Stand: 15.01.2018 00:01 Uhr

NDR Buch des Monats: "Felix und Felka"

Felix und Felka
von Hans Joachim Schädlich
Vorgestellt von Alexander Solloch
Bild vergrößern
Der Roman befasst sich mit dem Schicksal des von den Nazis ermordeten Malerpaars Felka Platek und Felix Nussbaum.

Einer der großen Söhne Osnabrücks, wohl einer der größten Künstler, den die Stadt in Niedersachsen je hervorbrachte, steht im Mittelpunkt des "NDR Buchs des Monats": der Maler Felix Nussbaum. Jäh verlor er mit Ende 20 seine Heimat, weil er Jude war. Mit seiner Frau Felka Platek - auch sie eine Malerin - irrte Felix Nussbaum, mal hoffnungs-, mal angstvoll, durch Europa - bis zum schrecklichen Ende: Auschwitz.

Der Berliner Schriftsteller Hans Joachim Schädlich, der als Bürger der DDR das System von Bedrängung und Bespitzelung unbotmäßiger Künstler am eigenen Leibe kennenlernte, ehe er mit seiner Familie in den Westen emigrierte, erzählt diese Geschichte von Flucht, Angst und Tod in seinem neuen kleinen Roman "Felix und Felka".

Viele gehen nach Palästina, die Nussbaums nicht

Weitere Informationen

Hans Joachim Schädlich liest in Osnabrück

Felix Nussbaum ist einer der größten Söhne Osnabrücks. Der Autor Hans Joachim Schädlich hat dort im gleichnamigen Museum sein Buch über den Maler und dessen Frau Felka präsentiert. mehr

Mit einer Ohrfeige für Felix Nussbaum fängt der bittere Weg in sein Ende an. So fängt auch Hans Joachim Schädlichs Text, eine literarische Mischform aus Dokumentation und freier Erzählung, an. Im Mai 1933, gerade hat ja wieder mal eine "große Zeit" begonnen, erlaubt sich im Garten der Villa Massimo in Rom der Maler Hanns Hubertus Graf von Merveldt diesen kleinen Gewaltakt gegen seinen jüdischen Kollegen: Er wirft ihm Ideendiebstahl vor. Um kein Aufsehen zu erregen, muss der Leiter des Künstlerhauses beide entlassen. Felix und seine Frau Felka fragen sich: und wohin jetzt? Der alte Osnabrücker Freund Fritz Steinfeld bedrängt sie: "Kommt mit nach Palästina, kommt mit!"

"Aus Italien und Frankreich kommen Flüchtlinge auf gecharterten Schiffen und gehen illegal an Land, in Haifa oder Tel Aviv. Sie tauchen unter, mit der Hilfe zionistischer Kämpfer."
"Ach, Fritz. Vielleicht kommen wir ins Land. Aber was können wir dort machen. Landarbeiter im Kibbuz sein. Malen nicht."
"Ich verstehe dich schon. Aber ich verstehe dich auch nicht. Überall in Europa hast du die Nazis vor der Tür. Was habt ihr vor? In Italien bleiben? Bei Mussolini?
"Nein. Nach Paris. Ostende. Brüssel." Leseprobe

Odyssee durch Europa

Immer schlüpfen Felix und Felka irgendwie durch, manchmal sogar mit Hilfe der Bürokratie. Von Belgien aus beobachten sie, wie es die engste Verwandtschaft wieder nach Osnabrück zieht - es wird schon nicht so schlimm sein. Auch Felix und Felka - so sehr das Gefühl, heimatlos und einsam zu sein, an ihnen zehrt - wollen ans Fürchterlichste nicht denken, solange es die Kunst gibt. Einem Bekannten schreibt Felix:

"Als Kind wollte ich unter vielem Malen mal wieder ein Stück Kuchen haben. Die Bitte wurde abgelehnt mit den Worten: 'Mal dir Kuchen!' Das habe ich dann getan, und er hat mir besser geschmeckt als der im Bäckerladen. So mach ich's noch heute." Leseprobe

Dann aber kommt der Tag, an dem auch die Kunst keine Hilfe mehr verspricht: der Tag, an dem die Deutschen ihren Krieg beginnen. Bald sind sie auch in Belgien, stehen fast vor der Haustür. Hans Joachim Schädlichs vorher schon sehr sparsame Sprache reduziert sich jetzt aufs Extremste.

Am Vormittag zwei belgische Polizisten.
Sie nehmen Felix fest.
"Warum?" sagt Felix.
"Feindlicher Ausländer."
Felka sagt:
"Blödsinn. Wir sind keine Feinde von Belgien.
Unser Feind heißt Hitler.
Nehmt mich auch mit.
Ich bin gegen Hitler."
"Nur Männer!" sagt einer der Polizisten.
Felka umarmt Felix und weint. Leseprobe

Das Unausgesprochene macht am meisten Angst

Bildergalerie
3 Bilder

Nussbaum-Werke: Porträts und Stillleben

Der IHK Osnabrück gehören drei Bilder des Malers Felix Nussbaum. Sie hängen als Dauerleihgabe im Nussbaum-Haus. Wie lange noch, ist offen. Die Kammer will die Bilder verkaufen. Bildergalerie

Was nicht gesagt wird - und das ist das meiste -, muss sich der Leser denken: "Nun wollen ja nicht unbedingt alle Leute gern denken", weiß der Autor, "sondern die wollen beim Lesen einfach zugeschüttet werden mit allen Einzelheiten, schmückenden Nebensätzen und Beiworten und so weiter. Das kann schon sein, da habe ich Pech gehabt, wenn ich auf diese Leser treffe. Ich rechne eher gerne mit Lesern, die die Reduktion des Textes akzeptieren als Möglichkeit, Raum zu finden zum Selberdenken."

Noch etwas anderes schafft Schädlich mit seinem bis an die Schmerzgrenze reichenden Minimalismus: Er findet eine Sprache für das, was sich durch tausend klingende Worte nicht ausdrücken ließe. Nie hat einen die nackte Angst vor der Bösartigkeit der Menschen kälter und panischer angesprochen als in diesem Text.

Gerippe spielen zum Tanz - "Triumph des Todes". Inmitten der zusammengestürzten Welt - menschliche Skelette mit Musikinstrumenten. Der Tod spielt Trompete. Felix erwacht. Er schwitzt. Er zittert. Leseprobe

Felix und Felka

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-06437-2
Preis:
19,95 €

Mehr zu Felix Nussbaum

Mit Felix Nussbaum auf der Flucht

Der Osnabrücker Maler Felix Nussbaum war mehr als zehn Jahre vor den Nazis auf der Flucht. Forscher haben jetzt seinen Fluchtweg multimedial aufgearbeitet. mehr

Mehr Kultur

28:57
NDR Info

Haiti Magazin: Städte mit Geschichte

27.05.2018 07:30 Uhr
NDR Info
58:09
NDR Info
04:09
Hallo Niedersachsen

Funkbilder feiern 70-jähriges Jubiläum

22.05.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen