Stand: 03.02.2020 08:48 Uhr

NDR Buch des Monats: "Die Verwandelten"

von Martina Kothe

Thomas Brussig bekam 1999 den Deutschen Drehbuchpreis für "Sonnenallee". Geschrieben hat er aber nicht nur für Film und Theater. In seinen Büchern geht es zumeist um die DDR, seine eigene Geschichte oder um Fußball. Er ist Gründer der Autoren-Fußballnationalmannschaft. Mit seinem neuen Roman "Die Verwandelten" hat er nicht nur den Verlag gewechselt - er ging von S. Fischer zu Wallstein -, sondern auch das Genre. Oder vielleicht hat er auch ein ganz neues Genre erfunden?

Thomas Brussig, Die Verwandelten © Wallstein Verlag
In Brussigs neuem Roman geht es um die sensationsgierige Gesellschaft, die Verwandlung vom Kind zum Erwachsenen und die schlichte Schönheit von Tieren.

Schauplatz des Romans ist ein verschlafenes Dorf auf dem Lande, es geht um eine Mutprobe von Jugendlichen in einer Waschanlage und schließlich um zwei Waschbären. "Ich drücke mich auch immer darum, die Grundidee des Romans preiszugeben, weil dann winken alle ab und sagen, was für ein Quatsch", sagt Autor Thomas Brussig. "Aber Grass musste auch irgendwann sagen: In der Blechtrommel geht es um einen Fünfjährigen, der beschlossen hat, nicht mehr zu wachsen, und dann spielen da noch eine Trommel und Nazis eine Rolle." Vielleicht sei es so, dass der Literatur eigentlich das entgegenkomme, was sich inhaltlich gar nicht zusammenfassen lässt. "Das kann dann zu einem Glanz erstrahlen, den man erst einmal nicht ahnt", erklärt Brussig das ungewöhnliche Setting seiner Geschichte.

VIDEO: Thomas Brussigs Buch "Die Verwandelten" (6 Min)

"Die Verwandelten" spielt in Mecklenburg

Bräsenfelde heißt der Ort in Mecklenburg, den Thomas Brussig sich als Glanzkulisse ausgedacht hat. Hilmar Hüveland ist der Bürgermeister des Ortes. Dessen 16-jährige Tochter Fibi hat sich in einen Waschbären verwandelt.

Fibi und ihr Freund Aram, der schon seit Monaten auf sein Probetraining beim HSV hinfiebert, folgen aus einer Laune heraus einer Anleitung im Internet, essen mehrere Beerenfrüchte und stellen sich anschließend in eine Autowaschanlage. Danach sind die beiden Waschbären - zumindest äußerlich.

"Es war so, dass ich an einem Sommerabend meine Tochter vom Bahnhof abgeholt habe, mit dem Auto. Es war fast schon dunkel, und auf einsamer Straße sind dann zwei Waschbären von der Straße gehuschelt. Da sagte meine Tochter zu mir: 'Komm jetzt schreiben wir beide eine Geschichte mit Waschbären. Du eine und ich eine'", erzählt Brussig, wie es zu der Idee kam. Auf die Geschichte seiner Tochter, sagt der Autor, warte er bis heute.

Ungewöhnliches und witziges Szenario

Thomas Brussig hat mit dieser surrealen Ausgangslage ein ebenso kluges, wie witziges Szenario entworfen. Die beiden, Aram und Fibi, leben weiter in ihren Familien. Fibis Eltern versuchen, eine Lösung zu finden, am besten das Rezept zur Rückverwandlung. Sie beauftragen Anwälte, gehen Spuren im Internet nach und schließen schließlich einen Vertrag mit einem Privatfernsehsender ab.

Die Eltern von Aram ändern nichts. Sogar zum Probetraining nach Hamburg fährt Holger Stein seinen Sohn, der als Beifahrer in einer Sporttasche sitzt.

Der Blick auf den Beifahrersitz hatte zur Folge, dass Holger Stein dicht auf einen Ford Galaxy auffuhr. "Du Eimer mit Rädern …" Als er gewahr wurde, dass der Galaxy von einer Frau gefahren wurde, ließ er diese Beobachtung in seine Beschimpfung einfließen: "Du Bratpfanne, lass deinen Mann fahren oder geh scootern!" Er überholte zahllose "Polackenpinsel", "Türkenpinsel", "Russenpinsel", "Baltenpinsel" und einem "Schwedenpinsel" gab er den Rat: "Komm, geh IKEA, Billy aufbauen!" Leseprobe

Interessantes Gedankenspiel

Zeitweise jagt eine Skurrilität die nächste - dann wieder nimmt Thomas Brussig das Tempo heraus und lässt seine Protagonisten ihr Leben als Tier erkunden. Sie stellen fest, dass vieles ganz selbstverständlich ist: sich ganz ohne Angst von einem Dach auf ein Fenstersims fallen zu lassen, auf Bäume zu klettern oder sich an die warme Erde zu drücken.

"Diese beiden Jugendlichen schweben immer zwischen Mensch und Tier, sie haben einen Tierkörper, aber eine menschliche Identität", erklärt Brussig. "Diese menschliche Identität verlässt sie dann aber und sie 'vertieren' in ihrem Verhalten, wenn sie nicht als Menschen angesprochen und angeregt werden."

Das Buch ist ein Wagnis. Diese Sorte surrealer Romane kennt man von Thomas Brussig nicht. Die Geschichte der Verwandelten steht für vieles: für eine sensationsgierige Gesellschaft, für die Verwandlung vom Kind zum Erwachsenen und für die schlichte Schönheit von Tieren. Es ist ein Roman, der in seinem Aberwitz großen Spaß macht und einen nicht kalt lässt.

Die Verwandelten

von Thomas Brussig
Seitenzahl:
328 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Wallstein
Bestellnummer:
978-3-8353-3605-6
Preis:
20,00 €

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