Stand: 28.06.2018 11:56 Uhr

NDR Buch des Monats: "Dämmer und Aufruhr"

Dämmer und Aufruhr
von Bodo Kirchhoff
Vorgestellt von Jan Ehlert

Am 6. Juli wird der Schriftsteller Bodo Kirchhoff 70 Jahre alt. Sein Schreiben sei der Versuch, Sexualität und Sprache zu versöhnen, gestand er einmal. Bereits in seinen frühen Werken wie "Ohne Eifer, ohne Zorn" oder "Bodybuilding" ist dies zu erkennen und das zieht sich auch wie ein roter Faden durch seine großen Romane "Parlando", "Die Liebe in groben Zügen" oder die Novelle "Widerfahrnis". Sein neues Buch "Dämmer und Aufruhr" ist ein autobiografischer Roman, in der sich Kirchhoff mit einem Missbrauch in seiner Kindheit und der Suche nach seiner sexuellen Identität auseinandersetzt.

Bodo Kirchhoff. © NDR/Kulturjournal

"Ich habe mich an falsche Götter gehalten"

Kulturjournal -

"Dämmer und Aufruhr" ist ein persönlicher, manchmal verstörender Roman. Bodo Kirchhoff zeichnet nach, wie er über Jahrzehnte seine Sprachlosigkeit über Sexualität bekämpft.

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Kirchhoff verknüpft Sprache und Sexualität

Er hätte auch Filmschauspieler werden können: Als Fünfjähriger sitzt er im Film "Keine Angst vor großen Tieren" Seite an Seite mit Boxlegende Max Schmeling im Zirkus und beobachtet, wie Heinz Rühmann aus Versehen in die Manege stolpert, genau vor die Zielscheibe des Messerwerfers.

"Und schon fliegen die Messer und ich sitze neben Max Schmeling in der ersten Reihe in der Loge und sage, Onkel Max, Onkel Max, warum trifft der Mann denn nicht?", erinnert sich Bodo Kirchhoff. "Das sage ich mit hochgeworfenen Ärmchen und Piepsstimme und das Verrückte ist, ich habe mich auf der Stelle ein Stück erkannt."

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Für "Widerfahrnis" erhielt Bodo Kirchhoff den Deutschen Buchpreis. In "Dämmer und Aufruhr" thematisiert der Schriftsteller seine Kindheit.

Vielleicht hat auch das Erkennen dieses Bildes dazu geführt, wieder in die eigene Kindheit einzutauchen. Als es für vieles noch keine Worte, sondern nur Empfindungen gab. In die Zeit, in der sich aber auch das erste verschwommene Begehren zeigte. Diese Autobiografie ist vor allem eine Autobiografie des sexuellen Erwachens.

"Mit dieser romanhaften Autobiografie setze ich dieses Vorhaben, Sprache und Sexualität zusammenzubringen, fort", meint Kirchhoff. "Ich hoffe und glaube, dass es durch dieses Buch auch zu einem gewissen Ende gekommen ist, weil ich halt zum ersten Mal die Geschichte meiner Sexualität als die Geschichte meines Schreibens erzählt habe."

Worte für das Unsagbare

Kirchhoff ringt nicht nur darum, für das noch Unbekannte eine Sprache zu finden, sondern auch für das, was den Rahmen unserer Sprache sprengt. Das, was unsagbar scheint. Kirchhoff schreibt von "verwischten Erinnerungen" und von "Schlüssellochbildern", die sich ihm eingeprägt haben. Zum Beispiel bei heimlichen Kinobesuchen in Filmen, die erst ab 18 waren, oder von dem ersten Blick auf Pornobilder aus Hamburg-St. Pauli.

Aber auch von der Sprachlosigkeit nach dem vermutlich einschneidendsten Ereignis seines Lebens: Als Schüler im Internat in Gaienhofen wurde er vom Kantor der Schule missbraucht - wobei Kirchhoff dieses Wort ganz bewusst nicht verwendet.

"Ich bin tief davon überzeugt, dass eine solche Erfahrung, die sich bei mir über drei Jahre hingezogen hat, nicht mit einem Wort zu erfassen ist", sagt Kirchhoff. Er versteht, dass viele es mit einzelnen Wörtern versuchen zu beschreiben, weil sie nicht die Möglichgkeit hätten in Ruhe über sowas nachzudenken und dazu eine Sprache zu entwickeln. "Aber ich kann das für mich natürlich nicht tun. Und man schreibt doch nicht ein Buch über Hunderte von Seiten, um sich dann auf ein einzelnes Wort festzulegen."

Sexueller Missbrauch und seine Folgen

Statt nur ein einzelnes Wort findet Kirchhoff viele poetische und fast schon romantische Worte. Sein Sprache setzt nicht auf bewusste Provokation, wie in seinen früheren Werken. Es gibt auch keine sprachlichen Peinlichkeiten beim Beschreiben des Geschlechtsverkehrs. Sex und Text bilden tatsächlich eine Einheit.

Die Glücksgefühle, die diese Affäre bei dem jungen Kirchhoff auslöste, finden sich hier genauso wie die quälende Eifersucht, als er erfährt, dass er nicht der einzige ist, der sich zu den "Erwählten und Emporgehobenen" zählen durfte. Dennoch macht Kirchhoff deutlich, was dieser Missbrauch für Folgen hatte: "Die Unruhe, die das alles in mir ausgelöst hat, wie diese Unruhe in meine späteren Beziehungen hineingetragen wurde. Das steht in 'Dämmer und Aufruhr' sehr genau drin."

Suche nach der eigenen sexuellen Identität

Kirchhoff schont sich nicht. Ohne Scham und ohne Schutz schreibt er ganz offen über die Suche nach seiner sexuellen Identität. Das ist gewagt, aber genau deshalb so gelungen. Zumal Kirchhoff noch eine zweite Ebene in dieses Buch hineinbringt, die er mit ähnlicher Offenheit schildert: Denn "Dämmer und Aufruhr" ist auch ein wunderbarer Roman über eine schwierige Mutter-Sohn-Beziehung.

Ein großer Teil des Buches spielt am Sterbebett der fast 90-Jährigen, zwischen Kirchhoff und ihr all das Unausgesprochene, das zwischen den beiden steht. Es gibt Momente im Leben, wo auch jemandem, der die Sprache so gut beherrscht wie Bodo Kirchhoff, einfach die Worte fehlen.

Dämmer und Aufruhr

von
Seitenzahl:
640 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Frankfurter Verlagsanstalt
Bestellnummer:
978-3-6270-0253-4
Preis:
28,00 €

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