Am 6. Januar halten Unterstützer von Präsident Donald Trump Fahnen auf der Straße, in der Hintergrund ist das Kapitol zu erkennen © Jacquelyn Martin/AP/dpa Bildfunk

Ernüchterndes Sachbuch über Trumps Chaos-Tage im Weißen Haus

Stand: 29.07.2021 06:00 Uhr

Was passierte in den letzten Tagen der Präsidentschaft Donald Trumps? Für sein Sachbuch "77 Tage - Amerika am Abrund. Das Ende von Trumps Amtszeit" hat Michael Wolff mit Mitarbeitern des Weißen Hauses und mit Trump gesprochen.

Am 6. Januar halten Unterstützer von Präsident Donald Trump Fahnen auf der Straße, in der Hintergrund ist das Kapitol zu erkennen © Jacquelyn Martin/AP/dpa Bildfunk
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von ARD-Korrespondentin Katrin Brant, Washington

Am 27. Juli ist Wolffs Buch "77 Tage - Amerika am Abgrund. Das Ende von Trumps Amtszeit" über den früheren US-Präsidenten Donald Trump und die Erstürmung des Kapitols erschienen. Sieben Übersetzerinnen und Übersetzer haben an den 416 Seiten gearbeitet. ARD-Korrespondentin Katrin Brant, Leiterin des Hörfunkstudios in Washington, hat den Autor Michael Wolff getroffen und über sein drittes Buch über Trump gesprochen.

Michael Wolffs ernüchterndes drittes Buch über Donald Trump

Der 45. Präsident konnte sich nur schlecht mit dem Gedanken einer Wahlniederlage abfinden, das Kapitol in Washington wurde gestürmt. Die US-amerikanische Demokratie hat empfindliche Blessuren erlitten.

In Washington hat soeben der neue Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses zur Aufarbeitung der Erstürmung des US-Kapitols am 6. Januar seine Arbeit aufgenommen. Zufall oder Kalkül: Fast zeitgleich erscheint "77 Tage - Amerika am Abgrund" des Enthüllungsautors Michael Wolff über Donald Trump.

Michael Wolff: Donald Trump hat etwas Wahnsinniges an sich

Donald Trump, ehemaliger Präsident der USA, hebt seine Faust bei einer Turning Point Action-Veranstaltung. © Foto: Ross D. Franklin/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Was Trump über die Präsidentschaftswahl 2020 erzählt, hat er schlicht erfunden, aber er glaubt wirklich, was er sagt, so Buchautor Michael Wolff.

Donald Trump lässt nicht nach. Diese Präsidentschaftswahl 2020 sei die bei weitem korrupteste Wahl in der Geschichte des Landes gewesen, sagt der frühere Präsident wieder und wieder. Beweise dafür gibt es nicht, im Gegenteil: 50 Staaten haben die Wahlergebnisse bestätigt. Was Trump da erzählt, ist schlicht erfunden. Aber er - glaubt es wirklich, sagt Michael Wolff. Wie auch immer man es nenne, Donald Trump habe etwas Wahnsinniges an sich, sagte Wolff neulich im Fernsehsender C-Span.

 "77 Tage - Amerika am Abgrund": saftige Lektüre über Trumps Abgang

Das Sachbuch ist eine saftige und zugleich ernüchternde Lektüre aus den letzten Tagen der Präsidentschaft. Wer immer noch glaubte, Donald Trump habe auch seine vernünftigen, logischen Momente, er sei Argumenten zugänglich oder habe einen Plan, falsch, meint zumindest der Autor. Bei Trump geht es immer nur um - Trump. "Er hatte wirklich keine politischen Ziele oder klaren Absichten", sagt Wolff - abgesehen davon, soviel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen.

Für Recherche tief eingetaucht in die Trump-Welt

Michael Wolff behauptet von sich, so tief in die Trump-Welt eingedrungen zu sein, wie kaum jemand anders. Seine Recherchetechnik ist simpel: sich irgendwo hinzusetzen und zuzuhören, wie die Fliege an der Wand. Weil er so viele Leute kennt und weil es offenbar all die Trump-Jahre über sehr viele Leute gab, die ihm etwas zuraunten, steckt "77 Tage" voller Namen und Details.

Nach der Wahl im November, so schreibt Wolff, stürzte das ohnehin führungslose Weiße Haus völlig ins Chaos. Trump erklärte sich irgendwann in der Wahlnacht zum Sieger. Alle Stimmen, die danach an Joe Biden gingen, stammten aus einer großen Verschwörung der Medien und der Demokraten.

An seiner Seite: Rudy Giuliani, der frühere Bürgermeister von New York. "Wir lassen sie nicht damit davonkommen, sie werden die Wahl nicht stehlen", erklärte Giuliani noch in der Wahlnacht. Niemand von Trumps Mitarbeitern oder Familie folgte dieser Linie, doch niemand konnte Trump davon abbringen. Klar, sagt Wolff, man könne Trump nur bei Dingen beeinflussen, die ihn nicht kümmern, an die er sich nicht erinnert oder die er nicht ganz verstehen kann. Der vermeintliche Wahldiebstahl aber sei ihm wichtig.

Trump zieht Millionen mit in sein Paralleluniversum 

Unterstützerinnen und Unterstützer des ehemaligen US-Präsidenten Trump warten bei einer Turning Point Action-Veranstaltung auf seine Ankunft. © Ross D. Franklin/AP/dpa-Bildfunk
Unterstützerinnen und Unterstützer des ehemaligen US-Präsidenten Trump warten im Juli 2021 auf seine Ankunft.

Und was das Beunruhigende ist: Trump schaffte es, Millionen seiner Wähler mit in sein Paralleluniversum zu ziehen, und am Ende sogar die Republikanische Partei. Nicht mal der Überfall aufs Kapitol konnte daran etwas ändern. Trump wird mit seiner Lüge die Glaubwürdigkeit der Zwischenwahlen im nächsten Herbst gefährden, glaubt Wolff. Und die Präsidentschaftswahl 2024? Die beschäftige Trump gerade sehr.

Trumps in Mar-Al-Lago: wie in König im Exil

Wolff lässt sein Buch in Mar-Al-Lago enden. Trump hat den Autor in den privaten Club in Florida eingeladen, in dem er nun residiert, wie ein König im Exil. Und da, erzählt Wolff, habe er Trump gefragt, wer denn nun wirklich hinter dieser gigantischen Verschwörung der gestohlenen Wahl stecke. Trump habe gesagt, er wisse es, aber er werde es ihm nicht jetzt, sondern später einmal sagen. Könnte also sein, dass Wolff noch ein viertes Buch über Trump schreiben muss.

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Amerika am Abgrund. Das Ende von Trumps Amtszeit

von Michael Wolff
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Sachbuch
Zusatzinfo:
Übersetzt von Karsten Singelmann, Henriette Zeltner-Shane, Christiane Bernhardt, Astrid Becker, Stefanie Römer, Gisela Fichtl, Eva Schestag
Verlag:
Rowohlt
Veröffentlichungsdatum:
27.07.2021
Bestellnummer:
978-3-498-00282-4
Preis:
24 €

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