Stand: 08.10.2018 18:33 Uhr

NDR Buch des Monats: "Mittagsstunde"

von Jan Ehlert

Ihr erster Roman war ein Überraschungserfolg. "Altes Land", die Geschichte des Flüchtlingsmädchens Vera, verkaufte sich mehr als 500.000 Mal - Kritiker sprachen sogar vom "Dörte-Hansen-Wunder". Drei Jahre ist es her, nun folgt der lang erwartete zweite Roman: "Mittagsstunde" - unser NDR Buch des Monats.

Buchcover von Dörte Hansen "Mittagsstunde". © Penguin Verlag
Dörte Hansens zweiter Roman "Mittagsstunde" spielt in dem fiktiven Dorf Brinkebüll in Nordfriesland.

Der Weltuntergang steht kurz bevor, davon ist Marret Feddersen überzeugt. Denn die Vorzeichen sind eindeutig: Die Störche kommen nicht mehr ins Dorf, die Stichlinge treiben tot im Teich - und bei der Treibjagd fand man nicht einen einzigen Hasen. Und so macht sich Marret auf, um die Einwohner von Brinkebüll zu warnen.

"Man konnte Marret Feddersen von Weitem hören, wenn sie in ihren weißen Klapperlatschen angelaufen kam. Sie trug die alten Dinger immer. Schiefgetretene Holzsandalen, auch bei Schnee und Eis. Wozu noch Schuhe kaufen. Die Leute seufzten, wenn sie das Klappern auf der Straße hörten. Dor kummt de Ünnergang al wedder. Es passte manchmal schlecht." Leseprobe

"Früher nahm man Leute einfach so, wie sie waren"

Doch Marret gehört dazu. Sie ist vielleicht etwas verrückt, aber: Sie ist eben eine aus dem Dorf. Eine aus Brinkebüll. "Ich glaube, es war früher so - noch ein bisschen mehr als heute -, dass man die Leute einfach so nahm, wie sie waren", sagt Dörte Hansen. "Eine Figur wie Marret Feddersen darf in dem Dorf Brinkebüll, in dem sie lebt, durch die Gegend klappern. Alle sagen: 'Ach Gott, jetzt kommt schon wieder der Untergang.' Aber das wird so hingenommen."

Ein fiktives Geestdorf in Nordfriesland

Dörte Hansen kennt sich aus in kleinen Dörfern. Sie ist in Högel groß geworden, einem Geestdorf in Nordfriesland mit wenigen Hundert Einwohnern in Nordfriesland. Die Menschen, die sie in ihrem neuen Roman "Mittagsstunde" beschreibt, hat sie dort kennengelernt. "Ich denke, es werden sich viele Geestbewohner wiederfinden", sagt die Autorin. "Brinkebüll ist zwar ein fiktives Dorf, aber es hat sehr viel Ähnlichkeit mit real existierenden Geestdörfern - und zwar nicht nur mit Högel, sondern mit vielen drum herum. Ich habe mir tatsächlich ein Geestdorf gebaut und dabei hat es mir geholfen, dass ich eins kannte."

Skurril, aber liebevoll lebensnah gezeichnet

Aber auch, wer nicht aus Nordfriesland stammt, der wird sie wahrscheinlich wiedererkennen: diese skurrilen, aber liebevoll lebensnah gezeichneten Brinkebüller wie die strenge Kaufmannsfrau Dora Koopmann, die nicht einsieht, warum man mehr als drei unterschiedliche Eissorten anbieten sollte - Schoko, Vanille, Erdbeer reicht doch. Den ewigen Junggesellen Hanni Thomsen, der auf seinem Mofa durch das Dorf tuckert und immer der Letzte im Gasthof ist. Oder Sönke und Ella Kröger, seit fast 75 Jahren verheiratet, obwohl die Liebe schon lange abhandengekommen zu sein scheint. Menschen, die so fest in ihrem Dorf verwurzelt sind, dass sie sich ein Leben woanders nicht mehr vorstellen können. "Was mich immer interessiert, ist, zu gucken: Wie werden die Menschen so, wie sie sind?", meint Dörte Hansen. "Das aufzuzeigen, was einen Menschen prägt, formt oder auch verformt. Das ist vielleicht universell."

Lärm in der heiligen Mittagsstunde

Auch Ingwer Feddersen ist durch das Dorf geprägt worden. Er lebt zwar schon lange in Kiel, trotzdem kehrt er jedes Wochenende zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern. Durch seine Augen blickt Dörte Hansen auf Brinkebüll. Auf die Veränderungen, die das Dorf seit Ingwers Jugend durchlaufen hat. Auf das, was verschwunden ist. Die Straße voller Pflastersteine, die geteert wurde. Die Bauern, die aufgaben. Der Lärm in der Mittagsstunde, die früher fast heilig war. "Ich habe lange überlegt, wie sich dieses Verschwinden eigentlich ausdrückt, was einem wirklich fehlt", sagt Dörte Hansen. "Das sind ganz viele Dinge wie Geräusche oder Dinge, die man nicht mehr sieht - zum Beispiel alte Heuwagen oder das Geräusch von aneinanderschlagenden Milchkannen."

Große Erzählung voll leiser Melancholie

Dörte Hansen erweckt sie wieder zum Leben, erinnert an diese verloren gegangene Welt, von der sich Ingwer und all die anderen Brinkebüller Schritt für Schritt verabschieden müssen. Eine große Erzählung voll leiser Melancholie und ein wunderschönes Denkmal für die Dörfer von damals. Denn ganz unrecht hatte Marret Feddersen nicht: Mit dem Einzug der Moderne ist auf den Dörfern tatsächlich eine alte Welt untergegangen.

Mittagsstunde

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Penguin Verlag
Veröffentlichungsdatum:
15.10.2018
Bestellnummer:
ISBN: 978-3-328-60003-9
Preis:
22 €

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