Der Schriftsteller Daniel Kehlmann © picture-alliance /dpa Foto: Erwin Elsner

"Tyll und der Preis der Freiheit"

Stand: 09.10.2017 15:54 Uhr

"Tyll" heißt der neue Roman von Daniel Kehlmann über eine Figur, die dem sagenhaften Till Eulenspiegel nachgebildet ist, der den Menschen einst Streiche gespielt und einen Spiegel vorgehalten haben soll.

von Heide Soltau

Daniel Kehlmann: "Tyll" © Rowohlt Verlag
"Tyll" beschreibt die Gräuel des Krieges und eine aus den Fugen geratene Welt.

Daniel Kehlmann hat es schon einmal mit einem historischen Stoff auf die Bestsellerlisten geschafft: 2005 mit dem Roman "Die Vermessung der Welt", einer fiktiven Doppelbiografie über den Naturforscher Alexander von Humboldt und den Mathematiker und Astronomen Carl Friedrich Gauß. Der NDR hat "Tyll" zum Buch des Monats gekürt.

Till soll Norddeutscher gewesen sein

Der historische Till Eulenspiegel soll vor mehr als 700 Jahren seine Späße getrieben haben und angeblich ein waschechter Norddeutscher gewesen sein, in Kneitlingen bei Braunschweig geboren und in Mölln gestorben. Aber nichts ist eindeutig verbürgt. Ausgangspunkt aller Legenden ist bis heute die niederdeutsche Schwanksammlung, die 1510 erschien. Daniel Kehlmann verpflanzt seinen Tyll ins 17. Jahrhundert. Der Roman spielt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Er erzählt von den Gräueltaten auf beiden Seiten, ob Katholiken oder Protestanten: Sie brandschatzen, morden und verwüsten das Land.

"Wir beteten viel, um den Krieg fernzuhalten. Zum Allmächtigen beteten wir und zur gütigen Jungfrau, wir beteten zur Herrin des Waldes und zu den kleinen Leuten der Mitternacht, zum heiligen Gerwin, zu Petrus dem Torwächter, zum Evangelisten Johannes, und sicherheitshalber beteten wir auch zur Alten Mela, die in den rauen Nächten, wenn die Dämonen frei wandeln dürfen, vor ihrem Gefolge her durch die Himmel streift." Leseprobe

Doch vernichtet der Krieg auch diese namenlose Stadt und ihre Bewohner. Aber vorher kommt Tyll und zeigt seine Künste, als Seiltänzer, Bauchredner und Moritatensänger. Die Menschen erkennen ihn sofort, sie wissen von Flugschriften, wie er aussieht mit seinem gescheckten Wams, der zerbeulten Kapuze und dem Mantel aus Kalbsfell und lassen sich mitreißen von ihm und seiner Vorstellung. Und als er sie auffordert, den rechten Schuh auszuziehen und wegzuwerfen, tun sie es, um kurz darauf beim Wiedereinsammeln in Streit zu geraten.

Daniel Kehlmann erzählt im ersten Kapitel, wie Tyll die Menschen bezaubert und manipuliert, aber sie auch für ihre Gutgläubigkeit verspottet. Es ist die Ouvertüre zu einem Roman über die Verführungen der Macht, der Macht des Wissens, der Kunst und der Religion, und ein Roman über den Preis der Freiheit, den Tyll und andere zahlen müssen, die dem traditionellen Leben den Rücken kehren.

Sie haben keinen Schutz, aber sie sind frei. Sie müssen keine Leute aufknüpfen. Sie müssen niemanden töten. Leseprobe

Tyll lernt früh, sich durchzubeißen

Es ist eine harte Schule, die Tyll durchläuft. Der Vater, ein Müller und Außenseiter im Dorf, kann lesen und befasst sich mit naturwissenschaftlichen Fragen, bis er der Hexerei verdächtigt wird und am Galgen landet. Aus Angst, ein gleiches Schicksal zu erleiden, flieht Tyll mit der Bäckerstochter Nele. Von einem Bänkelsänger und einem Gaukler lernen die beiden Kinder die Kunst der Unterhaltung, bis sie sich selbstständig durchschlagen können.

Daniel Kehlmann erzählt, raffiniert und voller Komik, aus wechselnden Perspektiven von den Etappen ihres Lebens, das sie mit Berühmtheiten ihrer Zeit zusammenführt: darunter der böhmische Winterkönig Friedrich V. von der Pfalz und dessen Frau, Elisabeth Stuart, der schwedische König Gustav Adolf, der Jesuit und Gelehrte Athanasius Kircher und andere. Kehlmann fiktionalisiert die historischen Figuren und erfindet neue hinzu, die sich an Tyll erinnern und von ihm berichten.

"Er habe ja nicht wissen können, schrieb der dicke Graf in seiner in den frühen Jahren des achtzehnten Jahrhunderts verfassten Lebensbeschreibung, als er schon ein sehr alter Mann war, geplagt von Gicht, Syphilis sowie der Quecksilbervergiftung, die ihm die Behandlung der Syphilis eingetragen hatte, er habe ja nicht wissen können, was ihn erwarte, als Seine Majestät ihn im letzten Kriegsjahr ausgeschickt habe, den berühmten Spaßmacher zu finden." Leseprobe

Für den dicken Grafen, Martin von Wolkenstein, der, wie er bekennt, neugierig darauf ist, dem Krieg endlich "unverstellt ins Antlitz zu sehen", wird es eine Reise in die Hölle, denn er gerät in die Schlacht von Zusmarshausen, die letzte im Dreißigjährigen Krieg.

Eine Hymne auf die Literatur

Es werden viele Schlachten geschlagen in diesem Roman, auch in religiösen Dingen, so etwa, wenn es um Folter im Namen des Herrgotts geht, oder um lateinische Bücher mit verstörenden Abbildungen. Ferner ist von Drachenkämpfen die Rede, einem sprechenden Esel und Schneeflocken, die süß schmecken.

Tyll ist ein märchenhaft anmutender Roman, ein bisschen Harry Potter für Erwachsene, nur böser und witziger und bildungsbürgerlicher komponiert. Für literaturhistorisch Versierte eine besondere Fundgrube. Aber Tyll ist vor allem eine Hymne auf die Literatur. Denn darauf beruht ja die Legende von Till Eulenspiegel: auf den zahlreichen Geschichten, die über ihn kursieren. Mit Daniel Kehlmanns Roman ist eine weitere hinzugekommen.

Tyll

von Daniel Kehlmann
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-03567-9
Preis:
22,95 €

Dieses Thema im Programm:

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