Buchcover - Mary Miller: "Always Happy Hour" © Hanser Verlag

"Always Happy Hour": Gutgelaunter Fatalismus von Mary Miller

Stand: 06.06.2021 08:50 Uhr

"Und natürlich danke ich meinen Ex-Freunden: Ihr habt mir Stoff für Jahre im Voraus geliefert." So lautet Mary Millers Danksagung auf der letzten Seite ihres Kurzgeschichtenbandes "Always Happy Hour". Damit schlägt sie schon außerhalb der Geschichten den Ton an, der ihre Literatur ausmacht: gutgelaunter Fatalismus.

Buchcover - Mary Miller: "Always Happy Hour" © Hanser Verlag
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von Marie Schoeß

Mary Miller teilt uns nicht mit, wer genau das Paar ist, in dessen Leben wir in der ersten Geschichte springen. Wie die beiden heißen, wie alt sie sind, womit genau sie ihre Zeit verbringen: All das bleibt unausgesprochen. Aber warum sollte sich Miller auch mit solchen Formalien aufhalten, wenn sie den Leser an der Seite der Frau durch die Wohnung des Freundes streifen lassen kann? Katze und Kater im Schlepptau schauen wir in dessen Kühl- und Kleiderschrank, linsen ins Badezimmer, entdecken den für sie hinterlassenen Notizzettel und kommen mit ihr ins Grübeln:

Sie denkt über den Unterschied zwischen "Hab dich lieb" und "Ich liebe dich" nach. "Hab dich lieb", das sagt sie zu ihrer Freundin, wenn sie am Telefon abrupt auflegen oder eine Verabredung absagen muss. Sie vermutet, dass er in diesem Fall "Hab dich lieb" geschrieben hat, weil es besser aussah, denn so etwas hat ihr Freund immer im Blick - alles ist wohl erwogen und sorgsam durchdacht. Sie hat vor langer Zeit beschlossen, dass sie kein umsichtiger Mensch sein will (…). Leseprobe

Mary Miller erzählt von verlorenen Figuren

Es braucht nicht mehr als diesen Zettel und die von ihm ausgelösten Gedanken, um zu ahnen, dass diese Frau immer wieder falsche Entscheidungen trifft oder solche, die sich in der Theorie noch gut anhören, in der Praxis aber nur scheitern können. Die Entscheidung, nicht mehr umsichtig zu sein, sich nicht dauernd Gedanken zu machen, ist ein Beispiel dafür. Ein weiteres ist das Leben mit einem Freund, der sich aus ästhetischen Gründen für "Hab dich lieb" entscheidet und sie nicht nur deshalb mit einem unwohlen Gefühl zurücklässt. Was diese kurze Szene aber auch verrät: Mary Miller ist ziemlich gut darin, auf humorvolle Art von verlorenen Figuren zu erzählen, von Figuren, die ganz genau wissen, dass sie schon viel zu lang in einem Leben stecken, das keine Erfüllung mit sich bringt.

Im falschen Leben gefangen?

In Filmen warfen die Leute ihre Eheringe ins Meer und ihre Handys aus dem Autofenster, aber ich hatte noch nie von jemandem gehört, der das im echten Leben getan hätte; im echten Leben hielt man alles fest, so gut man konnte, weil man wusste, wie schwer es zu ersetzen war. Leseprobe

Das gesteht sich die Frau in der letzten Geschichte ein. "Erste Klasse" heißt sie und erzählt von zwei Freundinnen, die - wie eigentlich alle Figuren dieses Bandes - spüren, dass sie an den falschen Dingen, Menschen, Routinen festhalten. Miller schreibt von dieser Einsicht und lässt uns gleichzeitig an den Momenten teilhaben, die ein Festhalten verständlich machen: Denn natürlich ist im falschen Leben nicht alles falsch. Auch in verkorksten Konstellationen stellen sich Momente der Schönheit, Sinnlichkeit und Fröhlichkeit ein. Nur können solche Momente Millers vielleicht allzu gern lamentierende, aber doch kluge Figuren nicht täuschen:

Das hier ist nicht mein Leben oder zumindest nicht das Leben, das ich führen sollte, deshalb kann ich so tun, als wäre es meins. Was ich dabei ignoriere, ist die Tatsache, dass dieses Leben mit jedem Tag mehr und mehr zu meinem wird, zu meinem echten Leben, während das, das ich eigentlich führen sollte, in immer weitere Ferne rückt und eines Tages unerreichbar sein wird. Leseprobe

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Es sind kurze Geschichten, die Mary Miller in diesem Band versammelt, eher Skizzen eines Lebens, Ausschnitte von Beziehungen. Und doch bringt uns jede dieser Skizzen einer Frage immer näher: Könnte vielleicht genau das in unserer Zeit "Leben" bedeuten? Das nagende Gefühl, es könnte ja auch ganz anders sein? Das nagende Gefühl, man müsste, was man gerade tut, durch etwas ersetzen, das sich nur im Konjunktiv oder Futur benennen lässt?

In diesem Clash zwischen Wunsch und Wirklichkeit findet Mary Miller jedenfalls ihren Ausgangspunkt, um so vieles zu erkunden, was das Leben ausmacht: Selbsterkenntnis und Selbstironie, die faule Hoffnung, irgendwann werde sich schon von allein alles ändern, aber eben auch die Nähe, die sich - ganz plötzlich und ohne guten Grund - zwischen zwei Menschen einstellen und sich ziemlich famos anfühlen kann.

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Ein Bücherstapel vor einem gefüllten Bücherregal © picture alliance/dpa / Frank Rumpenhorst Foto: Frank Rumpenhorst

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Always Happy Hour

von Mary Miller
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3518429907
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.06.2021 | 12:40 Uhr

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