Cover des Buchs "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" von Friederike Mayröcker © Bibliothek Suhrkamp

Friederike Mayröcker bleibt dem Experimentellen treu

Stand: 28.04.2021 08:27 Uhr

Die 95-jährige Österreicherin Friederike Mayröcker ist ungebrochen produktiv. Ein verbaler Rausch ist ihr neues Werk "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete", nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021.

von Juliane Bergmann

Bis zum letzten Augenblick will sie schreiben, hat Mayröcker vor kurzem in einem Interview gesagt. Und sie scheint es ernst zu meinen: Mehr als 100 Bücher hat die Büchner-Preisträgerin bislang veröffentlicht, gerade ist ihr neues Werk erschienen:

Wie es in meinem Kopfe wütet! oder wüstet! Bin verwüstet in meinem Kopfe, in jeglicher Ecke meines Kopfes wütet: wüstet es, ach Wildnis v.LAMPIONS

Ganz schön was los, wenn Friederike Mayröcker Gedanken, Gefühle und Beobachtungen zu Papier bringt. Da stolpern Worte ineinander, stapeln sich, verheddern sich, in einem Tempo, für das man beim Lesen stets Konzentration braucht. Und ganz unbedingt: Neugier. Denn das ist die unausgesprochene Verabredung zwischen Autorin und Leserin: neugierig bleiben.

mein Innerstes ist wie früher nur meine Leibhaftigkeit ist mühselig geworden

Friederike Mayröcker - mit 95 noch ungebrochen produktiv

... heißt es in Mayröckers neuem Buch - einer Art lyrischem Tagebuch. Mit einer Spur von Autobiografie vermutlich. Denn die große österreichische Autorin ist inzwischen 95 Jahre alt - mühselig mag also der Umgang mit dem Körper sein. Immer noch aber ist sie ungebrochen produktiv und schreibwütig.

Ihre Sprache klingt jugendlich, wild und bezaubernd originell. Da sind Leute "overhead" oder "ready-made", das Ich erfreut sich an einem "Pailettenwinter", schlendert im "Knospenspaziergang" zum Anblick vom "Gelee eines Mondes", sucht den passenden Begriff zwischen "Chanel oder chapeau oder cheval" - als ob Mode, Hut und Pferd einander nahe lägen. Sind sie doch nur lautmalerische Freunde.

versuchen Sie nicht das Geheimnis dieses Textes zu lüften DIE AUSSTELLUNG IST ERÖFFNET

Experimentelle Lyrik und Prosa mit Ernst Jandl

Gemeinsam mit Ernst Jandl hat sie seit den 50er-Jahren die Möglichkeiten akustischer und visueller Dichtung ausgelotet. Der experimentellen Lyrik und Prosa ist Mayröcker bis heute treu geblieben. Im Buch "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" verbindet sie beides. Ein Journal, das durch die Jahre 2017 bis 2019 führt. Fernab vom Weltgeschehen zeigt sie das Große im Kleinen, schaut hin. Eine Wucht an Bildern:

wer hat mir das gesagt in der Abenddämmerung in der Morgendämmerung (so) heimlich (so) Matisse wie die Tapete, übergeht = sich übergibt auf den Speisetisch mit Blume und Apfel ich meine wer hat mir gesagt es blühe im Garten zerbrochenes Schneeglöckchen, lasz uns ausgehen flinken Fuszes wie Kerzen

Alltägliches erlebt Mayröckers Ich: Besuche bei Ärzten, Briefwechsel mit Freunden, Mahlzeiten am Küchentisch. Währenddessen toben und tanzen im Kopf die Gedanken. Überall Natur. Der Himmel, der sich verändert. Dinge ähneln Gemälden oder klassischen Musikstücken, Erinnerungen an die Kindheit, an längst Verstorbene, ans Verliebtsein.

dein Auge ein graues Gewölk graue Perle grauer Diamant

Weg mit der Verkopftheit beim Lesen

Traumartig und wundersam. Auch formal hat die Autorin keine Lust auf Standard. Grammatik ist ihr schnurz, meist verzichtet sie auf Satzzeichen, manche Worte hebt sie kursiv hervor oder buchstabiert sie völlig neu oder ersetzt sie gleich durch eine kleine Zeichnung. Verspielt ist sie, sie stöbert und wühlt und schreibt - so scheint es - im verbalen Rausch.

meine sneakers wie ich euch liebe, meine Erfahrungen zu erfühlen oder (zu) hexen, der ganz und gar gelöschte Zitronenfalter, die Lotterie meines Überlebens, schon nähert sich WICHT VON WINTER

Es geht nicht darum, den Text, sondern vielmehr sich selbst beim Lesen zu bezwingen. Weg mit der Verkopftheit, dem elenden Verstehen-Wollen. Und tatsächlich erst dann kann man sie wirklich lesen und mögen lernen, Mayröckers poetische Wuschigkeit, ihre wuschige Poesie.

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da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete

von Friederike Mayröcker
Seitenzahl:
201 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Bibliothek Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-22515-8
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.08.2020 | 12:40 Uhr

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