Stand: 07.08.2020 18:30 Uhr

Neue Sachbücher: Der Körper als Politikum

von Vanessa Wohlrath

Dass Hautfarbe ein politisches Thema ist,  hat nicht zuletzt die Debatte um den Tod des US-Amerikaners George Floyd gezeigt. Doch auch Überlegungen, wie faltig unsere Haut sein darf oder wie dick oder dünn die Körper, die sie bedeckt, gehen über Fragen ästhetischer Vorlieben hinaus. Schon bestimmte Körperteile beim Namen zu nennen, kann ein Tabubruch bedeuten. Um die politischen Dimensionen des Körpers geht es in einigen neuen Sachbüchern über Körper.

"Am Anfang ist alles ein Spiel", heißt es in dem Buch "Untenrum frei" der Berliner Autorin Margarete Stokowski. Doch dann stürzt die noch kleine Margarete mit ihrem neuen rosa Fahrrad zu Boden und was dabei passiert, sind zwei Dinge: Sie landet mit den Händen in Glasscherben und ...

Der Lenker rammt sich mir zwischen die Beine. Aua. Die erste Sache ist auffällig und blutet, die zweite Sache ist unauffällig, und ich sage kein einziges Wort. Wie denn auch? Wie soll ich sagen, dass ich mir an meiner … Dings weh getan habe? Dings. Wie heißt das? Buchzittat aus "Untenrum frei"

Vulva: Die Sache beim Namen nennen

Iris Schmitt und Josefine Britz © Südwest Verlag Foto: Jörg Kappus
Iris Schmitt und Josefine Britz wollen mit ihrem Buch "V" das weibliche Geschlecht sichtbarer und benennbarer machen.

Ja, wie heißt das eigentlich? "Ich hab von ganz unterschiedlichen Stellen Worte dafür mitbekommen", erzählt die Illustratorin Iris Schmitt. "In der Schule war's die Vagina. Meine Mama hat immer Scheide gesagt. Meine Freundinnen hatten andere Worte. Ich wusste nie genau, was ich dazu sagen soll. Dann war es manchmal leichter zu sagen: da unten. Da weiß jeder ungefähr um was es geht."

Doch bei vagen Bezeichnungen wollten es Iris Schmitt und ihre Studienfreundin Josefine Britz nicht belassen. Aus der Idee für ihre Abschlussarbeit, das weibliche Geschlecht in all seinen Facetten zu besprechen und darzustellen - ganz unverblümt und schamlos, ist jetzt ein Buch entstanden: "V. Alles über das weibliche Geschlecht". Darin reden die beiden Kommunikationsdesignerinnen jetzt Klartext: V wie Vulva!

"V" von Iris Schmitt und Josefine Britz © Südwest Verlag Foto: Iris Schmitt und Josefine Britz
Penis kann ja jeder. Wie man eine Vulva zeichnet, zeigen die Autorinnen in ihrem Buch farbenfroh und detailreich.

"Fangen wir beim Namen an. Jeder weiß, dass es beim Mann ein Penis ist", so Schmitt. "Wenn du bei der Frau von einer Vulva sprichst, gucken die Menschen dich in ganz vielen Fällen komisch an. Jede und jeder kann einen Penis zeichnen, aber keine eine Vulva. Jeder kennt den Mann, viel zu wenige kennen die Frau in den Details. Und ich glaube, dass darüber zu sprechen, darüber zu schreiben, das Ganze zu zeichnen, ein feministischer Akt der Gleichberechtigung ist und darum weitestgehend auch politisch."

Selbst der Po ist polititsch

Unser Geschlecht ist politisch. Ob Mann, Frau oder etwas dazwischen - wenn wir über Körper sprechen, geht das, wie Schmitt und Britz besonders auch in ihren Umfragen und Interviews mit anderen Frauen und Diversen erkannt habe, über Biologie meist hinaus.

Gender

Der Begriff Gender bezeichnet im wissenschaftlichen Diskurs das sozial konstruierte Geschlecht. Auf persönlicher Ebene steht es für die individuelle Vorstellung vom eigenen Geschlecht und die Geschlechtsidentität.

Unser Körper und wie wir ihn gestalten ist ein starkes Politikum und besonders die Körperteile, die in der Öffentlichkeit meist verborgen bleiben und die wir noch nicht einmal richtig benennen können, sorgen für Diskussionen über Geschlechtergerechtigkeit und die Konstruktion von Gender, über Frauenquote und Paygap. Nicht nur die Vulva, selbst der Po ist darum politisch. Die norwegische Autorin Anna Fiske beschreibt das in ihrem Sachbuch sehr anschaulich. Gleich im Titel heißt es "Alle haben einen Po". Und trotzdem spricht man nicht darüber, ließe sich hier ergänzen. Während in "V" bunte und detailreiche Illustrationen ganz unterschiedliche Vulva-Formen abbilden, zeigt Fiske runde und platte Hintern, und darüber hinaus: ganz viel Haar. Ebenfalls ein vieldiskutiertes Thema.

Warum es "normal" nicht gibt

"Einmal, da kam ich aus der Schule und hab zu dir gesagt, dass zwei meiner Freundinnen es eklig fanden, dass jemand Achselhaare hat und eine erwachsene Person dann denen zugestimmt hat. Das fandest du nicht so toll", erzählt Hanna Eismann, zehn Jahre alt, ihrer Mutter, der Autorin und Mitbegründerin der Zeitschrift "Missy Magazine" Sonja Eismann. "Genau, das fand ich ein bisschen komisch", bestätigt Eismanns ihrer Tochter. "Dass bei Frauen Körperbehaarung als nicht so schön gilt, kennen wir ja schon länger. Ich fand interessant, dass zwei junge Mädchen Axelhaare auch bei einem Mann so ekelig finden - etwas, was die meisten Leute ja von Natur aus haben - und dass eine erwachsene Frau ihnen dann auch noch zustimmt."

Die Idee für Sonja Eismanns Sachbuch war geboren: "Wie siehst Du denn aus? Warum es normal nicht gibt". Schon vor dem Teenie-Alter, so Eismann, beginnen Menschen eine Idee davon zu haben, was normal ist und was nicht. Haare auf dem Kopf: Ja. Haare unter den Achseln: Nein. Dass dieser Eindruck mit oft medial vermittelten Schönheitsidealen und Stereotypen zu tun hat, zeigt Eismann sehr unaufgeregt anhand von kurzen Textpassagen und Zeichnungen der schwedischen Künstlerin Amelie Persson.

Gegen Schamgefühle und Unwissenheit

Ob offen aktivistisch oder implizit politisch, all diese Sachbücher leisten Aufklärungsarbeit mit einer positiven und humorvollen Ansprache; Sie wollen Wissen schaffen beziehungsweise Unwissen abschaffen, Vielfalt zeigen und Vorurteilen entgegenwirken. Und sie räumen auf mit der weiblichen Scham. Etwas, von dem sich die Autorinnen selbst auch erst freimachen mussten, wie Josefine Britz feststellt: "Was Iris und ich beide gemerkt haben, je freier wir angefangen haben über Themen wie Vulven zu sprechen, desto natürlicher ist es geworden. Auch das Gefühl darüber zu sprechen war ein ganz ganz eigenartiger Prozess. Auf einmal hat es dazu gehört. Es war nicht mehr mit merkwürdigem Unterton oder Beschämung behaftet."

Weitere Informationen
Eine Frau bei einer Demonstration auf dem Christopher Street Day in Freiburg mit dem Schild "Viva la Vulva". © dpa Foto: Patrick Seeger

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Professor Wilhelm Schmid © Suhrkamp Verlag Foto: Heike Steiweg

Alles Gender - oder was?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.08.2020 | 19:00 Uhr