Die Schriftstellerin Jasmin Schreiber vor einer Zimmerpflanze. © Jasmin Schreiber

Jasmin Schreiber über ihr neues Buch "Abschied von Hermine"

Stand: 01.04.2021 12:09 Uhr

Die Schriftstellerin und Biologin Jasmin Schreiber hat ein neues Sachbuch geschrieben. Es zeigt, wieso der Tod unschön ist, wir ihn aber trotz allem brauchen. Der Titel: "Abschied von Hermine".

Die Schriftstellerin Jasmin Schreiber vor einer Zimmerpflanze. © Jasmin Schreiber
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Lauthals über den Tod zu lachen, deutet entweder auf einen ziemlich miesen Charakter hin - oder auf ein ziemlich gutes Buch. Zum Beispiel auf "Abschied von Hermine" von Jasmin Schreiber. Mit ihrem Debütroman "Marianengraben" war ihr im vergangenen Frühjahr eher ungewollt ein Überraschungsbestseller gelungen, obwohl es darin um so düstere Themen wie Sterben und Tod geht. Jetzt hat die studierte Biologin ein Sachbuch vorgelegt: In "Abschied von Hermine" geht es um einen Hamster.

Frau Schreiber, lassen Sie uns ein bisschen spoilern: Was hat denn ein Hamster damit zu tun?

Jasmin Schreiber: Es geht um meinen Hamster Hermine. Die ist vor zwei Jahren gestorben. Ich dachte mir, wenn ich über Themen wie Sterben und Tod - und im Buch geht es ja auch um Verwesung - rede, dann wäre es komisch, wenn ich sage: "Hier ist meine Oma, die ist gestorben und so verwest sie." Deswegen dachte ich, ich nehme das Beispiel dieses Hamsters, weil das, glaube ich, leichter verdaulich ist.

Im Laufe der Lektüre gewinnt man Zwerghamster "Hermine", die "2,5 aufregende Hamsterjahre" bei Ihnen lebte, richtig lieb. Sie war - so schreiben Sie - "Ausbrecherkönigin und Wuthamster, klug, niedlich und verdammt gerissen." Das ist alles sehr putzig. Aber verniedlicht es nicht auch ein so schweres Thema wie Sterben und Tod?

Schreiber: Es gibt ja verschiedene Ansätze, damit umzugehen. Nicht für jeden ist dieses Thema etwas, wenn es so an die "hard facts" geht. Und da gibt es ja auch schon viele Bücher. Ich wollte mal einen anderen Ansatz versuchen - einen biologischen. Manchmal ist es lustig, manchmal ist es ernst, zum Beispiel wo es um den Sterbefall einer krebskranken Frau geht. Und ich glaube, das ist gut, um die Leser bei der Stange zu halten. Dass es nicht nur schrecklich ist, sondern auch mal lustig.

Sie wollen mit ihrem Buch zeigen, "wieso der Tod unschön ist, wir ihn aber trotz allem brauchen." Ich glaube, wenn Sie eine Umfrage starten würden, fänden sie sehr viele, die gerne auf ihn verzichten würden. Wozu brauchen wir ihn?

Cover des Buchs "Abschied von Hermine" von Jasmin Schreiber © Goldmann/ Penguin Randomhouse
Das Sachbuch "Abschied von Hermine" handelt vom Tod aus biologischer Sicht.

Schreiber: Am Anfang erkläre ich das Prinzip des Lebens an sich, auf biologische Art und Weise. In unserem Körper findet ja schon Leben und Tod statt, zum Beispiel dadurch, dass Zellen immer wieder absterben. Würden die das nicht machen, dann würden wir irgendwann wie ein übergroßer, überwucherter Zellhaufen durch die Gegend wanken - und das will man ja auch nicht. So gesehen, brauchen wir den Tod. Allein schon, weil wir Sachen essen. Manche essen Tiere, ich esse nur Pflanzen. Es stirbt ein anderes Lebewesen, dafür kann ich leben. Wenn wir sterben, kann wieder ein anderes Lebewesen von uns leben. Es ist ein System, dass sich braucht - Leben und Tod. Ich bin auch kein Fan davon, ich würde auch lieber nicht sterben müssen, aber es geht halt nicht anders.

So unterhaltsam der Duktus ist, so naturwissenschaftlich ist es in der Herangehensweise. Ist das der Versuch einer Rationalisierung des Lebens? Eine Art Flucht ins Faktische, um das Schreckliche, das mit dem Tod verbunden ist, nicht so an sich herankommen zu lassen?

Schreiber: Es gibt ja sehr viel Literatur zum Tod. Und die ist oft sehr verklärend und romantisierend. Das hat mich schon immer gestört. Zum Beispiel die Bücher von (Elisabeth) Kübler-Ross. Ich weiß nicht, was romantisch daran ist oder schön, dass ein Kind stirbt. Ich wollte einfach ein Buch schaffen, dass bei den Fakten bleibt, dass das ganze Romantisierende mal wegwischt und auch keinen religiösen Ansatz hat, sondern wirklich biologisch zeigt, dass Leben und Tod zusammengehören. Dass Tod auch nichts ist, was einem aus Schlechtigkeit passiert, sondern dass es allen passiert - sowohl Ameise als auch Mensch. Und dass alles zusammenhängt. Ich wollte diese ganze, manchmal sehr pathetische Literatur über den Tod vom Tisch wischen.

Auch schon in "Marianengraben" ging es um Sterben und Tod. Jetzt also in dieser Sachbuchform. Was fasziniert Sie daran so?

Schreiber: Das sagen Sie jetzt. Für mich ging es in "Marianengraben" um Geschwisterliebe. Viele Menschen sehen da eher das Thema Tod drin, aber sehr viele Menschen sagen auch, das ist ein Buch über Depressionen. Wie Leute das auffassen, kann ich nicht so richtig beeinflussen. Aber bei "Abschied von Hermine" geht uns ja auch nur im letzten Drittel um den Tod, und in Zweidritteln geht es ums Leben. Eigentlich ist es ein Buch für mich, das sehr vom Leben handelt. Da gehört aber der Tod dazu. Das ist so ein Deal, den wir eingehen, ohne gefragt worden zu sein. Was ein bisschen fies ist und irgendwie auch ungeheuerlich.

Und ich wollte einmal so einen ganzen Bogen spannen. Der Tod ist nicht was richtig Tolles, Faszinierendes für mich, aber ich bin eben sterblich. Es ist etwas, das mir mal bevorsteht. Und als Wissenschaftlerin finde ich es gut, wenn ich weiß, wovon ich rede, was mir passieren wird. So ungefähr.

So unterhaltsam ihrem Buch ist, so wenig tröstlich ist es dann aber auch. Ich habe darüber nachgedacht, dass fast auf den Tag genau vor einem Jahr eine sehr gute Freundin von mir gestorben ist. Hätte ich das Buch zu dem Zeitpunkt in die Hand bekommen, hätte es mich wahrscheinlich verletzt, womöglich sogar wütend gemacht. Tröstlich ist das Ganze dann nicht, oder?

Schreiber: Finden Sie? Bisher waren alle Rückmeldungen, die ich bekommen habe - auch von einer sterbenden Person -, dass es sehr tröstlich ist. Aber da ist, glaube ich, jeder wahrscheinlich anders gestrickt, oder?

Dann ist es das Naturwissenschaftliche wahrscheinlich, die Möglichkeit es zu rationalisieren?

Schreiber: Nein, es ist ja nur das erste Drittel naturwissenschaftlich. Gegen Ende geht es ja um die kulturellen Aspekte, um die psychologischen Aspekte. Zum Beispiel, wenn ich von Trauer rede oder wie man trauernden Menschen helfen kann. Das ist ja alles nicht Daten und Messen, sondern empathisch und menschlich.

Das Buch ist gerade erschienen, haben Sie denn schon erste Echos? Denn im Moment haben wir es natürlich Corona-bedingt mit einer Sterblichkeit zu tun, die ganz enorm ist und das Thema Sterben und Tod spielt eine ganz ganz große Rolle. Welche Rolle wird da ihr Buch spielen? Was vermuten Sie?

Infos zum Buch

"Abschied von Hermine"
von Jasmin Schreiber

Paperback, 288 Seiten
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-31581-9
erschienen am 29. März 2021

Schreiber: Das ist für mich ganz schwer abzuschätzen. Ich habe sowieso das Pech, meine Bücher in die Pandemie zu entlassen. Ich kenne das nicht anders. Ich hatte bei "Marianengraben" zum Beispiel schon Sorgen, dass ich mit einem Buch um die Ecke komme, in dem es auch ums Sterben geht, als es da gerade ganz viele Todesfälle in Italien gab.

Aber ich habe die Erfahrung gemacht - auch jetzt schon bei Rückmeldungen zu Hermine -, dass die Leute gerade jetzt damit einen Umgang suchen, der vielleicht ein bisschen unverkrampfter ist, als dauernd irgendwelche Zahlen, Statistiken und Daten, die man im Radio hört. Plötzlich sind wir alle Experte für Sterbestatistiken. Es ist echt eine sehr seltsame Zeit. Selber kann ich gerade gar nicht abschätzen, wie das Buch sich da einordnet. Das müssen die Leserinnen entscheiden.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 31.03.2021 | 18:00 Uhr

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