Şeyda Kurt © picture alliance/dpa Foto: Jens Kalaene

"Radikale Zärtlichkeit": Über alternative Liebeskonzepte

Stand: 18.04.2021 11:50 Uhr

Die Liebe ist eines der am meisten beackerten Themenfelder der Literatur, ein Acker, den die Journalistin Şeyda Kurt in ihrem ersten Sachbuch "Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist" radikal umgräbt.

Şeyda Kurt © picture alliance/dpa Foto: Jens Kalaene
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von Alexandra Friedrich

Für gewöhnlich wird im Namen der Liebe ja viel geschwelgt. Es wird darum gekämpft oder wenn sie scheitert, gehörig gelitten. Şeyda Kurt aber treibt etwas ganz anderes an, und zwar ein tiefgehendes und grundsätzliches Unbehagen angesichts der Liebe.

Frau Kurt, was behagt Ihnen nicht an der Liebe?

Şeyda Kurt: Mein Unbehagen betrifft vor allem unser Konzept der romantischen Liebe, wie die romantische Liebe in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten auch durch mediale Repräsentation in der Literatur und im Film beackert wurde. Das ist ein Unbehagen, das auch im Zuge feministischer Bewegungen seit den 1970er-Jahren zum Beispiel immer wieder formuliert wurde. Es ist der Gedanke, dass die bürgerliche, romantische Beziehung mitunter dazu dient, zum Beispiel Geschlechterungleichheiten zu rechtfertigen und zu stabilisieren. Damit ist zum Beispiel die ungleiche Verteilung von Hausarbeit, emotionale Arbeit oder Fürsorgearbeit gemeint - vor allem in Hetero-Beziehungen. Das ist ja auch jetzt gerade im Zuge der Corona-Krise immer wieder Thema.

Es gibt sehr viele Statistiken und Erhebungen dazu, wie die Krise dazu geführt hat, dass es einen antifeministischen Backlash gab. Dass Frauen zu Hause auf die Kinder aufpassen, die nicht in die Schule gehen können. Und vor allem sind es Männer, die in der Öffentlichkeit als Experten zu Wort kommen, sodass diese geschlechtliche Arbeitsteilung zwischen Zuhause und Öffentlichkeit wieder weiter verstärkt wird. Die Kritik ist, dass diese vergeschlechtlichte Arbeitsteilung und auch die damit einhergehende Unsichtbarmachung vor allem von verweiblichter Arbeit zum Beispiel zu Hause seit jeher damit gerechtfertigt wird, dass es vermeintlich zu einer weiblichen Natur gehöre, für diese Dinge verantwortlich zu sein. Oder dass es ein Akt der Liebe, der Mutterliebe sei, sich für Kinder und die Familie aufzuopfern.

Es sind noch viele andere Punkte, die da bei mir das Unbehagen auslösen. Aber grundsätzlich geht es mir darum, dass die romantische Liebe zu einem großen Mythos auferzählt wurde. Ein Mythos der romantischen Liebe, die sich über alle Ismen in unserer Gesellschaft hinwegsetzt, seien es Rassismen, Sexismen, als würde sie diese ökonomischen Abhängigkeiten aufheben, obwohl romantische Beziehungen oder Beziehungen generell natürlich nicht befreit sind von den politischen Machtverhältnissen, die in unserer Gesellschaft herrschen. Ich verspüre ein grundsätzliches Unbehagen angesichts der Art und Weise, wie unsere Gesellschaft strukturiert ist, aufgrund gewisser Unterdrückungsverhältnisse.

Sie beginnen das Buch sehr nah an ihrer eigenen Biografie, berichten auch von eigenen Konflikten, etwa in ihrer Familie oder mit ihrem Partner. Sie beklagen aber gleichzeitig ein Unwohlsein darüber, dass Autorinnen wie sie, die "nicht einer dominanzgesellschaftlichen Norm entsprechen, oft aus einer Betroffenheitsperspektive erzählen oder gar erzählen müssen". Warum haben Sie diese persönliche Positionierung trotzdem gewählt?

Kurt: Ich bin ja in einer gewissen Generation von Journalist*innen sozialisiert, in der das Ich oder diese Subjektivität extrem in den Vordergrund gerückt ist. Und das hat unterschiedliche Gründe. Ich finde, einerseits ist das sehr wichtig, weil es auch Journalist*innen wie mir darum geht, diese ominöse, vermeintlich objektive, neutrale Bezugsmitte oder Analyseinstanz infrage zu stellen und zu sagen: Nein, das, was in den letzten Jahrzehnten als die vermeintlich große Wahrheit dargestellt wurde, ist letztendlich auch nur ein Produkt von Autor*innen, die aus einer bestimmten Subjektivität erzählen. Und diesen Subjektivitäten werden in den letzten Jahren glücklicherweise immer mehr andere Subjektivitäten entgegengestellt, die genauso für sich beanspruchen und behaupten, dass sie legitim sind. Gleichzeitig habe ich ja auch in dem Buch den Anspruch, zu erzählen, dass das Private politisch ist. Und wie könnte ich das eigentlich besser darlegen, als bei meinem eigenen, vermeintlich Privaten, zu beginnen?

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Sie äußern ein Unbehagen angesichts des Konzepts der Monogamie. Sie selbst leben nicht monogam. Sollten aus Ihrer Sicht wir alle dieses Konzept aufgeben?

Kurt: Nein, das denke ich nicht. Mir geht es ja eher darum, diese politischen Strukturen anzugreifen und offenzulegen, die es den meisten Menschen erst gar nicht erlauben, sich selbst zu fragen, welche Konzepte von Verbundenheit, von Intimität, von Erotik, von Zärtlichkeit für sie wirklich infrage kommen. Und mir geht darum zu sagen: Warum ist diese monogame bürgerliche Zweierbeziehung das Konzept schlechthin? Es ist so normiert, dass es oftmals wie ein Naturgesetz behandelt wird und dass sich nicht-monogame Beziehungen in Abgrenzung dazu immer wieder rechtfertigen müssen. Das habe ich auch in meinem eigenen Leben erfahren, als ich mich sozusagen von der Monogamie verabschiedet habe. Und immer wieder diese Rechtfertigungsunterhaltungen: Was stimmt denn nicht mit Euch? Das zeigt doch eigentlich, dass Euch in Eurer Beziehung eigentlich irgendetwas fehlt! Also immer so ein gewisses "Erklär Dich".

Sie haben zu dem gängigen Konzept der romantischen Liebe einen Gegenentwurf, jenen der Zärtlichkeit, genauer gesagt der radikalen Zärtlichkeit. Welche Vorzüge hat denn der Begriff der Zärtlichkeit gegenüber der Liebe? Was ist hier der zentrale Unterschied?

Kurt: Es sind beides Substantive - also die Liebe und die Zärtlichkeit. Und es gab ja in der Vergangenheit auch immer wieder von großartigen Autor*innen wie Bell Hooks in Anlehnung zum Beispiel auch an Erich Fromm diesen Begriff der Liebe, dieses Substantiv neu zu besetzen und zum Beispiel darauf hinzuweisen, dass es vor allem um ein Verb geht, also des Liebens. Und das dem eine Entscheidung vorangeht, auf die ein Handeln folgen muss. Also ich entscheide mich dazu, einen Menschen zu lieben. Das fällt mir nicht einfach in den Schoß, wie das Erich Fromm geschrieben hat, sondern es ist eben ein Arbeiten, ein produktives miteinander Arbeiten, im besten Falle.

Eigentlich ist meine Definition oder meine Annährung an den Begriff eine ähnliche. Ich habe letztendlich einfach für mich gemerkt, dass der Begriff der Liebe, an dem ich mich ja in dem Buch ein bisschen abarbeite, für mich irgendwo vielleicht schon so vorgeprägt ist, dass ich mich vielleicht doch lieber einem anderen Begriff, dem der Zärtlichkeit, zuwende. Weil ich finde: Bei Liebe haben wir schon diese ganzen medialen Repräsentationsformen von der vermeintlich großen romantischen Liebe oder der großen Erzählung der Liebe. Da gehört es zum Beispiel auch immer noch dazu, die Liebe so zu erzählen, als wäre es ganz normal, dass sie auf eine gewisse Art und Weise auch Gewalt tolerieren muss - wenn die Liebe erzählt wird als eine große Naturgewalt. Oder es wird selbst dann von Liebe gesprochen, wenn Menschen sich einfach unfassbar schaden oder eifersüchtig, gewaltvoll oder psychisch gewaltvoll sind.

Für mich ist es immer sehr schwierig zu sagen, ja Liebe wird so erzählt, aber ich möchte Liebe jetzt komplett anders besetzen. Deswegen spreche ich von Zärtlichkeit. Da ist es unmittelbar nachvollziehbar, dass es bei Zärtlichkeit wirklich vor allem um das zärtlich sein, zärtlich handeln geht, dass es ein produktives, bejahendes Miteinander sein muss.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Das Gespräch | 18.04.2021 | 13:00 Uhr

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