Stand: 13.03.2017 15:28 Uhr

Schonungslos - gegen Flüchtlinge und Wutbürger

Kaltland. Unter Syrern und Deutschen
von Jasna Zajcek
Vorgestellt von Kathrin Erdmann, NDR Info

Die Sozialisation prägt jeden Menschen. Das gilt natürlich auch für Journalisten. Doch gerade in Zeiten wie diesen ist es für sie umso wichtiger, sich nicht mit einer Sache gemein zu machen, Dinge zu beschreiben, ohne Partei zu ergreifen. Genau das versucht die Journalistin und Autorin Jasna Zajček in ihrem Buch "Kaltland". Mehrere Monate hat die Berlinerin dafür in Sachsen gelebt und Flüchtlinge unterrichtet.

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Das Buch "Kaltland. Unter Syrern und Deutschen" von Jasna Zajcek ist im Verlag Droemer HC erschienen.

Dieses Buch ist nichts zum Wohlfühlen. Hier schreibt eine Frau, die ganz nüchtern beobachtet - und weiß, wovon sie spricht. Schließlich hat sie viele Jahre in Syrien und Beirut gelebt, spricht arabisch. Für ihr Buch geht Jasna Zajcek dahin, wo es in Sachen Flüchtlinge gerade besonders heikel ist: in die Region Bautzen in Sachsen. 

Sie unterrichtet Syrer in einem Flüchtlingsheim. Kaum dort, erklärt sie dem Hausmeister erst einmal, warum es sie nicht wundert, dass es in der separaten Männerküche ständig dreckig ist.

"'Vor Allah sind alle gleich, aber mit verschiedenen, klar definierten irdischen Aufgabenbereichen', doziere ich islamisch politisch korrekt. Der Mann ist der Chef für alles außerhalb des Hauses, die Frau die Herrscherin über Küche und Kinder. Da Putzen als eindeutige Tätigkeit des Hauses einzuordnen ist, könne er (...) auf Mithilfe oder gar Übernahme der Pflichten nicht hoffen. Der arabische Mann ist seit Jahrzehnten gewohnt, von Frauen bedient zu werden, die von Geburt an zum Dienen erzogen werden." Leseprobe

Frust im Deutschkurs

Zajceks Deutschkurs verläuft in weiten Teilen frustrierend. Nur wenige Teilnehmer strengen sich dauerhaft an. Die Journalistin ärgert das, obwohl sie die Mentalität der Syrer ja kenne, sagt sie im Gespräch: "Wenn du heute was Wichtigeres hast oder was anderes oder dich das andere mehr interessiert, dann nimmst du das, was du heute hast, und nicht das, was morgen sein könnte oder dir in drei Jahren was Nützliches bringen kann. Hier wird generell nicht so zukunftsorientiert nach vorne gedacht, geplant, projiziert, sondern - weil es ja ohnehin in Gottes Hand liegt und im Buch geschrieben steht - wird dann eben gern auch mal schleifen gelassen."

Zajcek schreibt unverblümt

An vielen Stellen des Buches weiß der Leser nicht, ob er jetzt den Kopf vor Verwunderung schütteln oder bitter lachen soll. Das liegt an Zajceks direkter und unverblümter Sprache.

"Viele der Männer betreten den Klassenraum ungeduscht, unrasiert, in Badelatschen und knickelangen Boxershorts, fast so, als wären sie im Urlaub, in einem pan-arabischen Hotel in sächsischer Winterfrische (...)." Leseprobe

Die Lethargie führt die Journalistin auch auf das lange Warten auf einen Asylbescheid zurück. Die meisten wollen sofort arbeiten, haben aber gleichzeitig völlig falsche Erwartungen.

"An kreativen Berufsideen mangelt es meinen Schülern nicht: Unter ihnen scheinen viele sehr junge Chauffeure, 'besonders für Diplomaten und Mercedes' zu sein, dazu einige 'Chefs' von nicht weiter ausgeführten 'Unternehmen'. Beim Militär oder Geheimdienst will keiner gewesen sein - und das, wo das syrische und auch das Saddam-Regime nahezu einen Spitzel pro fünf bis acht Bürger ansetzte." Leseprobe

Der Wutbürger spricht von "Gesockse"

Ebenso schonungslos wie diese Realitäten schildert die Autorin auch ihre Begegnungen mit dem Wutbürger - Frauen mit gefärbten, schräg geschnittenen Haaren und Leggins, die ständig das Gefühl haben, zu kurz zu kommen. Ihr sächsischer Vermieter sagt:

"'Wir kleinen Leute, wir kriegen immer noch mehr Probleme aufgebrummt, dabei haben wir es nach der Wende schon alle schwer genug gehabt.' (...) Es sei eine Schande, für Deutsche ist kein Geld da, aber für das 'Gesockse'." Leseprobe

Ärger über angebliche Chancen für die Flüchtlinge

Der Frust und der Ärger darüber seien nur der eine Teil, sagt Zajcek: "Zum anderen wünschen sich die Menschen, dass sie auch die ganzen Chancen bekommen würden, die jetzt den syrischen Menschen, die sie gar nicht unbedingt greifen wollen, angedient werden."

Neben der präzisen Beschreibung liefert die Journalistin auf den gut 200 Seiten auch interessante Hintergrundinformationen zu Syrien, etwa, dass das Land als die "arabische DDR" galt. Eigentlich müssten sich Ostler und Syrer bestens verstehen, meint die Autorin.

Keine Angst vor unbequemen Wahrheiten

"Kaltland" wird manchen Leser verstören, mancher Zajcek vorwerfen, sie schüre Vorurteile. Ausländerfeindliche Hetze lehnt Zajcek ab. Sie schreibt stattdessen ebenso nüchtern über die Flüchtlinge wie über die Sorgen einiger sächsischer Bürger.

Und damit gelingt der Autorin etwas, das selten geworden ist auch im heutigen Journalismus: Sie hat sich wirklich auf Spurensuche begeben, schreckt auch vor unbequemen Wahrheiten nicht zurück. Lösungen allerdings präsentiert sie nicht.

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Kaltland. Unter Syrern und Deutschen

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Droemer HC
Veröffentlichungsdatum:
01.03.2017
Bestellnummer:
978-3-426-27718-8
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 14.03.2017 | 09:50 Uhr

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