Stand: 13.03.2017 14:16 Uhr

Zwischen Ohnmacht und Hoffnung

Wir machen das. Mein Jahr als Freiwilliger in einer Unterkunft für Geflüchtete
von Holger Michel
Vorgestellt von Nicole Ahles, NDR Info
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Das Buch "Wir machen das" von Holger Michel ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Das "Wir schaffen das" von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Zusammenhang mit den Flüchtlingsströmen im Spätsommer 2015 hatte eine ungeahnte Welle der Hilfsbereitschaft in Deutschland zur Folge. Viele Menschen spendeten, gaben Deutschunterricht oder verbrachten ihre Freizeit als freiwillige Helfer in Flüchtlingsunterkünften. Buchautor Holger Michel hat seine Eindrücke von einem Jahr als ehrenamtlicher Helfer in dem Buch "Wir machen das" aufgeschrieben. Michel hat eine Kommunikationsagentur in Berlin, ist Mitte 30 und öfters auf einer der zahlreichen Partys von PR- und Werbeagenturen zu finden beziehungsweise war dort zu finden - bis zum 5. September 2015:

"Ich landete ungeplant, unvorbereitet und mäßig motiviert in einer der größten Notunterkünfte in Berlin, an jenem Tag, an dem Österreich und Deutschland die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge nach Deutschland weiterreisen ließ. Für ein paar Stunden wollte ich bleiben, ein bisschen was erleben, gucken, und dann wieder gehen." Zitat aus dem Buch "Wir machen das" von Holger Michel

Es gibt so viel zu tun

Schon sein erster Tag als freiwilliger Helfer in der Notunterkunft im alten Rathaus in Berlin-Wilmersdorf wurde viel länger als geplant - es gab einfach so viel zu tun. Helfer, die im Drei-Schicht-System gespendete Kleidung sortierten, ehrenamtliche Übersetzer, Ärzte und Schwestern, die provisorische Krankenzimmer eingerichtet hatten, und dann - die Flüchtlinge.

"Die Flüchtlinge waren anders, als ich sie mir vorgestellt hatte, doch ich wusste gar nicht genau, wie ich sie mir denn vorgestellt hatte. Sie teilten eine sichtbare Erschöpfung und eine innere Unruhe. Und sie trugen Flip Flops und kurze Hosen. Ich fror vielleicht etwas zu viel, aber Flip-Flop-Wetter war heute nun wirklich nicht. Wurden keine Schuhe gespendet? Trugen sie die freiwillig? Ich hatte keine Ahnung, aber ich fror schon beim Zugucken." Zitat aus dem Buch "Wir machen das" von Holger Michel

Der Tag, als ein gefrorenes Hühnchen gespendet wurde

In den folgenden Monaten erlebte Autor Holger Michel in der Notunterkunft Skurriles, Absurdes und Beunruhigendes. Am skurrilsten war wohl die Spende einer Frau:

"Ich möchte abnehmen. Deswegen spende ich dieses tiefgefrorene Hühnchen." Ein Hühnchen. Tiefgefroren. Valeska und Vincent entglitten die Gesichtszüge, während sie auf die eiskalte Tüte in ihrer Hand starrten. Was zum Teufel sollten wir mit einem Hühnchen? Im Rathaus durfte nicht gekocht werden, abgesehen davon, dass man ein Hühnchen schlecht auf 1.000 Leute verteilen konnte." Zitat aus dem Buch "Wir machen das" von Holger Michel

Durchgreifen, aber nicht verurteilen

Unter den Flüchtlingen lernte Michel Menschen kennen, die ihm ans Herz wuchsen und solche, die er nicht leiden konnte. Immer wieder versuchten manche sich mehr Duschgel geben zu lassen, als erlaubt. Es verschwanden Stoffe aus der Nähwerkstatt. Es gab Flüchtlinge, die auch eine zweite und dritte Winterjacke in der Kleiderkammer zu bekommen versuchten. Michel und die anderen Freiwilligen griffen in solchen Fällen hart durch. Nur verurteilen konnten sie die Menschen, die ja zuvor alles verloren hatten, dafür nicht.

Besonders hart waren die Zeiten für die Bewohner nach den Anschlägen in Paris und Brüssel. Und dann kamen die schrecklichen Taten an Silvester in Köln.

"Die Stimmung unter unseren Bewohnern war auf einem Tiefpunkt angekommen. Wie nach Paris wurden sie kollektiv für schuldig befunden, sollten sich von etwas distanzieren, was sie nicht begangen hatten, manche zogen sich noch mehr zurück. Doch Köln war schlimmer. Plötzlich waren es nicht mehr nur Terroristen, jetzt waren es die gewöhnlichen jungen Männer. Vor allem sie wurden nun immer mehr als Gefahr wahrgenommen. Bewohner wurden auf der Straße und in der U-Bahn beschimpft, auch körperliche Angriffe nahmen zu." Zitat aus dem Buch "Wir machen das" von Holger Michel

"Dann haben wir alles richtig gemacht"

"Wir machen das" ist kein Gutmenschen-Buch. Michel beschreibt sehr eindrücklich die vielen zum Teil widersprüchlichen Gefühle, denen er sich ausgesetzt fühlte. Die Ohnmacht gegenüber dem Leid der Flüchtlinge, das flächendeckende Behördenversagen, den Ärger über unfaires Verhalten unter den Bewohnern, aber eben auch wie Lösungen aussehen können, wie Fortschritte trotz aller Widrigkeiten erzielt werden und welche Hoffnung am Ende steht.

"Die meisten werden irgendwann in ihre Heimat zurückkehren. Wenn nur einige von ihnen etwas von der hier gelebten Gleichheit und Menschenwürde mitnehmen, dann können sie dazu beitragen, ihre alte und zukünftige Heimat zu entwickeln, einen Beitrag dazu leisten Respekt und Menschlichkeit voranzubringen. Dann haben wir alles richtig gemacht." Zitat aus dem Buch "Wir machen das" von Holger Michel

 

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Wir machen das. Mein Jahr als Freiwilliger in einer Unterkunft für Geflüchtete

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch/KiWi-Paperback
Veröffentlichungsdatum:
09.03.2017
Bestellnummer:
978-3-462-05009-7
Preis:
14,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 15.03.2017 | 09:50 Uhr

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