Stand: 29.07.2016 10:51 Uhr  - NDR Kultur

Publizistisches Allroundtalent Philipp Blom

von Claudio Campagna
Philipp Blom © picture alliance Foto: Karlheinz Schindler
Philipp Blom übersetzt seine auf Englisch verfassten Bücher selbst ins Deutsche.

Philipp Blom ist ein publizistisches Allround-Talent: Schriftsteller, Journalist und Wissenschaftler in einer Person. Seine Publikationen erhalten regelmäßig Preise. Darunter befindet sich auch eine Auszeichnung beim NDR Kultur Sachbuchpreis im Jahr 2009. Die Forschungsarbeit unterbricht der Autor immer wieder mal für einen Roman. Literatur sei seine erste Liebe, sagt er. Der Unterschied zwischen einem Schriftsteller und einem Historiker ist für ihn auch nicht so groß: "Es geht immer darum, Geschichten zu erzählen. Geschichten zu erzählen über Menschen. Der einzige Unterschied ist für mich, dass ich bei den Sachbüchern nichts hinzuerfinde und bei den Romanen versuche, dieselbe Art von menschlicher Wahrheit durch kunstvolles Lügen zu erreichen", bekennt der Autor.

Noddeutscher Zungenschlag ist Blom "sehr vertraut"

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1970 wurde Philipp Blom in Hamburg geboren. Er wuchs im nordrhein-westfälischen Detmold auf, studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Oxford. Nun lebt er in Wien. Norddeutschland empfindet er aber immer noch als seine Heimat: "Ich bin mit 19 Jahren aus Deutschland weggegangen und habe seither nicht mehr in Deutschland gelebt. Ich fühle mich eigentlich in vielen Orten zu Hause. Aber das Licht, das es in Norddeutschland gibt, der norddeutsche Zungenschlag - das ist mir sehr vertraut und dann wird es mir warm ums Herz. Hamburg ist immer noch eine Stadt, die ich sehr gerne besuche. Und ich merke, dass Heimatgefühl ganz anders funktioniert, als man sich das denkt. Das hat nichts mit dem Pass zu tun, sondern das hat damit zu tun, wie die tiefsten Instinkte funktionieren", erzählt Philipp Blom.

Mit 22 Jahren veröffentlichte Blom seinen ersten Roman mit dem Titel "Die Simmons Papiere“. Wie auch bei manchen späteren Büchern hat er ihn erst auf Englisch verfasst und dann ins Deutsche übersetzt. Es folgte die Erzählung "Luxor" und jetzt "Bei Sturm am Meer". "Diesen Roman habe ich tatsächlich nicht auf Englisch geschrieben. Vielleicht auch, weil er eine Familie beschreibt, die einige Berührungspunkte mit meiner Familie hat. Das fand ich auf Deutsch einfacher und näherliegender. Gewisse Wendungen und Worte, lassen sich nicht so einfach übertragen", erklärt Blom.

Hauptfigur mit Ähnlichkeiten zum Autor

Die Hauptfigur in dem Roman heißt Ben. Blom hat ihr ein paar Züge von sich selbst verliehen. Ben stellt zunehmend fest, dass er verblüffend ähnlich denkt und fühlt wie sein Vater. Und das, obwohl dieser aus seinem Leben verschwand, als er erst vier Jahre alt war. Wie kann das sein? Wird Persönlichkeit vererbt? Wie groß ist dann noch unsere eigene Entscheidungsfreiheit? Eine abschließende  Antwort hat auch der Autor nicht parat: "Das ist die große Frage. Ich glaube, wir finden zu unserer Bestürzung immer wieder heraus, dass wir längst nicht so frei und selbstbestimmt sind, wie wir das gerne hätten und glauben. Und wenn wir dann etwas über uns selbst herausfinden, indem wir zum Beispiel etwas über unsere Eltern herausfinden oder den Ort, an dem wir aufgewachsen sind, dann entsteht ein Kontext und oft auch das Gefühl, etwas, von dem ich dachte, dass es mich besonders individuell macht, gehört auch anderen Leuten."

Wissenschaft mit literarischem Blick

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So wie er im Roman philosophische Fragen stellt, geht Blom wissenschaftliche Arbeiten auch gerne literarisch an: erzählend, unterhaltsam und mit Blick fürs Detail. Sein Themenspektrum dabei ist breit. In den Büchern "Die bösen Philosophen" und "Das vernünftige Ungeheuer" hat er sich mit der Philosophie der Aufklärung auseinandergesetzt. In den zwei dicken Bänden "Der taumelnde Kontinent" und "Die zerrissenen Jahre" untersucht er die Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts vor und nach dem Ersten Weltkrieg.
Gerade hält sich der vielseitige Autor in Los Angeles auf. Das Getty Research Institute hat ihn eingeladen. In dessen großer Bibliothek sieht sich Philipp Blom nun nach Ideen für neue Buchprojekte um.

Philipp Blom - Vita

Philipp Blom arbeitete in London und Paris und lebt heute in Wien.
Er schreibt Sachbücher und Romane auf Englisch und auf Deutsch sowie Artikel für Zeitungen und Zeitschriften in Großbritannien, etwa für The Guardian und The Independent. Im deutschsprachigen Raum erscheinen seine zeitgeschichtlichen Kommentare zum Beispiel in "Die Zeit" oder der "Süddeutschen Zeitung". Im österreichischen Kultursender Ö1 moderiert Philipp Blom regelmäßig eine Diskussionssendung.

Auszeichnungen (Auswahl)

  • 2012 Theodor-Körner-Preis für Wissenschaft, Wien
  • 2011 - 2012 Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien, Wien
  • 2010 De Groene Waterman Prijs, Antwerpen
  • 2009 NDR Kultur Sachbuchpreis für "Der taumelnde Kontinent. Europa 1900 - 1914"

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 01.08.2016 | 12:40 Uhr

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