NDR Buch des Monats Dezember: "Glücksritter"

Stand: 05.12.2020 17:00 Uhr

Wie werden wir die, die wir sind? Das ist eine Frage, mit der sich viele beschäftigen. Im Zentrum steht dabei oft die Auseinandersetzung mit den Eltern.

von Katja Weise

Am Anfang steht ein Schock: Der achtzigjährige Vater, der, wie schon so oft, während des Urlaubs auf das Haus der Familie seines Sohnes aufgepasst hat, scheint in diesem Frühjahr 2011 einem Trickbetrüger aufgesessen zu sein, tausende Euro sind verloren:

Der erste innerliche Ausruf war: Gottverdammt, wie kann man bloß so bescheuert sein?! Und sofort schämte ich mich wieder meiner Eltern, ihrer mangelhaften gesellschaftlichen Geschmeidigkeit, ihrer kleinbürgerlichen Beschränktheit, ihrer sozialen Einsamkeit - all dessen, wofür ich mich mit sechzehn angefangen hatte zu schämen, als wir aus Böblingen in den gutbürgerlichen Hamburger Vorort umzogen (und ich all die parkettsicheren Kinder erfolgreicher, kommunikativer Eltern kennenlernte). Leseprobe

Ein Betrug ist der Anlass für eine Spurensuche

Inzwischen ist der Vater verstorben, und Michael Kleeberg nimmt diese Episode als Ausgangspunkt für seine Spurensuche. Wie konnte sein Vater auf diesen so offensichtlichen Betrug hereinfallen? Wie konnte ihn die Aussicht auf einen Geldsegen jedes Risiko ausblenden lassen? Die Recherchen münden in weit mehr als eine persönliche Auseinandersetzung, das auch, aber Kleeberg stellt sie - und dabei orientiert er sich bewusst an Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" - in einen größeren Zusammenhang:

"Krieg, alle möglichen, schrecklichen Erfahrungen, danach Aufbau, Freiheit, Wirtschaftswunder, also zeithistorischer Kontext, das zweite, der soziologische Kontext: Herkunft aus einer quasi asozialen Familie, bettelarm, dementsprechend der alles überbordende Aufstiegswille, und darin ist er für viele Millionen Menschen exemplarisch", erklärt der Autor.

Unnachgiebig und akribisch stellt Kleeberg Bezüge her. Er zeigt, dass der Vater sich nie wirklich kritisch mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat; er war Kind, nahm hin, was geschah, und nicht nur während des Krieges ging es vor allem ums Überleben. Auch später, als eigentlich "genug" Geld da war, beherrschte das Thema viele Diskussionen, war Anlass für Sorge und Streit. Kleeberg schreibt:

Und vielleicht, dachte ich dann und denke ich auch heute, kommt die Beschädigung der Seelen, die da zwangsweise passiert ist, erst mit einer oder zwei Generationen Verspätung wieder an die Oberfläche. Leseprobe

Prügel und Zärtlichkeiten in der Kindheit

Wie ein Soziologe untersucht der Autor das Leben des Vaters, der Eltern. Auch das eigene gerät dabei zunehmend und unwillkürlich in den Blick. Scham spielt dabei immer wieder eine wichtige Rolle, Wut, Unverständnis. Schon für das Kind gab es Prügel und bedingungslose Zärtlichkeit:

Ich habe lange gebraucht - im Grunde bis heute, bis nach seinem Tod -, um Jekyll und Hyde als einen einzigen Menschen wahrzunehmen. Mich nicht immer zu fragen: Wer ist er denn? Der eine oder der andere? Schließlich schien nicht nur mein Vater eine schizophrene Persönlichkeit zu sein - auch ich war schizophren in meinem Verhältnis zu ihm. Leseprobe

Der starke Wunsch zu verstehen

Getrieben von dem unbedingten Wunsch, verstehen zu wollen, ohne Rücksicht auf eigene Befindlichkeiten, ist Michael Kleeberg mit "Glücksritter" beides gelungen: eine eindringlich erzählte Geschichte von den 1930er-Jahren bis in die 2000-er und das Porträt eines Mannes, der trotz aller Widrigkeiten seinen Weg gegangen ist. Der dafür Verbindungen, auch zur Familie, kappte, weil er anders sein wollte, mehr wollte:

"Je tiefer ich in seinen Charakter und in seine Handlungsweise eingestiegen bin, desto mehr ist mir aufgefallen, wie ähnlich ich ihm selbst bin und wie illusorisch der Glaube ist, man könne sich selbst neu erfinden und ein ganz anderer werden als der, woher man kommt", sagt Kleeberg.

Eine Gemeinsamkeit: Schon der Vater war ein großer Geschichtenerzähler. Nur aufgeschrieben hat er sie nie.

Das NDR Buch des Monats im Programm

NDR Kultur sendet die Rezension am 7. Dezember 2020, 10.55 und 12.55 Uhr. Das NDR Fernsehen stellt den Autor am 7. November, 22.45 Uhr in der Sendung Kulturjournal vor, 12.40 Uhr.

Glücksritter

von Michael Kleeberg
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Galiani-Berlin
Bestellnummer:
978-3-86971-140-9
Preis:
20,00 €
Edward Brooke-Hitching: "Der Atlas des Himmels" (Cover) © Knesebeck
5 Min

"Der Atlas des Himmels"

Der reich bebilderte "Atlas des Himmels" präsentiert eine Geschichte der Astronomie - und das wissenswert und witzig. 5 Min

Michel Houllebecq: "Ein bisschen schlechter" © DuMont
4 Min

Michel Houellebecq: "Ein bisschen schlechter"

Der berühmte Autor Michel Houellebecq hat keinen neuen Roman im Angebot, sondern gesammelte Texte in Buchform gepresst. 4 Min

Rainer Wieland (Hg.): "Stand spät auf, legte mich dann aber wieder hin" © Piper
5 Min

Rainer Wieland: "Stand spät auf, legte mich dann aber wieder hin"

Der Band "Stand spät auf, legte mich aber dann wieder hin" versammelt eine Vielzahl an Tagebüchern aus 500 Jahren. 5 Min

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Gustave Flaubert: "Madame Bovary"

Emma ist Opfer ihrer Romantik-Schwärmerei. Von ihrer Ehe mit einem normannischen Landarzt enttäuscht, wirft sie sich in Liebesabenteuer und geht daran zugrunde. 5 Min

Gustave Flaubert: "Lehrjahre der Männlichkeit" © Hanser
5 Min

Gustave Flaubert: "Lehrjahre der Männlichkeit"

Gustav Flauberts zweiter Roman "Lehrjahre der Männlichkeit - Geschichte einer Jugend" ist in Deutschland wenig bekannt. 5 Min

Mehr Kultur

Folge 24: Alisa und ihre Freunde haben einen neuen Plan © Lemming Film

"Die Erben der Nacht" Staffel 2: Die Vampir-Serie geht weiter

Worum geht es in Staffel 2 der Teenie-Vampir-Serie? NDR Redakteurin Sandra Le Blanc-Marissal verrät Details und Hintergründe. mehr

Die Hamburger Sängerin Zoe Wees bei einem Auftritt © picture alliance / Geisler-Fotopress | Ulrich Stamm/Geisler-Fotopress Foto: Ulrich Stamm

Zoe Wees: Hamburger Musikerin tritt in US-Late-Night-Show auf

Die junge Hamburger Sängerin ist am Dienstag in der US-"Late Late Show" bei James Corden aufgetreten. mehr

Fotomontage: (v.l.) Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen © picture alliance / SvenSimon Foto: Frank Hoermann

CDU-Parteitag: "Keiner der drei wird Kanzlerkandidat werden"

Was wird der erste digitale Wahlparteitag der Bundesrepublik bringen? Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke. mehr

Eine Hand liegt an den Reglern eines Ton-Mischpults während einer Veranstaltung © imago images / Addictive Stock Foto: Ramón López

Aktion "Backstage-Helden": Hilfe für die Helfer hinter der Bühne

Menschen, die hinter der Bühne arbeiten, trifft Corona besonders schwer. Die Aktion "Backstage-Helden" will helfen. mehr