Stand: 26.10.2016 14:00 Uhr

Das Vergehen von Zeit und Macht

Cox oder Der Lauf der Zeit
von Christoph Ransmayr
Vorgestellt von Ulrike Sarkany
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Christoph Ransmayr wurde 1954 in Österreich geboren und lebt nach Jahren in Irland und auf Reisen wieder in Wien.

Es gibt nicht viele deutschsprachige Schriftsteller, die so in der ganzen Welt zu Hause sind wie der Österreicher Christoph Ransmayr. In seinen Büchern nimmt er uns mit in entlegene Regionen, von denen wir selten eine konkrete Vorstellung haben. Seine Schilderungen sind wirklichkeitsgetreu und driften doch unmerklich ins Wundersame und Märchenhafte. So auch jetzt wieder in seinem neuen Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit".

Eine Reise ins China des 18. Jahrhunderts

Alister Cox ist Uhrmacher. Er hat zu Hause in seiner Liverpooler Manufaktur mit seinen Mitarbeitern Balder Bradshaw, Aram Lockwood und Jacob Merlin schon die erstaunlichsten Kunstwerke zur Messung der Zeit hergestellt. Jetzt haben sie gemeinsam einen ungewöhnlichen Auftrag in Fernost angenommen.

"Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qiánlóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ." Leseprobe

Wir werden in diesem Roman keine Jahreszahl finden. Man kann allerdings nachlesen, dass jener vierte chinesische Kaiser der Qing-Dynastie, Qiánlóng, der Gedichte schrieb, von 1711 bis 1799 gelebt hat. Am Anfang der Erzählung ist er 42 Jahre alt. Und es gab einen realen Londoner Uhrmacher namens James Cox, der für seine raffinierten und dekorativen Kreationen berühmt war und der zwischen 1723 und 1800 lebte.

Ein gottgleicher und grausamer Herrscher

Aber dass Christoph Ransmayr nicht einfach einen historischen Roman schreiben würde, sondern eine an die Historie angelehnte Parabel über das Vergehen von Zeit - und das Vergehen von weltlicher Macht -, konnten wir uns schon denken. Das bedeutet nicht, dass er auf feinste realistische Beschreibungen verzichten würde.

"Nebelbänke zogen an diesem milden Herbsttag über das glatte Wasser des Qiántáng, dessen sandiges, in Nebenarmen zerfließendes Bett von mehr als zweihunderttausend Zwangsarbeitern mit Schaufeln und Körben vertieft worden war, damit gemäß den Wünschen des Kaisers ein Fehler der Natur korrigiert werde und dieser Fluss, schiffbar gemacht, das Meer und die Bucht von Háng zhōu mit der Stadt verbinde." Leseprobe

Qiánlóng, jener gottgleiche Herrscher, bezieht seine Macht daraus, dass ihm in seinem Reich Abertausende untertänigst zu Diensten sind. Aber die westlichen Besucher bringen ihre technische Überlegenheit mit. Allein schon ihr stolzer Dreimaster erregt bei ihrer Ankunft große Bewunderung.

Realistische Beschreibungen

"Was für ein Schiff!
Selbst einige der an Pfähle geketteten Verurteilten hoben den Kopf und blickten nach dem lautlos driftenden Barkschoner mit seinen tiefblauen Schrat- und Rahsegeln, während die um das Schafott Versammelten vergessen zu haben schienen, dass alle Aufmerksamkeit dieser Welt doch allein dem Kaiser und den Vollstreckern seines Willens zustand, allein dem Sohn des Himmels gehörte, der jede Zuwendung und jeden Blick nur gnadenhalber mit anderen Menschen und Dingen teilte." Leseprobe

Christoph Ransmayr versteht es gekonnt, mit seiner vermeintlich archaischen, dabei aber ungemein dichten, präzisen Sprache sofort eine Atmosphäre der Bedrohlichkeit zu erzeugen. Bei ihrer Ankunft erleben die englischen Besucher, wie ein Scharfrichter siebenundzwanzig an Pfählen aufgereihten in Ungnade gefallenen Herren die Nasen absäbelt und die Krähen sich die Beute teilen.

Christoph Ransmayr liest auf
NDR Kultur in Am Morgen vorgelesen
aus seinem Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit"
vom 5. bis zum 16.12.2016,
immer montags bis freitags um 8.30 Uhr.

Unterdessen lässt sich der Kaiser von China nicht blicken. Sein riesiger Tross umgibt ihn wie ein Kokon, und dass nie ersichtlich ist, wo genau, in welcher Sänfte oder auf welchem Schiff, er unterwegs ist, lässt erahnen, wie sehr er selbst um seine Sicherheit bangt.

Ein Leben in Luxus und Angst

"Der Hofstaat hatte seine Zelte und das Seidenzelt des Allerhöchsten so hoch über der Stadt aufgeschlagen und den Luxus der seit Wochen bereitstehenden, leeren Paläste Háng zhōus verschmäht, weil der Kaiser auf Reisen manchmal den Wind und die Flüchtigkeit einer Festung aus Stoffbahnen, Schnüren und Wimpeln allen Gemächern und Mauern vorzog, die versteckte Gefahren bergen oder zu von Verschwörern und Attentätern errichteten Fallen werden konnten." Leseprobe

Die Fremden aus Liverpool werden von einem Dolmetscher begleitet, Joseph Kiang, und der sorgt dafür, dass sie nicht allzu sehr gegen die Hofetikette verstoßen. In der Verbotenen Stadt bekommen sie eine überaus komfortable Werkstatt zugewiesen. Alle auch noch so erlesenen Materialien werden ihnen zur Verfügung gestellt, um die Apparaturen zu bauen, die der Kaiser sich wünscht.

Normalerweise gehen solche Märchen so aus, dass der Kaiser sich etwas Menschenunmögliches wünscht und die armen Kunsthandwerker ans Ende ihres Lateins kommen. Doch in dieser Beziehung birgt der Verlauf der Ereignisse erstaunliche Überraschungen.

Christoph Ransmayr tariert die Waagschalen menschlicher Macht aus und erzählt zugleich eine ziemlich faszinierende Geschichte über das alte China.

Cox oder Der Lauf der Zeit

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer Verlag
Bestellnummer:
978-3-10-082951-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.10.2016 | 12:40 Uhr

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