Die Sängerin und Tänzerin Josephine Baker in einer historischen Aufnahme © picture alliance / akg-images / NordicPhotos

"Josephine Baker: Weltstar - Freiheitskämpferin - Ikone"

Stand: 30.01.2021 11:09 Uhr

Geboren 1906 in den USA, eroberte Josephine Baker Mitte der 20er-Jahre von ihrer Wahlheimat Paris aus den Globus. 50 Jahre stand Baker auf den Bühnen der Welt. Eine Biografie beleuchtet nun ihr Leben.

Cover des Sachbuchs "Josephine Baker" von Mona Horncastle © Molden Verlag
Beitrag anhören 4 Min

von Alexandra Friedrich

In dem Lied "J’ai deux amours" besingt Josephine Baker ihre zwei Lieben. Welch maßlose Untertreibung! So viel mehr Herzen schlagen in ihrer Brust. Josephine Baker liebt ihre vier Ehemänner und zahlreichen Geliebten - Männer wie Frauen. Sie liebt ihr Dutzend Adoptivkinder und ihre unzähligen Haustiere - vom Pinselohräffchen über die dänische Dogge bis zum Geparden. Und natürlich liebt sie das Rampenlicht, das Publikum - beim Tanzen, Singen, Spielen.

Von vielen gefeiert, von vielen verachtet

Von dieser schier grenzenlosen Liebe erzählt Mona Horncastle in der ersten deutschsprachigen Biografie Josephine Bakers. Sie zeichnet ihren Weg nach - angefangen bei dem kleinen pummeligen Mädchen mit Spitznamen "Thumpie", das im von Unruhen und rassistischer Gewalt geprägten St. Louis in bitterarmen Verhältnissen aufwächst. Über den luxusliebenden Revue-Star, der als "schwarze Venus" von vielen gefeiert, von anderen als zu freizügig, zu dekadent, zu schwarz verachtet und gehasst wird. Bis zur international gefeierten Sängerin und Filmikone, die ihr Ansehen und ihren Einfluss für ihren Kampf um mehr Gerechtigkeit einsetzt:

Das Mädchen, das in St. Louis gegen die Kälte antanzte, hat sich als junge Frau in Paris ein neues Leben ertanzt und kämpft als gereifte Frau singend gegen Rassismus und für die Freiheit. Buchzitat

Zeitporträt aus Briefen, Presseartikeln und persönlichen Berichten

Diese Lebenslinien zeichnet Horncastle ausführlich nach und beleuchtet immer auch den Kontext, lädt ein zu Exkursen etwa über die Theater- und Liedgattung "Vaudeville" oder die Frage der Geschlechterrollen. Horncastle schafft ein Zeitporträt mit vielen Zitaten aus Briefen, Presse, Rundfunk und Literatur, Schilderungen oft prominenter Weggefährten wie Max Reinhardt, Luis Buñuel oder Le Corbusier.

Bleibt Josephine Baker selbst in den ersten Kapiteln noch eine recht leise Stimme unter vielen, gewinnt sie in der zweiten Hälfte an Kraft und Präsenz. Simultan zu ihrer biografischen Entwicklung, zu ihrer Selbstermächtigung und Politisierung. Sie ermittelt im Zweiten Weltkrieg verdeckt gegen die Nazis und protestiert als eine der ersten Künstlerinnen offen und vehement gegen die Ungleichbehandlung von Schwarzen.

"Regenbogenfamilie" wirksam in Szene gesetzt

Ihr Aktivismus reicht dabei bis ins Privateste: Ihr Schloss Les Milandes an der Dordogne wird zu einer Zentrale für die französische Widerstandsbewegung "Résistance" und im Kampf gegen Rassismus wird sogar ihre Familie zum Politikum.

Ich möchte beweisen, dass fünf Kinder verschiedener Rassen genauso gut miteinander leben können wie Andere und ich habe die Absicht, ein Kind aus Südafrika, ein Anderes aus Israel, ein Anderes aus Peru, das Vierte aus Japan und ein fünftes, ein nordisches Kind zu adoptieren. Josephine Baker

Die Sängerin und Tänzerin Josephine Baker mit elf Adoptivkindern im Jahr 1964 auf ihrem Schloss in Frankreich © picture alliance / Keystone
Die Sängerin und Tänzerin Josephine Baker mit elf Adoptivkindern im Jahr 1964 auf ihrem Schloss in Frankreich.

Aus fünf Kindern werden letztlich zwölf, die sie wie Souvenirs von ihren Reisen aus aller Welt mitbringt und als sogenannte "Regenbogenfamilie" öffentlichkeitswirksam in Szene setzt. Nicht nur hier gibt es kritische Zwischentöne der Autorin: Sie kehrt die Schattenseiten Josephine Bakers nicht unter den Teppich - ihren Hang zu Maßlosigkeit, ihre Unzuverlässigkeit, ihre Impulsivität und ihre flexible Auslegung von Wahrheit.

Mit ihrer differenzierten Darstellung und indem sie Selbst-Aussagen Josephine Bakers hinterfragt, widersteht Horncastle der Glorifizierung einer schillernden Gestalt, deren Leben auch ohne rosarote Brille fasziniert und deren Beitrag für Kunst und Bürgerrechte auch heute noch Relevanz besitzt.

Josephine Baker: Weltstar - Freiheitskämpferin - Ikone

von Mona Horncastle
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Biografie
Verlag:
Molden
Veröffentlichungsdatum:
1. Oktober 2020
Bestellnummer:
ISBN 978-3-222-15046-3
Preis:
28 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 30.01.2021 | 17:20 Uhr