Stand: 15.10.2007 22:30 Uhr  | Archiv

Bilanz eines Lebens - Günter Grass zum 80.

Wirklich ausgelassen sieht man Günter Grass selten. 1999 bei einem Empfang des Landes Schleswig-Holstein war so ein Moment. Grass hatte gerade den Nobelpreis bekommen.

Ein Mann mit Akzenten

Sich einmischen, unbequem sein - schon früh ist das sein Markenzeichen. Als junges Mitglied der Gruppe '47, Deutschlands wichtigstem Autorenkollektiv, lernt er das Austeilen. Günter Grass: "Ich habe mich immer als Schriftsteller, von Beruf aber als Bürger, als 'Citoyen' verstanden, der immer bemüht ist, wenn eine Demokratie, die ja kein fester Besitz ist, das Gespräch, unter Umständen auch das streitbare Gespräch immer am Leben zu halten - weil das zum Elixier der Demokratie gehört."

Sein Roman "Die Blechtrommel" wird ein Weltbestseller. Aber bei den Konservativen in Deutschland eckt er damit an. Grass schaltet sich in die Nachkriegsdebatten ein. In der Blechtrommel, von Volker Schlöndorff genial verfilmt mit David Bennent als Oskar Matzerath, wirft er die Frage auf, warum es in der Nazizeit so wenig Widerstand und so viele Mitläufer gegeben hat. Seine demonstrative Nähe zur Politik wird dem Schriftsteller von vielen Kollegen übel genommen. Für Willy Brandt macht er sogar Wahlkampf. Jahrzehntelang trommelt er für die Politik der Sozialdemokraten.

Gegen den Strom

Als Deutschland die Wiedervereinigung feiert, kann sich Grass nicht wirklich freuen. Die Nation liegt im Glück, er wettert: "Barbarischer, raubtierhafter ist der Kapitalismus nie gewesen als nach dem Sieg über das kommunistische Zentralsystem." Und so wie er in den Wald hinein unkt, kommt es prompt zurück. Seine Wiedervereinigungskritik: "Ein weites Feld" wird von Marcel Reich-Ranitzki gnadenlos verrissen. Der Spiegel hatte seine Schlagzeile, und Günter Grass musste heftig einstecken. Günter Grass: "Die Art und Weise, wie darauf reagiert wurde, das war schon verletzend. Das waren schon deprimierende Dinge, die ich immer wieder erlebt habe."

Moralist und Instanz

Er engagiert sich gegen Rassismus, setzt sich weltweit für Menschenrechte ein. Wie einmal Heinrich Böll gilt er vielen als moralische Instanz in Deutschland. Umso größer ist die Verwirrung, als er im letzten Jahr öffentlich bekannt gibt, dass er zum Kriegsende Mitglied der Waffen-SS war. In seiner Roman-Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" arbeitet er sein jahrelanges Schweigen darüber auf. Über Nacht ist sie Auslöser der jüngsten Grass-Debatte.

Günter Grass: "Diese Debatte ging ja am Buch vorbei. Sie ist bewusst am Buch vorbei geführt worden. Als das Buch dann die Leser erreichte, haben viele sich gefragt: Was soll das alles? Denn die kritischen Fragen, die ich stelle, auch der eigenen Person gegenüber, handeln ja von diesem Heranwachsen in einer Zeit des Nationalsozialismus. Ich hab' ja nie einen Hehl daraus gemacht, dass meine Generation, bis auf die wenigen Ausnahmen (...), sich hat verführen lassen." Grass löst Diskussionen aus und geht keiner aus dem Weg.

In die Pfanne hauen

Kreativ ist er bis heute auch als Bildhauer und Grafiker. Seine große Familie hält der Medienmensch von der Öffentlichkeit ganz bewusst fern. Und erst jetzt hat er uns, nach all den Jahren, ganz exklusiv, seine eigentliche Passion verraten: "Ich bin ja ein leidenschaftlicher Pilzsucher", sagt Grass, "und ab und zu, wenn da auf einmal ein einzelstehender Steinpilz dort steht, bin ich jedes mal erstaunt. Und bevor ich ihn abschneide, betrachte ich ihn erst noch mal, und dann zeichne ich ihn zumeist, wenn ich ihn mit nach Hause nehme, und dann kommt er in die Pfanne."

Das Kulturjournal wünscht viele fette Steinpilze, weitere streitbare Bücher und alles Gute zum 80!

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 15.10.2007 | 22:30 Uhr

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