Stand: 30.11.2016 12:40 Uhr

NDR Buch des Monats: "Es waren Habichte in der Luft"

von Ulrike Sárkány

Der Schriftsteller Siegfried Lenz, der als junger Marinesoldat seine Heimat und seinen blinden Gehorsam verlor, war zeitlebens ein zwar ideologiefreier, aber äußerst loyaler Mensch. Er blieb der Stadt Hamburg treu, in die es ihn am Ende des Kriegs verschlagen hatte. Er blieb seinem Verlag Hoffmann und Campe treu, obwohl der seinen zweiten Roman 1952 ablehnte. Und er blieb auch dem NDR (damals noch NWDR) treu, bei dem er schon als Student kleine Sendungen machte.

Siegfried Lenz: "Es waren Habichte in der Luft" © Hoffmann und Campe
Die Geschichte des Deserteurs Stenka spielt in Finnland gegen Ende des Ersten Weltkriegs.

Im Februar 2016 veröffentlichte der Hoffmann & Campe Verlag den Roman "Der Überläufer" von Siegfried Lenz - 65 Jahre nach der Entstehung, und er wurde ein großer Erfolg. Jetzt erscheint eine "Hamburger Ausgabe" mit sämtlichen Werken, sauber dokumentiert und kommentiert, und der erste Band mit Lenz' erstem Roman "Es waren Habichte in der Luft" ist unser NDR Buch des Monats.

Vom Jungredakteur zum großen Schriftsteller

Siegfried Lenz war 23 Jahre alt und Jungredakteur bei der Zeitung "Die Welt". Er hatte Philosophie, Anglistik und Germanistik studiert und war für die Einteilung von Fortsetzungsromanen zuständig. Bei dieser Beschäftigung mit Literatur packte ihn die Lust, selbst einen Roman zu schreiben. Er machte das vormittags, bevor er zur Arbeit ging, in der kleinen Wohnung, die er sich mit seiner Frau Luise teilte und in der auch immer viele Freunde ein und aus gingen.

Nichts konnte ihn stören, denn er hatte ein Thema, das ihn nicht losließ: "Solange man unüberprüft lebt, nie in entsprechenden Situationen gewesen ist, die einen nötigen, sich zu entscheiden, lebt man risikolos. Aber in dem Augenblick, in dem man verurteilt ist, eine weitgehende Entscheidung zu treffen - und darum meine Liebe zu extremen Situationen - , dann kommt etwas zum Vorschein, was man vielleicht - André Breton hat es getan - den Nachtkern des Menschen nennen könnte."

Der Deserteur überlebt seine Flucht nicht

Der junge Masure, der als Siebzehnjähriger zur Marine eingezogen wurde, hatte sich im Frühjahr 1945 entschieden, zu desertieren, weil er die Sache, für die er kämpfen sollte, als falsch erkannt hatte. Dass er das überlebt hat, war eigentlich so etwas wie ein Wunder. Sein Protagonist, der Lehrer Stenka, im Roman "Es waren Habichte in der Luft" überlebt seine Flucht nicht.

"Bald bist du drüben, Stenka, bald. Strecke und Bewegung. Nicht das Brot verlieren, festhalten! Was schlägt mir gegen die Stirn? Eine Libelle - schlankes metallenes Körperchen, klirrende Flügel ... (...) Ich falle um! ... Was ist denn mit mir?" Leseprobe

Siegfried Lenz wurde Dolmetscher bei der britischen Besatzungsmacht und las dann alles, was er in die Finger bekommen konnte: "Von Hemingway habe ich viel gelernt, beispielsweise die Unerregtheit in Augenblicken, die zu Erregung Anlass geben, dann darüber, mehr über den Gegenstand zu wissen, als man mitteilen kann und einen Rest zurückbehalten muss. Ich habe viel von William Faulkner gelernt, den Umgang mit der Zeit, die Gleichzeitigkeit von Geschehnis und Wahrnehmung oder die Ungleichzeitigkeit. Und ich habe manches gelernt von Dostojewski. Diese drei Schriftsteller haben mich als jungen Schriftsteller wirklich beeinflusst."

Eigene Erfahrungen fließen in die Geschichte ein

Das lässt sich im Roman "Es waren Habichte in der Luft" deutlich nachvollziehen. Bis hin zu einer Traumszene, in der ein Pferdefuhrwerk im Eis einbricht. Siegfried Lenz hat die Geschichte örtlich und zeitlich von sich selbst abgelöst, auch wenn sie die eigene Erfahrung verarbeitet. Sie spielt in der finnischen Landschaft Karelien am Ende des Ersten Weltkriegs, als eine neue Regierung alle Lehrer verhaftet, weil sie angeblich alte, nun als falsch erkannte Lehren verbreiten. In der Figur des Theoretikers Aati, der die Männer des Dorfes Pekö mit seinen Reden aufhetzt, entlarvt Lenz die Unlogik einer rigiden Ideologie:

"Bleiben wir logisch! Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Es kann nichts Neues geben, wenn keine Späne fallen. Darauf darf man keine Rücksicht nehmen. Späne bleiben Späne! Denken wir radikal: Gerechtigkeit wird es so lange nicht geben, wie Menschen unbeschränkt über Menschen entscheiden können." Leseprobe

Im Jahr 1951 erschien dieser erste Roman von Siegfried Lenz, zuerst als Fortsetzungsroman in der "Welt", vom Autor selbst eingeteilt und zu seiner Überraschung von den Lesern als äußerst spannend empfunden, und dann als Buch bei Hoffmann & Campe. Die jetzt erschienene kommentierte Ausgabe ist wesentlich hochwertiger und geschmackvoller gemacht als die damalige Erstauflage.

Eine wichtige Stimme deutschsprachiger Literatur

Aber Kritik und Lesepublikum haben trotzdem sofort erkannt, dass diese neue Stimme wichtig für die deutschsprachige Literatur war - und das gilt unverändert. Die bildhafte Sprache, das zur Parabel überhöhte Geschehen und die Stimmigkeit des Gefühls sprechen auch zu jedem heutigen Leser mit unverminderter Intensität. 

"Die Arbeit als Schriftsteller", erklärt Lenz, "so definiere ich sie, besteht darin, Angebote zu machen, Offerten zu machen, an einen Leser, den man nicht kennt. Literatur entsteht zweimal, einmal durch den Autor und einmal durch den Leser."

Es waren Habichte in der Luft

von Siegfried Lenz
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-840591-0
Preis:
38,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 01.12.2016 | 12:40 Uhr

Weitere Bücher von Siegfried Lend bei ndr.de

Buchcover: Der Überläufer von Siegfried Lenz. © Hoffmann und Campe

Der spätentdeckte Roman von Siegfried Lenz

"Der Überläufer" von Siegfried Lenz wurde aus politischen Gründen Anfang der 50er-Jahre nicht verlegt. Die Geschichte von Schuld und Verrat passte nicht in die damalige Zeit. mehr

Mehr Kultur

Joachim Lux, der Intendant des Thalia Theaters, im Porträt. © picture alliance Foto: Christian Charisius

Joachim Lux: "Neue Corona-Regeln müssen für alle gelten"

Der Intendant des Hamburger Thalia Theaters kritisiert mangelnde Fairness bei den Corona-Maßnahmen. mehr

Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. © Deutscher Kulturrat Foto: Tim Flovor
5 Min

War's das? Wie bewertet die Kultur die neuen Corona-Maßnahmen?

Ist Kultur schon wieder der Buhmann? NDR Info im Gespräch mit Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. 5 Min

Leere Sitze in einem Theater © picture alliance / Geisler-Fotopress

Corona-Lockdown: "Theater sind sichere Orte"

Bis vorerst Ende November müssen wir auf Kultur verzichten. Ein Gespräch mit der Theaterintendantin Amelie Deuflhard. mehr

Die bunten Figuren "Nanas" der Künstlerin Niki de Saint Phalle © HMTG

Niki de Saint Phalle: Schöpferin der Nanas wäre 90 Jahre alt

Die französische Künstlerin wurde am 29. Oktober 1930 geboren. Drei ihrer berühmten, bunten Nanas stehen im Hannover. mehr