Buchcover: Helen Macdonald: "Abendflüge" © Hanser Verlag

"Abendflüge": Helen Macdonalds Essays über Mensch und Natur

Stand: 01.07.2021 08:00 Uhr

Die Engländerin Helen Macdonald ist eine Meisterin der "Naturliteratur". In ihrem neuen Buch "Abendflüge" macht sie sich in 41 Essays Gedanken über den Menschen und die Natur.

Buchcover: Helen Macdonald: "Abendflüge" © Hanser Verlag
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von Guido Pauling

Der Mauersegler auf dem Titelbild ist für Helen Macdonald ein magisches Wesen. Diese Vögel, so lernt man in "Abendflüge", jagen im Flug, sie paaren sich im Flug, schlafen im Flug und verlassen lediglich zum Nisten ihren Lebensraum Luft.

"An warmen Sommerabenden fliegen Mauersegler, die gerade nicht brüten oder sich um ihre Jungen kümmern, tief und schnell und schrill rufend in rasanten Scharen um Häuserdächer und Kirchtürme. Später versammeln sie sich höher oben am Himmel. Und dann auf einmal steigen sie höher und höher, bis sie aus dem Sichtfeld verschwinden. Dieses Verhalten wird abendlicher Steigflug genannt oder im Englischen - poetischer - vesper flights, Abendflüge, nach vesper, dem lateinischen Wort für Abend." Leseprobe

Typisch für die Form des Essays, schweift Helen Macdonald im Folgenden ab, erzählt von ihren Einschlafritualen als kleines Mädchen, vom Mauersegler-gleichen Aufsteigen und Fallen in ihrem Alltagsleben.

Macdonald: "Wir sind nur Nebendarsteller"

In einem anderen Text erzählt sie von Insektenschwärmen hunderte Meter über uns im Himmel, unsichtbar fürs menschliche Auge. Eines Abends, auf dem Dach des Empire State Building, kann sie zumindest mit dem Fernglas kleine Singvögel erkennen, die auf ihrem Zug New York überfliegen und dabei ihr Futter vor dem Schnabel haben.

"Sie am Himmel ziehen zu sehen ist beinahe unerträglich berührend. Sie ähneln Sternen, Glutfunken, langsamen Leuchtspurfeuern. Selbst durch das Fernglas sind die, die höher fliegen, winzig, geisterhafte Lichtpunkte. Ich weiß, dass sie die locker gekrümmten Zehen an die Brust gezogen haben, dass ihre Augen leuchten und ihre Knochen zart sind und dass sie von dem Willen, nach Norden zu fliegen, angetrieben werden, Nacht für Nacht." Leseprobe

Schon bald wird hier, wie in den anderen mal drei, mal 24 Seiten langen Essays klar, worum es der Autorin in ihrer literarischen Arbeit geht: "Mir ist es ein Herzensanliegen, mit der Vorstellung aufzuräumen, dass wir die Helden der Geschichten sind, die da erzählt werden", so Macdonald. "Ziemlich häufig sind wir nur Nebendarsteller, und ich denke, diese Bescheidenheit ist unabdingbar!"

Helen Macdonald sucht Abstand zu den menschlichen Dingen

Natur ist für Helen Macdonald nicht etwas, das für den Menschen da ist, zu seiner Erholung oder Erbauung. Natur ist schlicht da. Doch jeder Mensch, der die Natur genau beobachtet, lernt, von sich selbst Abstand zu nehmen, menschliche Dinge als das zu sehen, was sie sind: kleine, im Maßstab allen Erdenlebens nicht sonderlich bedeutungsvolle Dinge.

Und so wandern Helen Macdonalds Gedanken in ihren Essays stets vom Kleinen ins Große. Ihre regelmäßigen Migräneanfälle, die sie schmerzüberflutet wehrlos machen, und gegen die sie doch ein Medikament gefunden hat, lehren sie, dass man nicht verzweifeln darf, auch wenn es noch so schlimm steht. Bei Migräne nicht - wie auch beim Klimanotstand nicht.

"Wir befinden uns bereits in den frühen Stadien des ökologischen Zusammenbruchs unseres Planeten, wofür Waldbrände und Hurrikans der Kategorie 5 sichere Anzeichen sind. Apokalyptisches Denken ist ein ausgesprochen mächtiger Gegner des Handelns. Es vermittelt uns das Gefühl, alles, was wir nun noch tun könnten, sei zu leiden und auf das Ende zu warten. Doch so dürfen wir jetzt nicht denken. Denn eine Apokalypse ist nicht immer eine Katastrophe. In seinem früheren Sinn bedeutete das Wort eine Offenbarung, eine Erkenntnis, und ich hoffe inständig, dass die Offenbarung, die uns die derzeitige Apokalypse bringt, das Wissen ist, dass es in unserer Macht liegt einzugreifen."

 

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Abendflüge

von Helen Macdonald
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26930-9
Preis:
24,00 €

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