Stand: 30.06.2020 15:00 Uhr  - NDR Kultur

"Das KZ-Universum" von David Rousset

von Jan Drees

Eine der frühesten Berichte aus den deutschen Konzentrationslagern ist 74 Jahre nach seinem ersten Erscheinen endlich ins Deutsche übersetzt worden. Unter dem Titel "Das KZ-Universum" hat der französische Schriftsteller und Kommunist David Rousset bereits 1946 von seinen Erfahrungen im KZ erzählt - allerdings nicht als reine Ich-Erinnerung, sondern mit dem analytischem Blick auf das gesamte System der nationalsozialistischen Vernichtungsindustrie.

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Der französische Schriftsteller David Rousset erzählt in seinem Buch "Das KZ-Universum" mit analytischem Blick von seinen Erfahrungen im KZ.

Einst gab es einen Ort, an dem haben die Hungrigsten das Fleisch ihrer Mitmenschen gegessen, an dem haben die Menschen ihre Haut eingebüßt und für einen Schlafplatz waren sie bereit, ihren Nebenmann des nachts zu ermorden. Dieser Ort, das war das KZ-Universum. Von diesem als erster der Überlebenden hat David Rousset berichtet, 1912 an der Loire geboren. Ein Schriftsteller war er, ein Soziologe, ein Kommunist. Und sein Buch "Das KZ-Universum" gehört zu den bemerkenswertesten Zeugnissen jener dunklen Tage, als das Wünschen nicht geholfen hat.

Für zehn Gramm Brot, für ein bisschen Platz bringen die Häftlinge sich in den Nächten gegenseitig um. Am Morgen liegen Leichen in den Straßengräben, übersät mit Blutergüssen. In Wöbbelin müssen Wachen mit Knüppeln bei den Toten aufgestellt werden: Wer das kümmerliche Fleisch der Leichen isst, wird erschlagen. Unglaubliche Gerippe mit leeren Augen tasten sich blind über stinkenden Unrat. Sie lehnen sich gegen einen Pfosten und bleiben mit gesenktem Kopf stehen, still und stumm, eine Stunde, zwei Stunden. Irgendwann sackt der Körper zusammen. Aus dem lebenden Leichnam ist ein toter geworden. David Rousset

Bemerkenswert ist, dass dieses Buch erst jetzt im deutschsprachigen Raum erscheint. Es gab über lange Zeit schlichtweg kein Interesse an den Erinnerungen eines französischen, nicht-jüdischen Trotzkisten. Wer über den Text spricht, der kann nicht schweigen über dessen Editionsgeschichte.

Erst viele Jahrzehnte später ins Deutsche übersetzt

Thomas Sparr, langjähriger Leiter des Jüdischen Verlags in Berlin, ist ein Spezialist für die Erinnerungskultur der Nachkriegszeit. Gerade ist von ihm ein beeindruckendes Buch über Paul Celans "Todesfuge" erschienen. Im Interview sagt er, der die deutsche Übersetzung 74 Jahre nach ihrer französischen Erstveröffentlichung ermöglicht hat, dass David Rousset das Konzentrationslager Buchenwald und den Totenmarsch überlebt habe. Darüber hinaus habe er im Sommer 1945 in Paris über das System der Todeslager, der Konzentrationslager geschrieben: "L’Univers Concentrationnaire", 1946 in Paris erschienen.

"Es hat großes Aufsehen erregt," erzählt Sparr über die Erzählung. "Es ist auch ins Englische übersetzt worden, aber erstaunlicherweise nie ins Deutsche. Ich glaube, es handelt sich um die gleiche Perspektive; dass man diesen millionenfachen Tod, diese Ermordung in einer unermesslichen Zahl in den Blick genommen hat, sowohl in dem Gedicht bei Celan als auch in dem Buch von David Rousset, der als ein Journalist, als ein Soziologe schreibt, als ein Essayist."

Sie wussten nichts über die Vernichtungslager

Wer war dieser David Rousset, dem im Sommer des Jahres 1945, unmittelbar nach seiner Freilassung gelungen ist, seine grauenhafte Erfahrung in eine berückend klare, in eine analytisch tief durchdringende, in eine poetische Sprache zu fassen, die auf pointierte Weise von Grausamkeiten wie diesen zu berichten?

Vorwärts in den Schlamm drängt die Herde, zwischen hohen, blinden Fassaden, die schwer auf der Nacht lasten. Knöchel knicken um auf flachen Holzschuhen. Aus den Wänden sickert Licht, sie wachsen ins Unermessliche. Aufeinander gestützt tasten die Gruppen sich zu den Blocks vor. In einer lächerlichen Stunde hat der Mensch seine Haut eingebüßt. Gewissenhafte Funktionäre haben ihm, ohne Maß zu nehmen, seine KZ-Person zugeschnitten. David Rousset

Mit dem "KZ-Universum" an den Anfang der Erinnerungskultur

Auf lediglich hundert konzentriert gearbeiteten Seiten wird der Leser Absatz für Absatz in neue Winkel des Konzentrationsuniversums geführt, um mit dem Zeugen David Rousset noch einmal durch die Hölle dieses entmenschlichenden Systems zu gehen, und zwar zu einem Zeitpunkt, als erste Leser beinahe nichts wussten. Sie wussten nichts über die körperliche und nichts über die psychische Folter in den Vernichtungslagern. Sie wussten nichts über Auschwitz, über Treblinka, über Buchenwald.

Im Revier stand eine Eiche, unter der Goethe geruht haben soll. Sie ging ein und wurde gefällt. Wie der Kritiker Theodore Ziolkowski erkannte, nahmen die Dichter im Lager stets auf Goethe Bezug. In seiner Gedächtnisrede in Dachau im Jahr 1947 kam der Dichter Ernst Wiechert auf jene Einigkeit zu sprechen, die, der Aufklärung verpflichtet, den Häftlingen so wichtig war. David Rousset

Das erfahren wir aus dem brillanten Nachwort von Jeremy Adler, der dieses seltene, von Olga Radetzkaja und Volker Weichsel aus dem Französischen übersetzte Zeugnis in die glücklicherweise lange Geschichte einer Erinnerungskultur einordnet, die allein aus humanistischen Gründen unbedingt lebendig gehalten werden sollte. Das Herausgehobene von Roussets Bericht besteht nicht nur in seiner poetischen Kraft, nicht nur in der Hellsichtigkeit seiner Darstellung, sondern auch darin, dass man mit dem "KZ-Universum" endlich an den Anfang eben dieser Erinnerungskultur gelangt, und mit ihr noch im Jahr 2020 versteht, warum es notwendig bleibt, die unglaublichen Geschehnisse des nationalsozialistischen Verwüstungsfeldzuges wach zu halten.

Verwirrt bleibt man vor Roussets Bericht stehen und kann es kaum glauben, dass zwischen den Baracken, den Krematorien, den vielfältigen Demütigungsartefakten einer entarteten Zivilisation Wegweiser an den Straßenkreuzungen gestanden haben, die gewacht haben über das innere Leben der Lager. Damit alles seine gute Ordnung hat.

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