereignissen" anpreist, erweist sich am Ende eher als geistreicher Essay für Insider.

Die Schachspieler von Buenos Aires

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05005-9
Preis:
22,00 €

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