Buchcover: Pilar Quintana - Abgrund © Aufbau Verlag

"Abgrund": Pilar Quintanas kluger Roman über Verlustängste

Stand: 01.09.2022 06:00 Uhr

Die Kolumbianerin Pilar Quintana hat einen einfühlsamen und klugen Roman über das Ende einer unbeschwerten Kindheit geschrieben, über Verlustängste und sich auftuende Abgründe.

von Tobias Wenzel

Für etliche Schriftsteller hat der Alfaguara-Preis dazu geführt, dass sie, wenigstens eine Zeitlang, ausschließlich vom Schreiben leben konnten. Denn dieser spanische Literaturpreis ist mit 175.000 US-Dollar dotiert. Im letzten Jahr hat die Kolumbianerin Pilar Quintana den Preis für ihren Roman "Los abismos" erhalten. Es ist die Geschichte über eine getrübte Kindheit, gesellschaftliche Zwänge und die Angst vor dem großen Verlust. Nun ist der Roman in deutscher Übersetzung erschienen.

Eintritt in die ernüchternde Welt der Erwachsenen

Claudia, die Ich-Erzählerin in Pilar Quintanas sprachlich fein ausgearbeitetem Roman "Abgrund", erinnert sich an ihre Kindheit Anfang der 80er-Jahre im kolumbianischen Cali. Damals lebte die Achtjährige mit ihren Eltern in einer Wohnung voller Pflanzen und empfand sie als märchenhaften Urwald.

Wenn ich durch die Wohnung lief, kam es mir manchmal so vor, als reckten sich die Pflanzen, um mich mit ihren Blättern zu berühren, als wären es Finger, und als machten sich die größten, in einem Wald hinter dem Dreiersofa, einen Spaß daraus, die Menschen, die dort saßen, zu umschlingen oder mit einer leichten Berührung zu erschrecken. Leseprobe

Die magische Kindheit endet für Claudia, als ihre Mutter einen Liebhaber hat und der Vater dahinterkommt. Die Stimmung in der Familie kippt. Die Mutter wird depressiv, trinkt zu viel und vernachlässigt ihre Tochter. Eine Tochter, für die sie sich nicht wirklich frei entschieden hat in einer Zeit in Cali, in der die konservative Gesellschaft sie dazu nötigt, Mutter zu werden und allein in dieser Rolle aufzugehen. Die Leittragende ist vor allem Tochter Claudia.

"Mein ganzes Leben lang habe ich Leute immer wieder sagen hören, die Kindheit sei die glücklichste Zeit des Lebens", sagt Pilar Quintana. "Ich glaube, da trügt die Erinnerung. Rückblickend verschleiern wir oft die traurigen, düsteren, brisanten Aspekte der Kindheit. Davon wollte ich erzählen: Als Kinder sind wir neugierige Entdecker und beobachten etwa Ameisen, aber wir wachen auch in der schrecklichen Welt der Erwachsenen auf."

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Pilar Quintana beschreibt das Animalische im Menschen

Claudia widerfährt in diesem autobiografisch grundierten Roman diese schmerzliche Erfahrung beim gemeinsamen Zoobesuch mit ihrem Vater. Er schweigt, weil er nur an die Affäre seiner Frau denkt. Seine Tochter unterdrückt deshalb ihr Bedürfnis, über die exotischen Tieren zu sprechen. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie sich allein. Die Szene im Zoo kommt nicht von ungefähr. Denn Quintana hat sich in ihrem Schreiben immer mit dem Animalischen im Menschen befasst, etwa mit seinem instinktiven Verhalten beim Sex oder - wie im Roman "Hündin" - beim Anwenden von Gewalt.

"Gerade in Kolumbien, wo wir Zeuge des bewaffneten Konflikts und eines noch jungen Friedensprozesses gewesen sind, neigen wir dazu zu glauben: Gewalttätige Menschen sind weit weg, in den Bergen - Soldaten, Guerilla-Kämpfer, Paramilitärs. Aber wir sind gute Menschen und nicht gewalttätig. Da widerspreche ich: Gewalt steckt vielmehr in uns allen und bricht unter gewissen Umständen hervor. Im Roman 'Abgrund' findet das Mädchen heraus, dass in ihrem eigentlich friedfertigen Vater eine Bestie haust", erzählt Pilar Quintana.

"Abgrund": Kluger Roman über das Ende einer unbeschwerten Kindheit

In "Abgrund" ertappt Claudia ihre Mutter in einer lebensmüden Verfassung, am Rand eines steilen Abhangs stehend, und fühlt sich bald selbst wie von einer unsichtbaren Hand zur Schlucht hingezogen. Mayela Gerhardt findet immer den richtigen Ton in ihrer Übersetzung:

Die Leere, nur zwei Schritte entfernt, wurde nicht von Bäumen verdeckt. Ich ging darauf zu, zunächst zögernd, dann entschlossen. Ich wollte es noch einmal mit dem Abgrund aufnehmen, das köstliche Kribbeln im Bauch spüren und die Angst, den Drang zu springen und alles hinter mir zu lassen. Leseprobe

Pilar Quintana hat einen einfühlsamen und klugen Roman über das Ende einer unbeschwerten Kindheit geschrieben, über Verlustängste und sich auftuende Abgründe.

Abgrund

von Pilar Quintana
Seitenzahl:
245 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Spanischen von Mayela Gerhardt
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-351-03968-4
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 01.09.2022 | 12:40 Uhr

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