Stand: 03.06.2019 00:01 Uhr

NDR Buch des Monats: "Ein Haus auf dem Land"

Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt
von Jan Brandt
Vorgestellt von Danny Marques Marcalo

"Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen", so heißt der Doppelroman von Jan Brandt - das NDR Buch des Monats Juni. Doppelt, das bedeutet, dass in diesem Buch zwei Bücher stecken. Bis zur Mitte ist es eine Geschichte. Dann muss man das Buch um 180 Grad drehen, um die zweite Geschichte zu lesen.

Jan Brandt

Wie wir wohnen - Jan Brandts neues Buch

Bücherjournal -

"Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt" heißt das neue Buch von Jan Brandt. Es beinhaltet zwei unterschiedliche Bücher, angelegt wie die zwei Seiten einer Medaille.

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Jan Brandt beschreibt zum einen, wie er versucht, ein altes Haus im niedersächsischen Ihrhove, wo er aufgewachsen ist, zu retten. In der anderen Hälfte schreibt der 45-Jährige über seine ewige, zermürbende Wohnungssuche in Berlin, wo er seit 20 Jahren lebt.

Es gibt keine Regel, in welcher Reihenfolge man dieses Buch lesen sollte. Chronologisch beginnt die Erzählung aber mit Jan Brandts Ankunft in Berlin. Dort zieht er von Wohnung zu Wohnung. Laute Nachbarn, faule Vermieter und die ewige Angst, als Kreativer die Miete nicht mehr bezahlen zu können, sind ständige Begleiter.

Mein erstes Jahr in Berlin habe ich positiver in Erinnerung, als es in Wirklichkeit war. Aber wie war es wirklich? Was weiß ich schon? Leseprobe

Jan Brandt ist in Ostfriesland aufgewachsen. Er habe dort alles abfackeln wollen, schreibt er an einer Stelle. In Berlin fühlt er sich anfangs aber auch nicht so recht wohl. Das liegt vor allem daran, dass er immer wieder umziehen muss, nie wirklich ankommen kann.

"Ich glaube, dass diese Verunsicherung mir tatsächlich nah ging, das hat viel ausgelöst. Irgendwann war jede Begegnung eine Geschichte. Ich dachte, selbst wenn ich diese Wohnung nicht kriege, dann passiert bestimmt etwas, was sich aufzuschreiben lohnt", erinnert sich der Autor.

Skurrile Anekdoten

Auf den Berlin-Seiten beschreibt Brandt, wie absurd, wie ermüdend, wie komplex es ist, ein Zuhause zu finden. Wer schon einmal eine Wohnung in der Großstadt gesucht hat, fühlt sofort, was er meint. Einmal weigert er sich einfach zu glauben, dass sein Vermieter wirklich Eigenbedarf hat und beschattet ihn.

83 Klingelschilder hatte ich mir angeschaut, mehr als tausend Namen gelesen, und am letzten Haus fand ich endlich den, den ich die ganze Zeit gesucht hatte. Ich wagte nicht, den Knopf zu drücken. Also stieg ich die Treppe wieder hinab und beugte mich tief in die Papiermülltonne hinein und entdeckte ganz zu unterst doch einen Brief. Kann ich ihnen helfen? Hörte ich über und hinter mir jemanden fragen.   Leseprobe

Eine wahnsinnige Anekdote. Aber: Es ist wirklich so gewesen, sagt der Autor: "Ich glaube, das ist Teil meiner Natur. Ohne diesen Wahnsinn kommt kein Buch zustande. Mit derselben Intensität, mit der ich an ein Buchprojekt rangehe, habe ich mich dann in die Wohnungssuche gestürzt. Oder auch in die Rettung des Hauses meines Urgroßvaters."

Urgroßvaters Haus soll gerettet werden

Auf der anderen Seite dieses so berührenden, weil sich so wahr anfühlenden Buches, auf dem Land, ist es nur oberflächlich ruhiger. Jan Brandt will das Haus seines Urgroßvaters retten, aber ihm fehlt das Geld.

In den Geschichten bekam es eine geradezu mystische Dimension, eine Art ostfriesische Akropolis, ein Tempel, der nur für die Götter unserer Familie errichtet worden war, um ihnen zu huldigen und ihr Andenken zu bewahren. Leseprobe

Dieser Teil des Buches wirkt weniger methodisch. Es geht nicht so sehr um Bevölkerungszahlen, vielmehr um ein Gefühl. Das Gefühl einer verschwindenden Heimat. Das liest sich hochemotional. Während die Familie mit dem alten Haus abgeschlossen hat, kämpft Jan Brandt dafür, vielleicht oder gerade, weil er in Berlin das Leben eines urbanen Nomaden lebt. Anders als seine alten Freunde auf dem Land.

Zwischen Humor und Depression

Fast alle waren verheiratet oder führten seit Langem eine solide Beziehung. Alle strahlten eine unheimliche Stabilität aus. Damals hatte ich ihre Entscheidung, dazubleiben, belächelt, heute bewundere ich ihre Zufriedenheit. Leseprobe

In eine ähnliche Kerbe hat Jan Brandt schon 2011 mit seinem Debütroman "Gegen die Welt" gehauen. Damals ging es auch um den Niedergang eines Dorfes. Dafür landete er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Auch das neue Buch mit dem langen Titel dürfte einiges Aufsehen erregen.

Jan Brandt wechselt spielerisch den Ton. Mal ist er witzig, mal deprimierend, auf einigen Seiten spürt man seinen Zorn über eine sich verändernde Welt, und immer ist es eine wunderbare Beobachtung von Menschen auf der Suche nach einer Heimat und einem Sinn. Dieses Buch ist so reichhaltig, kein Wunder, dass es gleich zwei Bücher ist.

Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt

von
Seitenzahl:
424 Seiten
Genre:
Biografie
Zusatzinfo:
Wendebuch/gebunden mit 40 farbigen Abbildungen
Verlag:
DuMont
Bestellnummer:
978-3-8321-8356-1
Preis:
24,00 €

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