Barrie Kosky, Regisseur © thomas.m.jauk/stagepicture Foto: thomas m. jauk

Schluss mit dem Wagner-Kult: "On Ecstasy" von Barrie Kosky

Stand: 21.03.2021 12:03 Uhr

Schon 2008 veröffentlichte Barrie Kosky, Regisseur und Intendant der Berliner Komischen Oper, eine Autobiografie in seiner Heimatstadt Melbourne. Jetzt erscheint der Band erstmals auf Deutsch.

von Elisabeth Richter

Was haben Mahler und Wagner mit Hühnersuppe, Pelzmänteln und Sprinkleranlagen zu tun? Es sind assoziative Markierungen eines in Melbourne geborenen Jungen mit polnisch-ungarisch-jüdischen Wurzeln auf dem Weg zu einem der spannendsten Theater- und Musiktheater-Regisseure unserer Zeit.

Das Theater scheint mir der ideale Ort für die Manifestation des Ekstatischen zu sein. Theater ist von seiner Natur her eine alchemistische Mischung aus Manipulation, Ritual und Stimulation. Körper, Stimme, Licht, Klang.

Die Ekstase begann mit einer großmütterlichen Hühnersuppe

Das Gold der von der polnischen Großmutter in einem Ritual zubereiteten Hühnersuppe lässt den siebenjährigen Barrie an das Gold in Tutanchamuns Grabmal denken. Oder er fühlt noch immer wie "im dunklen Wald der Nerzmäntel" im Pelzgeschäft des Vaters Fell und Seide über sein Gesicht gleiten. Und als er Leonard Bernstein Mahler dirigieren erlebt, kommen die sprühenden Schweißtropfen des Pult-Maestros einer Sprinkleranlage gleich.

Als mein Woyzeck-Junge die Kehle seiner Geliebten, Marie, aufschlitzte, unterlegte ich die Szene mit dem 3. Satz der 1. Sinfonie. ... Immer wenn ich die Musik höre, sehe ich das Küchenmesser meiner Mutter.

Ekstase als vielleicht extremste Form sinnlichen Erlebens begann bei Barrie Kosky mit "metaphysischer Verzückung" und "kosmischer Glückseligkeit" einer großmütterlichen Hühnersuppe. Aber er hat nie auch die "perverse" Form von Ekstase geleugnet. Bei Büchners "Woyzeck", seiner ersten Theater-Regie noch als Schüler, geht es blutrünstig zu. In der Stadt Essen lässt Kosky Senta Wagners "Fliegendem Holländer" ebenfalls die Kehle durchschneiden. Und in Wien sieht er in der Tat der Kindsmörderin Medea eine sexuelle Komponente.

Es war weder die Axt noch das Blut noch die Tat der doppelten Enthauptung. Es war dieser Schrei, der ihrer Vagina entsprang, durch ihren Körper ging und aus ihrem Mund hervortrat. Buchzitat

Barrie Koskys "On Ecstasy" ist kurzweilig und bildreich geschrieben. Das anekdotische Büchlein fasziniert mit Beobachtungen besonders zu Richard Wagners Bühnenwerken und Querverbindungen zu anderen Sinneserfahrungen.

Eine "Abrechnung" mit dem Dämon Wagner

Dreiviertel dieser theatral-biographischen Reflexionen kamen schon 2008 in Australien heraus. Im ergänzenden Interview, das jetzt in der deutschen Fassung erschienen ist, verrät Kosky, dass er heute eher über das Lachen oder die Melancholie schreiben würde, denn die Ekstasen würden mit der Zeit nachlassen. Auch, wenn er sie bei Rameau und Monteverdi, oder den Operetten der Weimarer Republik erlebt habe.

Sein Umgang mit Richard Wagner sei objektiver und analytischer geworden, besonders durch die Erfahrung 2014, wo er in Bayreuth "Die Meistersinger" inszeniert hatte. Hier zeigt Kosky den Schauspieler Hans Sachs als Richard Wagner und stellt ihn wegen Antisemitismus vor Gericht. Das Bühnenbild: der Gerichtssaal der Nürnberger Kriegsgerichtsprozesse. Eine "Abrechnung" mit dem Dämon Wagner, der sich flüsternd in sein Ohr eingenistet hatte.

"Dreckiger Jude! Dreckiger Jude! Dreckiger Jude!" Es mag verrückt klingen, aber ich hatte wirklich und wahrhaftig dieses körperliche Gefühl. Und weil ich in meiner Meistersinger-Inszenierung den Spieß gewissermaßen umdrehte, indem ich sagte: "Fuck you, ich stelle dich vor Gericht!", ist dieser kleine Wagner-Gollum-Dämon auf einmal verschwunden. Wir können diese Musik genießen, wir können intellektuell und künstlerisch in diesen Werken versinken, aber wir müssen uns endlich von diesem Wagner-Kult befreien.

On Ecstasy

von Barrie Kosky
Seitenzahl:
104 Seiten
Genre:
Sachbuch
Zusatzinfo:
Aus dem Englischen von Ulrich Lenz
Verlag:
Theater der Zeit
Veröffentlichungsdatum:
2021
Bestellnummer:
ISBN 978-3-95749-342-2
Preis:
15 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.03.2021 | 18:00 Uhr