Stand: 12.03.2018 00:01 Uhr

"Und plötzlich fängt im Norden eine Revolte an"

Im neuen Roman "Parker" von Matthias Göritz geht es um einen Politikberater, der nach Kiel kommt, um der Karriere eines aufstrebenden Jungpolitikers Anschub zu geben - und dabei auch vor einer Intrige nicht zurückschreckt.

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Matthias Göritz wurde 1969 in Elmshorn geboren. Heute lebt er in Offenbach.

Herr Göritz, in Ihrem Roman schimmert sehr viel Ortskenntnis durch. Wie haben Sie recherchiert, wie gut kennen Sie Schleswig-Holstein?

Matthias Göritz: Ich kenne Schleswig-Holstein aus meiner Kindheit sehr gut, ich bin in Elmshorn aufs Bismarck-Gymnasium gegangen und bin passionierter Fahrradfahrer gewesen. Ich habe viele Fahrradtouren unternommen, wann immer ich Zeit hatte, durch das ganze Land - es ist wirklich sehr schön! In Kiel war ich sehr oft, weil ich früher Handball gespielt habe - nicht besonders gut, aber mit großer Begeisterung. Später habe ich Kiel besser kennenlernen dürfen, ich war dort Rhetoriktrainer, um mir neben dem Studium Geld zu verdienen. Ich fand Kiel immer sehr spannend, weil es eine Stadt ist, die durch den Hafen und seine Backsteinformation wirklich etwas sehr Schönes hat - manchmal aber auch etwas bedrückend Düsteres, gerade im Winter.

Warum haben Sie ausgerechnet Kiel als Schauplatz für "Parker" gewählt?

Göritz: Kiel ist sehr interessant, weil Kiel Landeshauptstadt und zugleich Provinzstadt ist, mit einer großen geschichtlichen Tradition. Über den Hafen, über die großen Feste, über die Förde hat sie den selben Sehnsuchtsaufruf, den Hamburg auch hat, aber es ist alles eine Nummer kleiner. Und gleichzeitig ist Schleswig-Holstein politisch gesehen eigentlich immer so ein bisschen das Outsiderland, von wo aus immer neue kleine Anregungen kommen - im Moment ja auch wieder: Die Gegenkandidatin von Andrea Nahles ist die Oberbürgermeisterin von Flensburg, und Robert Habeck wechselt jetzt aus der Landes- in die Bundespolitik.

In der Geschichte der Stadt gibt es diverse Skandale und Affären: Engholm, Barschel, Simonis … Der Verlag bewirbt Ihr Buch als "House of Cards" in Kiel. Hat Kiel mehr Hollywood-Glamour, als gemeinhin angenommen wird?

Göritz: Auf jeden Fall! Der Katalog der Skandale und Skandälchen ist so groß wie vielleicht in keiner anderen Landeshauptstadt. Man scheint in kleineren Städten vielleicht die Zersetzungstätigkeiten, die auch das Politische mit sich bringt, noch stärker zu spüren, und es kommt noch stärker zum Vorschein als in großen Städten. Vielleicht ist der Hamburger da auch noch zu vornehm - wobei der Kieler, glaube ich, sagen würde: Wir haben ja unsere wunderbaren Segelveranstaltungen! Der Kieler Yachtclub ist der feinste und großartigste der Welt; ich glaube, dass es so eine Art geheimes Machtzentrum in Kiel gibt, das meine Helden versuchen anzusteuern.

Insgesamt glaube ich, dass es etwas sehr Norddeutsches gibt, das die Politiker verbindet und auch die Art, Politik zu machen: einerseits sehr traditionell zu sein, und dann doch ganz plötzlich mal den Regler umzudrehen und voll auf Windenergie zu setzen oder ökologische Politik zu betreiben. Und plötzlich fängt ganz im Norden so eine kleine Revolte an. Das hat auch schon Tradition: Am Ende des Ersten Weltkriegs gab es den Matrosenaufstand in Kiel und in Wilhelmshaven, und der hat sozusagen die Weimarer Republik hervorgebracht. Als würden dort geheime Linien laufen.

Neben den beiden fiktiven Hauptfiguren Parker und Mahler lassen Sie auch reale Politiker aus Schleswig-Holstein auftreten: Robert Habeck spielt eine wichtige Rolle, aber auch der frühere Ministerpräsident Torsten Albig, der in eine Intrige verstrickt wird. Warum gerade die beiden?

Göritz: Mit diesen Figuren habe ich eigentlich ein Kräfte-Parallelogramm geschaffen. Habeck ist die Figur, an der sich Mahler immer reibt. Das ist sein potenzieller Koalitionspartner und auch ein Mann, den er gleichzeitig bewundert, weil er eben schon ein bisschen weiter ist als Landwirtschaftsminister und designierter Nachfolger eines politischen Aufstiegs. Und die beiden nehmen sich gegenseitig auch ein bisschen die Themen weg. In meinem Roman ist Mahler derjenige, der eigentlich als erstes von einer neuen Besetzung des Heimatbegriffs redet. Das hat Habeck in der Realität erst in diesem Jahr gemacht. Und das hat mich tatsächlich sehr überrascht, das habe ich in meinem Roman nämlich schon ungefähr vor einem Jahr geschrieben.

Das ist ein sehr interessantes Begegnungsfeld von Fiktion und Realität, und ich glaube, dass Schleswig-Holstein sich dafür auch sehr eignet, wegen dieser auffälligen Verbundenheit: Schleswig-Holsteiner sagen ganz ähnlich wie die Dänen von sich selber, eigentlich seien sie die glücklichsten Menschen in Deutschland. Wenn man dann aber hinter die Fassaden guckt, merkt man auch, dass es nicht immer so ist.

Warum haben Sie die SPD ausgewählt als politische Hintergrundfolie?

Göritz: Ich glaube, die Sozialdemokratie fasziniert mich am meisten. Es ist die älteste deutsche Partei, es ist eine Partei, der ich, was die Grundsätze angeht, sicherlich auch am nächsten stehe, und deren Niedergang als große Volkspartei mich sehr beschäftigt. Es ist die Partei, die in den vergangenen Jahren am meisten an Profil und an Mitgliedern verloren hat - und die ganze Zeit die Wahlen verliert. Ich glaube, dass die SPD jüngere Leute bräuchte, wahrscheinlich vor allem auch jüngere Frauen, um gesellschaftlich wieder eine Wucht zu entwickeln, die Debatten anstößt.

Das politische Milieu in dem Buch erscheint sehr dicht und atmosphärisch. Wie haben Sie da recherchiert?

Göritz: Das sind auch Erfahrungen aus meiner frühen Kindheit, kombiniert mit dem Kennenlernen von realen Politikern. Früher war mein Vater ein kleiner Bürgermeister in Schleswig-Holstein, und ich habe relativ viel von der damaligen Politprominenz in Schleswig-Holstein mitbekommen, die dann immer wieder übers Land gefahren ist. Die moderne Politikergeneration, lerne ich jetzt kennen. Im Moment bin ich oft in Istanbul, in der Kulturakademie, und recherchiere für einen neuen Roman, der in den 1930er-Jahren spielt. Da lerne ich oft jüngere deutsche Politiker kennen. Ich kann auch oft mit Referenten und Redenschreibern sprechen. Außerdem habe selber einige Reden für Politiker geschrieben - sozusagen als kleines geheimes "Testfahrzeug" für den "Parker", um zu sehen, ob meine Art der Rhetorik heute noch was wert ist. Das gehört zum langen Recherche-Prozess dazu. Ich habe für den Roman bereits 2007 angefangen zu recherchieren, aber erst in den letzten zwei, drei Jahren wirklich an ihm geschrieben.

Es klingt alles danach, dass Sie nach wie vor ein recht positives Verhältnis zur Politik haben. Ihre Hauptfigur, Mahler, ist allerdings vergleichsweise skrupellos und spiegelt seine Überzeugungen immer an der Frage, wie gut sie beim Wähler ankommen ...

Göritz: Genau. Mahler ist der Sympathieträger nach außen, die Hoffnungsfigur. Aber tatsächlich ist er auch ein Machtzyniker. Er ist sicherlich nicht die gute Hoffnungsfigur, die wir uns alle wünschen würden. Ich glaube, es gibt viele idealistische Politiker, die ich sehr schätze und mag. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich das Politikermilieu so verändert und dynamisiert, dass eine neue Kultur des Streits und des Gesprächs entstehen kann, die dann vielleicht wieder genauer auf die tatsächlichen Probleme rekurriert. Und dann Lösungen kommen, die auch mal kreativ und verrückt sind, die man aber einfach mal ausprobiert, um zu schauen, was daraus wird. Ich glaube, dass wir da zu konservativ sind.

Das Interview führte Korinna Hennig

Weitere Informationen

NDR Buch des Monats: "Parker"

Matthias Göritz entwirft in seinem Roman "Parker" ein faszinierendes Zirkeltraining der Macht. Er beschreibt, wie sich Politiker immer wieder in Eitelkeiten verstolpern - und scheitern. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 13.03.2018 | 10:55 Uhr

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